Die Geschichte der umstrittensten Farbe der Welt - und deren interessante Wendung.

„Die allgemein akzeptierte Regel ist Rosa für Buben und Blau für Mädchen. Der Grund dafür ist, dass Rosa eine entschlossenere, stärkere Farbe ist und daher passender für Buben, während Blau, das zarter und anmutiger ist, hübscher an Mädchen aussieht.“
Du hast gerade einen Auszug einer amerikanischen Frauenzeitschrift aus dem Jahr 1918 gelesen. Das scheint damals irgendwie verkehrt gewesen zu sein – oder doch nicht?
Von: David, 28 Verkaufsberater aus Zürich

Von: David, 28
Verkaufsberater aus Zürich

Geschichtliches I: Die Festlegung
Traditionell war Rot – die Farbe von Blut und Krieg – eine Männerfarbe. Rosa – das Rot für die Kleinen – war also für neugeborene Buben bestimmt.
Blau als Mädchenfarbe wurde mit der Jungfrau Maria in Verbindung gebracht. Denn auf alten Kirchenbildern trägt diese ganz häufig einen blauen Schleier oder ein blaues Kleid. Hellblau – das Blau für die Kleinen – nahm also den Platz als Farbe für Mädchen ein.
Allerdings hatten Farbzuordnungen bis in die Zwischenkriegszeit keine wirklich grosse Bedeutung. Während die meisten Babys einfach weisse Kleidung trugen, welche vor allem funktional zu sein hatte, konnte mensch sich höchstens in adeligen Kreisen mit Luxusfragen wie diejenige der Farbe von Babybekleidung beschäftigen. Das männliche Rosa und das weibliche Blau von damals hatten also nicht annähernd eine so strenge und allgemeingültige Bedeutung, wie das heute – einfach andersherum – der Fall ist.

Rosa oder Hellblau?
Ich bin in einem Warenhaus mit einer grossen Auswahl an Grusskarten und auf der Suche nach einem Geschenk. Mein Cousin und seine Frau erwarten ein Kind. Während ich das Regal mit den Karten für Geburten durchstöbere, frage ich mich, was sich wohl die Eltern wünschen? Einen Jungen, ein Mädchen? Oder spielt es gar nicht so sehr eine Rolle, obwohl mir diese streng getrennte Anordnung hier ein anderes Bild vermitteln?
Es dominieren Sujets wie Barbie oder Matrose, Auto oder Puppenhaus, Helikopter oder Blümchen. Ich stelle fest, dass Geschlechterklischees schon bei der Geburt beginnen. Und möchte ich denn überhaupt meinen Glückwünschen zur Geburt schon diesen Blau-Rosa-Farbstempel aufdrücken?

Geschichtliches 2: Die Wende
Die neue farbliche Festlegung, welche noch heute gilt, setzte sich erst in den 1940er-Jahren durch. Nach dem Ersten Weltkrieg fand nämlich ein Umbruch statt. Plötzlich wurde entdeckt, dass Matrosen und Arbeiter schon lange Blau trugen, es wurden die Blue Jeans und der Blaumann erfunden. Für Knaben gab es also Hellblau und als Gegenpol setzte sich Rosa für Mädchen durch – der Farbcode, den wir bis heute kennen.

Kein Rosa und kein Hellblau
Nach langem Durchforsten von Jungen- und Mädchenkarten verlasse ich die rosa-blaue Einöde und bediene mich dem Kartenregal für allerlei Anlässe: ein Mann am wellenden Meer, Füsse im Sand, ein kleines Kind in die Höhe werfend. Die Fotografie strahlt für mich pure Lebensfreude aus. Mensch erkennt nicht, ob da ein Mädchen oder ein Junge in der Luft schwebt. Ob es für den Vater in diesem Moment eine Rolle spielt?

Zum Schluss
Die Geschichte von Rosa, welche eher willkürlich dem männlichen Geschlecht zugeordnet wurde und dann durch eine Laune der Mode- und Marketingindustrie zur weiblichen Farbe wurde, zeigt doch, wie unwichtig die Frage nach der Farbe, resp. des Geschlechts eigentlich ist. Ich wünsche mir eine offene Gesellschaft, wo Jungs Gefallen an der Farbe Rosa haben dürfen oder mit Puppen spielen können. Wo es in Ordnung ist, wenn ein Mädchen Blau mag und Cowboy sein darf, wenn es möchte.

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