Ein Interview mit dem südafrikanischen LGBT-Aktivist Anthony Waldhausen


Das GAY AND LESBIAN NETWORK PIETERMARITZBURG (GLN) wurde 2003 gegründet und vereint heute zehn lokale Gruppen. Es arbeitet vor allem mit Jugendlichen, Arbeitslosen und marginalisierten LGBTIs. Die Provinz KwaZulu-Natal, in der Petermaritzburg liegt, ist eine grösstenteils ländliche und sehr arme Region mit grosser Arbeitslosigkeit, allgemein viel Gewalt und vielen sozialen Spannungen – was die Widerstände, gegen die GLN kämpft, noch verschärft.
www.gaylesbiankzn.org

Hallo Anthony, schön dich kennenzulernen! Wer bist du, was machst du und was hat dich in die Schweiz geführt?
Ich bin Direktor vom Gay & Lesbian Network in Pietermaritzburg, einer kleinen Stadt in Südafrika. Ich bin hier, weil ich über unsere Partnerorganisation Terre des Hommes Schweiz an die Konferenz Aidsfocus.ch in Bern eingeladen wurde. Ausserdem will ich mich mit Schweizer LGBT-Jugendorganisationen austauschen, da wir unsere Arbeit mit Jugendlichen ausbauen möchten.

Südafrika scheint da überhaupt nicht in das Bild reinzupassen, das wir in Europa sonst so von afrikanischen Ländern haben: Ihr habt einen sehr guten Anti-Diskriminierungsschutz, gleichgeschlechtliche Paare können heiraten und Kinder adoptieren. Da könnte mensch als Schweizer_in richtig neidisch werden! Aber wie sieht denn der Alltag aus? Wie ist es, als falschsexuelle_r Jugendliche_r in Südafrika zu leben?
Die Situation hier ist kompliziert. Ja, wir haben eine vorbildliche Gesetzeslage, weil damals nach dem Ende des Apartheid-Regimes Anfang der 1990er, als eine neue Verfassung geschrieben wurde, die LGBT-Organisationen sehr einflussreich waren. Alles war damals im Umbruch und die neue Regierung hat Rat bei verschiedenen Organisationen und Aktivist_innen gesucht. Diesen Moment haben die LGBT-Aktivist_ innen genutzt und so schliesslich viele LGBT-freundliche Gesetzesänderungen durchgebracht.
Das Problem ist aber, dass an diesem Prozess nur eine sehr kleine, elitäre Gruppe beteiligt war. In der breiten Gesellschaft hat sich die LGBT-freundliche Haltung aber überhaupt nicht durchgesetzt. Alles, was wir haben, ist auf Papier. Die meisten LGBT-Menschen erfahren in ihrem Alltag sehr viel Gewalt.


APARTHEID = Vollständige Trennung von Menschen verschiedener Hautfarbe in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, die insbesondere in Südafrika zwischen den 1940ern und 1990ern praktiziert wurde.
Noch heute werden Volkszählungen in Südafrika nach über Hautfarben definierten Kategorien durchgeführt. Demnach setzt sich die Bevölkerung heute aus ca. 79% „Schwarzen“, 10% „Weissen“, 9% „Farbigen“ und 2% „Asiaten“ zusammen.


Wie zeigt sich das?
Ein grosses Problem sind die sogenannten „corrective rapes“: Viele Menschen in Südafrika glauben, Lesben könnten „korrigiert“, also heterosexuell gemacht werden, wenn sie Sex mit einem Mann haben. Also werden sie vergewaltigt. Oft geht es aber auch eher darum, sie so für ihr Anders-Sein zu bestrafen. Wir gehen davon aus, dass in Südafrika eine Mehrzahl der schwarzen Lesben und Trans*-Personen, aber auch einige Schwule solche Gewalt erleben.
Was auch nicht gerade hilft, sind die vielen Hassreden von religiösen und politischen An- führer_innen: „Homosexualität ist un-afrikanisch“, also aus dem Westen importiert – das ist eine Ansicht, die sehr verbreitet ist.
Viele LGBT-Jugendliche verlassen die Schule, weil sie ständig schikaniert werden, oder sie werden von ihren Familien aus dem Haus geworfen. Da unser staatliches Sozialsystem sehr schwach ist, landen die Jugendlichen ohne Ausbildung und finanzielle Unterstützung ihrer Familie auf der Strasse.

