Warum die Ehe für alle nicht das Ende der falschsexuellen Bewegung ist. - Meine Meinung

Von: Helen, 27 Student_in Gender Studies und Deutsche Philologie, Berlin

Von: Helen, 27
Student_in Gender Studies und Deutsche Philologie, Berlin

Als am 26. Juni 2015, just an dem Freitag, an dem das Pride-Wochenende vieler grosser Städte der USA und Europas begann, der US-amerikanische Supreme Court die gleichgeschlechtliche Ehe im ganzen Land für rechtens erklärte, war die Freude gross, die Feierei ausgelassen und Facebook plötzlich kunterbunt. In den Medien war von einem „historischen Schlusspunkt“ die Rede oder davon, endlich am „Ziel der LGBT-Bewegung“ angekommen zu sein. Sofort wurde in vielen anderen Ländern die Forderung laut, das Urteil zum Vorbild für die eigene, hinterherhinkende Gesetzgebung zu machen. In der Schweiz hatte die Rechtskommission des Nationalrats bereits im Februar mit der Annahme der grünliberalen Initiative den Weg zur Eheöffnung geebnet. Viele hofften und glaubten nun, dass das Urteil des amerikanischen Supreme Courts die Zustimmung der Bevölkerung positiv beeinflussen würde. Doch auch wenn das Urteil als ein entscheidender Schritt Richtung Gleichberechtigung für Queers gesehen werden kann, stellt sich die Frage, ob diese „Ehe für alle“ wirklich das Ende des Befreiungskampfes bedeutet oder ob dieser gar für einige nicht erst da überhaupt beginnt.

Denn wer will diese Ehe à la hetero überhaupt? Wenn mensch genauer hinsieht, lautet die Antwort darauf: hauptsächlich weisse Homosexuelle der Mittelschicht, welche aufgrund ihrer sexuellen Orientierung (und nur deswegen) von Gesetz und Gesellschaft diskriminiert werden und darum laut und empört für die staatliche Anerkennung ihrer Lebensform kämpfen. Daran ist ja erstmal nichts auszusetzen. Vorausgesetzt, mensch findet die Institution Ehe überhaupt erstrebenswert, aber das ist eine andere Frage. Jedoch gehen in diesem so aufwändig und lautstark geführten Kampf viel zu viele Stimmen unter und bleiben ungehört. Nämlich jene von denjenigen LGBTIQs, deren Diskriminierungserfahrungen nicht nur von ihrer Sexualität, sondern auch von ihrer Hautfarbe und/oder Nationalität her rühren: von queeren Migrant_innen und „Queers of Colour“ (also nichtweissen Falschsexuellen). Diese müssen sich nicht nur vor homo- oder transphoben, sondern auch vor rassistischen Übergriffen fürchten, vor Arbeitslosigkeit, vor der Leere auf ihren Tellern oder vor der Verweigerung medizinischer Hilfe, was besonders auch für Transpersonen verheerende Folgen haben kann. Für diese Menschen hat es also meist nicht erste Priorität , ob sie per Unterschrift und mit Champagnerdusche ihre Liebe für den_die gleichgeschlechtliche_n Partner_in offiziell machen können – ausser, sie können sich damit ihren Aufenthaltsstatus sichern.

