Von: Ewa, 17 Schülerin aus Bonaduz

Von: Ewa, 17
Schülerin aus Bonaduz

Meine Zimmerdecke starrt dich an, aber halb so wild, ich spüre ihre verachtenden Blicke auch gerade. Ein Glück, ist meine Zimmerdecke eine sehr verschwiegene Person und mir gegenüber loyal genug, nichts auszuplaudern. Aber sag mal, wie ist das bei dir so mit der Loyalität? Darf ich das fragen? War mir noch nie ganz im Klaren, welche Fragen erlaubt sind und welche nicht. Wundere mich, wieso die Frage, ob ich die Pille nehme, angebrachter scheint als meine Frage, ob wir uns bald wiedersehen. Habe mich daran gewöhnt, dass meine Antwort ein erleichtertes Aufatmen und meine Frage ein verlegenes Achselzucken zur Folge haben. Habe mittlerweile gelernt, die Sprache all jener zu verstehen, für welche ich nur das bin und war, was man nicht unter einer platonischen Freundin versteht. Dabei steckt in mir doch so viel Platonisches für dich. Nicht nur natürlich. Nicht, dass du mich jetzt falsch verstehst, aber genug, damit sich der kleine Vogel in meinem Brustkorb bewusst wird, dass meine Rippen ihm wie Gitter im Wege stehen. Er singt sein Liedchen und hofft, dass der andere Vogel ihn hören wird. Und ich möchte ihm helfen und bringe meine und deine Gitterstäbe so weit wie möglich zueinander. Aber er singt wohl das falsche Lied, sodass ihn niemand so ganz versteht, nah genug dran wäre er nämlich. Jedenfalls möchte ich mir das anders nicht erklären. Verstecke mich hinter hübschen Metaphern, klugen Sprüchen und unter der Bettdecke. Verstecke mich auf die gleiche Art vor dir wie vor mir. Weil, wenn ich ehrlich bin, schmerzt der verachtende Blick meiner Zimmerdecke nicht so sehr wie der Blick, den mein Spiegelbild mir zuwirft. Der Blick sagt „schon wieder”. Schon wieder versucht und schon wieder gescheitert. Schon wieder hab ich mich viel zu weit aus dem Fenster meiner Wohlfühlzone gelehnt. Schon wieder will ich dir Worte der menschlichen Wertschätzung entlocken, bevor ich dir zum Abschied nochmal Feuer gebe.

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