Von: Judith (22), Studentin aus Zürich

Von: Judith (22), Studentin aus Zürich

Frena (76) ist Mutter zweier Kinder und seit zwanzig Jahren verwitwet. Vor zehn Jahren traf sie an einem Klassentreffen auf ihre erste grosse Liebe: Anneli.

Eigentlich wollte ich nie heiraten. Es nervte mich, eine Frau zu sein und vor den Männern die Schwache spielen zu müssen – ich war nämlich immer recht stark, und war ich alleine mit einer Freundin unterwegs, trug ich zum Beispiel ihre Koffer; wie ein Mann. Ich war neidisch auf meinen Bruder, der abends länger weg bleiben durfte, wo und mit wem er wollte. Klar, ich fand schon Wege, um die Regeln, die mir meine Eltern aufzwangen, herumzukommen: An den Nachmittagen ist ja auch vieles möglich (sie kichert). Aber ich hatte nur einen Freund, bevor ich meinen Mann kennenlernte. Dafür hatte ich viele enge Bezie- hungen zu Frauen. Freundschaftlich, aber immer sehr intensiv.

Ich heiratete erst spät – jedenfalls für die damaligen Verhältnisse. Erst mit drei- oder vierundzwanzig. Das war halt klar, dass mensch heiratete. Ich hatte Glück mit meinem Mann, Heinz. Er war nicht so wie die anderen Männer, so (sie fuchtelt mit der Faust), weisst du, so grob. Er respektierte mich und ich hatte ihn sehr gerne. Dass ich Kinder bekam, war dann auch ganz klar. Wenn mensch heiratet, dann bekommt mensch Kinder. Und das ist auch ganz schön, dass ich Kinder habe.

Vor zwanzig Jahren starb Heinz. Und dann war das eben vorbei. Es war für mich ganz klar, dass ich nicht nochmals heiraten würde, keinen Mann mehr wollte. Für mich persönlich dachte ich, wenn ich nochmals jemanden möchte, dann wenn schon eine Frau. Ja, mein nächster Mann wäre eine Frau (sie lächelt).

Ich glaube, ich habe erst nach seinem Tod begonnen, über meine eigene Sexualität nachzudenken. Früher wurde da halt nicht darüber geredet. Manchmal wurde etwas gemurmelt über einen Onkel, „der ein bisschen komisch ist“ oder mit einem anderen Mann zusammenlebt, aber das Thema war tabu – sowas wie Schwul- oder Lesbischsein gab es schlichtweg nicht. Mit meinem Mann sprach ich manchmal darüber, aber nicht über meine eigene Vorlieben oder Tendenzen. Erst als ich vor zehn Jahren an ein Klassentreffen der Primarschule ging, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Anneli war meine beste Freundin in der Primarschule. Wir unternahmen alles miteinander – „s Anneli und s Vreneli“ – wir waren immer zusammen. Als ich erfuhr, dass es ein Klassentreffen geben sollte, wollte ich Anneli vor dem Treffen unbedingt sehen. Wir hatten lange keinen Kontakt mehr gehabt und ich fragte mich, was, wenn Anneli plötzlich nicht mehr das Anneli war, das ich früher so mochte? Ich wollte wissen, wer sie ist, bevor wir uns im Kollektiv wieder sahen.
Also ging ich bei ihr vorbei, klingelte an ihrer Haustür – und da stand sie: Anneli. Wie früher. Einfach älter, natürlich (sie lacht). Ich wusste es ganz plötzlich. Dass sie meine erste grosse Liebe gewesen war. Dass ich sie immer noch liebte. Es hatte sich nichts verändert. Wir waren wieder s Anneli und s Vreneli.

Anneli hat jetzt einen Mann. Aber manchmal kommt sie bei mir vorbei. Dann sitzen wir hier im Küchentisch und halten uns an den Händen. Wir reden dann gar nicht so viel. Wir sitzen einfach nur da und halten uns.

Jetzt rede ich manchmal mit meinen Freundinnen über Homo- oder Bisexualität oder Transgender. Ich finde das toll, was es alles gibt. Meine Freundinnen sagen dann manchmal auch Dinge, die ich nicht gut finde. Dann werde ich aufbrausend – ich bin zwar nicht mehr so schnell zu Fuss, aber laut kann ich schon werden (sie grinst). Das ist gut. Es braucht Dynamik und es
soll darüber gesprochen werden.

Als was ich mich definieren würde? Ich weiss es nicht. Ich habe meinen Heinz auch geliebt. Aber für Anneli hatte ich keine vergleichbaren Gefühle. Auch wenn mir während meiner Zeit mit Heinz nichts fehlte, muss ich heute sagen, dass es immer sie war. Für mich gab es immer nur Anneli. 

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