Die Queer-Theoretikerin Jasbir Puar hat sich mit oben genannten Phänomenen im Kontext der USA befasst und nennt diese zunehmende Akzeptanz von (weissen Mittelschichts-) LGBTIQs bei gleichzeitigem Anstieg eines gesellschaftsfähigen Rassismus „Homo-nationalismus“. Sie beschreibt damit grob gefasst die Tendenz, dass immer öfter nationalistisch eingestellte Menschen in ihren Reden die (angebliche) Homo-Toleranz ihres Landes benutzen, um dieses als besonders toll, fortschrittlich und modern (und gleichzeitig andere Länder als rückschrittlich und unterlegen) darzustellen. In den USA ist das besonders problematisch, weil einige Kriege und Interventionen unter anderem damit gerechtfertigt werden, dass die dort unterdrückten Frauen und Homosexuellen “gerettet“ werden müssen. Auch in der Schweiz sind ähnliche Tendenzen vorzufinden, auch wenn das hiesige Militär nicht in den Krieg zieht. Zum Beispiel wird durch Plakatkampagnen wie „Es passiert nicht hier, aber jetzt“ von Amnesty International Schweiz, bei der Queer Amnesty Schweiz mit Postkarten auf die Lage von Queers in anderen Ländern aufmerksam gemacht hat, das Bild vermittelt, dass nur in anderen Ländern Menschenrechtsverletzungen passieren, die Schweiz dagegen gänzlich frei davon ist („Es passiert nicht hier“). Dadurch, dass diesen Ländern (oft nicht unberechtigterweise) besondere Grausamkeit (z.B. im Umgang mit Homosexuellen) zugeschrieben wird, werden deren Staatsangehörigen ebenfalls Barbarei und Rückständigkeit unterstellt. Wenn diese Menschen nun in der Schweiz leben, sind sie, neben unzähligen anderen Hürden, oft mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert. Somit wird das Bild eines fortschrittlichen, homofreundlichen („westlichen“) Staates zu Lasten von Menschen gezeichnet, die nicht die Privilegien der weissen homosexuellen Mittelschicht besitzen, was sich unter anderem in Formen des (anti-muslimischen) Rassismus durch weisse Homosexuelle, aber auch in der Ausgrenzung queerer Migrant_innen in LGBTI-Communities zeigt.

Auch in der Schweizer LGBTI-Community sind Formen des Homonationalismus zu finden, warum sonst würden Gruppen wie die Gay SVP überhaupt Zulauf finden? Die irrationale Angst vor „Überfremdung“ und den „rückständigen Einwanderungskulturen“ bringt beschämende Abstimmungsresultate und spielt den rechtskonservativen Parteien wunderbar in die weissen Hände. Aber es muss meistens gar nicht erst auf die rechte Seite des Regenbogens geschaut werden, denn auch vermeintlich progressive Dach- und Regionalorganisationen und „ganz normale“ Homosexuelle fügen sich in diese Reihen ein. Die Konstruktion des homophoben (männlichen) Migranten ist dabei ein beliebtes Muster: Als wären alle männlichen Migranten fast zwingendermassen homophob. Und sind Migrant_innen doch mal homosexuell, so müssen sie natürlich vor ihren „rückständigen“ Familien und „Heimatländern“ gerettet werden, denn die Homophobie kann scheinbar nur von diesen ausgehen und niemals von Schweizer_innen. Aussagen von führenden Personen der Verbände, Plakatkampagnen und Internetauftritte zeigen, dass Homophobie als ein Import dargestellt wird, der nichts mit den urschweizerischen Grundwerten zu tun hat (welche auch immer das sein sollen) und gleichzeitig ein unnötiger und falscher Gegensatz zwischen fortschrittlichen, homo-freundlichen Schweizer_innen und rückständigen, homophoben Migrant_innen hergestellt wird.

Hiermit soll nicht verneint werden, dass Homophobie – genau wie in der Schweiz und Europa – in anderen Ländern und in migrantischen Communities existiert, grausame Ausmasse annehmen kann und bekämpft werden muss. Aber Homophobie soll eben auch nicht als etwas angesehen werden, was nur von „ausserhalb“ kommt. Stattdessen muss zugehört werden und mit- und nicht füreinander gesprochen werden. Damit wir vielleicht doch einmal am Ende des Regenbogens ankommen: dann nämlich, wenn nicht nur einige Homosexuelle den Bund fürs Leben schliessen können, sondern wenn alle frei, anerkannt und in ihrer Verschiedenheit gleichberechtigt sind.

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