Das sind eine Menge Probleme. Wo fangt ihr da mit eurer Arbeit an?
Ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist, LGBT-Jugendliche dabei zu unterstützen, finanziell unabhängig zu werden: Wir helfen ihnen bei der Jobsuche und beim Schreiben von Bewerbungen, veranstalten Kurse zur Selbstpräsentation und geben ihnen Tipps, wie sie ihr Geld gut einteilen können.
Ein anderes wichtiges Projekt ist unsere Theatergruppe. Die Jugendlichen können hier Selbstvertrauen gewinnen und sich mit ihren Erfahrungen auseinandersetzen. Aber wir behandeln nicht nur speziell LGBT-Themen, sondern auch Themen, die heterosexuelle Jugendliche betreffen, zum Beispiel Gewalt, AIDS oder Teenagerschwangerschaften. Theater ist ein sehr gutes Mittel, um persönliche Geschichten und Emotionen zu vermitteln und die Menschen dazu zu bringen, sich in andere hineinzuversetzen und sie zu verstehen. Manchmal spüren wir anfänglich viel Ablehnung vom Publikum, aber wenn nur eine Person anfängt, ihre Haltung zu hinterfragen, entwickelt sich eine ganz eigene Dynamik, die alles in Bewegung versetzt. Wir führen unsere Stücke auch oft an Schulen auf.

Toll, ihr geht an Schulen? Wie schafft ihr es, da reinzukommen?
Durch viel Hartnäckigkeit. Wir fragen einzelne Lehrpersonen an, immer wieder. Manchmal werden wir auch von vermittelnden Organisationen eingeladen, die beispielsweise eine Konferenz oder einen Workshop organisieren und uns darin einen Platz geben.
Für uns ist es wichtig, an Personen ranzukommen, die das Leben von LGBT-Jugendlichen entscheidend beeinflussen. Neben Lehrer_innen sind das beispielsweise auch Polizist_innen, Gesundheitspersonal oder Mitglieder von religiösen Gemeinschaften. Mit denen machen wir Sensibilisierungstrainings oder organisieren Diskussionsveranstaltungen. Diskutieren ist uns sehr wichtig. Wir wollen die Menschen wirklich ernst nehmen. Mit Priestern beispielsweise diskutieren wir immer auch über die Bibel, und zwar ganz genau – wir gehen einzelne Stellen durch.

Das klingt wahnsinnig anstrengend.
Ja, ist es auch. Wir bekommen sehr viel Gegenwind, und Veränderungen brauchen manchmal sehr lange. Aber was uns immer weiter vorantreibt, ist zu sehen, dass es tatsächlich auch Entwicklungen gibt. Erst kürzlich habe ich erlebt, wie ein Priester während der zweistündigen Diskussion mit uns seine Meinung geändert hat. Am Ende wollte er den schwulen Priester, den er entlassen hatte, wieder einstellen.
Ich denke, es ist wichtig, sich auf solche positiven Sachen zu konzentrieren und nicht den Mut zu verlieren, wenn etwas nicht klappt. Manchmal ist es besser, ein Anliegen zur Seite zu schieben und es später wieder zu versuchen.

Um noch einmal auf die Gesetzeslage zurückzukommen: Vor dem Hintergrund, dass die Gesetzeslage und die Alltagsrealität in Südafrika so weit auseinanderklaffen – hältst du es trotzdem wichtig, für Gleichberechtigung im Gesetz zu kämpfen?
Natürlich sind Gesetze wichtig. Sie müssen aber halt auch im Alltag umgesetzt werden, und hier setzen viele Aktivitäten unserer Organisation an. Viele Leute wissen gar nicht, welche Rechte sie haben. Das ist übrigens auch ein wichtiger Teil unseres Aktivismus: Den Jugendlichen zu erklären, wie sie ihre Rechte einfordern können – dass sie zum Beispiel ihren Arbeitgeber verklagen können, wenn er sie diskriminiert oder Polizist_innen, die sie nicht ernst nehmen, wenn sie Gewalt erfahren haben, melden können.

Von: Laura, 27 Doktorandin Gender Studies, Basel

Von: Laura, 27
Doktorandin Gender Studies, Basel

Es gibt ausser dir kaum Weisse in deiner Organisation. Ist das Zufall?
Nein. Heutzutage ist der LGBT-Aktivismus in Südafrika weitgehend von Schwarzen dominiert. Früher war das anders, da gab es fast nur weisse schwule Männer. Nach ihren Erfolgen in den 1990er-Jahren haben sich aber die meisten zurückgezogen, da sie nun relativ friedlich leben konnten. Das hat damit zu tun, dass die weisse Bevölkerung ökonomisch viel besser dran ist. Sie können shoppen, auf Partys gehen und allgemein ein sehr individualistisches Leben führen. Der viel ärmeren schwarzen Bevölkerung geht es noch nicht so gut. Deshalb bleiben wir dran.

Comment