Falschsexuelle knutschen miteinander rum - und das ist dann eine Demo? Genau. Sie heisst Kiss-In.

Von: Ewa, 17 Schülerin aus Bonaduz

Von: Ewa, 17
Schülerin aus Bonaduz

Und von: Anna, 25 Journalistin aus Winterthur

Und von: Anna, 25
Journalistin aus Winterthur

Dass die katholische Kirche nicht immer der grösste Fan unserer queeren Welt ist, sollte bekannt sein. Aber was sich Vitus Huonder diesen Sommer leistete, liess ein paar Bündner_innen rot werden vor Wut. An einem Kongress zitierte der Bischof von Chur eine Bibelstelle, in welcher Homosexuellen die Todesstrafe droht, und betonte dies als ausreichende Positionierung der Kirche gegenüber der Homosexualität. Für uns war klar, wenn ein Bischof einer Art von Liebe mit so viel Hass begegnet, wollen wir nicht genauso verbittert zurückgiften, sondern ihm zeigen, wie schön diese Liebe doch ist.

Und wie könnte man das besser machen als mit einem Kiss-In. Ein Kiss-In ist im Prinzip eine Art Kuss-Flashmob. Mensch stellt sich hin, wählt ein oder mehrere Mit-Personen und knutscht drauflos. Natürlich konnte mensch, falls er_sie nicht küssen wollte, sich stattdessen eine Regenbogenfahne umwerfen oder ein Spruchbanner in die Höhe strecken. Dafür mobilisierten wir Leute aus verschiedenen Gruppen und waren überrascht von der Vielfalt, die sich an unserem Treffpunkt sammelte. Das Ganze war sehr entspannt und hat allen Beteiligten Spass gemacht. 

Nach der „Generalprobe“ am Churer Bahnhof, bei welcher wir auf ein Zeichen hin gleichzeitig begannen, uns für gut fünf Minuten schweigend zu küssen, liefen wir gemeinsam durch Chur und machten erst wieder beim Bischofssitz von Vitus Huonder halt. Und siehe da, mensch guckte sogar aus dem Fenster und nahm die gut 20 küssenden Menschen mit einem Lächeln, aber einem Kopfschütteln wahr. Er konnte vermutlich nicht anders, weil wir ihn mit lautem „Gay’s OK“ ans Fenster lockten. Das wohl Schönste an dieser Art von Aktion ist, neben der Tatsache, dass man die Liebe quasi greifen kann, dass sich niemand angegriffen fühlt und viele Passant_innen äusserst positiv darauf reagieren und wahrscheinlich am liebsten mitgemacht hätten.

Kiss-Ins sind noch nicht so verbreitet (sie haben noch nichtmal einen Wikipedia-Eintrag). Sie wurden bisher vor allem dann veranstaltet, wenn es um Falschsexualität und deren Gegner_innen geht. Zum Beispiel letzten Winter in den Basler Trämli, nachdem dort sechs Plakate vom falschsexuellen Treff Anyway offiziell entfernt wurde. Da versammelten sich rund 100 queere Menschen im Tram und knutschten drei Haltestellen lang.

Kiss-Ins sind eine denkbar friedliche Art von Protest – und haben den Vorteil, dass Medien (noch) darauf anspringen. Natürlich ist die Voraussetzung, dass die Kiss-In-Teilnehmenden keine Probleme haben, in der Öffentlichkeit abgebildet zu werden. 

Eine Meinungsäusserung mehrerer Menschen in der Öffentlichkeit: Kiss-Ins sind eigentlich eine Form von Demonstration. Genau genommen gehören sie zur Kategorie «Gewaltfreie Aktion» (auf Englisch: nonviolent action). Der Schriftsteller Aldous Huxley hat das im Jahr 1937 mal schön beschrieben:

«Gewaltloser Widerstand bedeutet nicht Nichtstun. Er bedeutet, die ungeheure Kraftanstrengung zu unternehmen, die nötig ist, um das Böse mit dem Guten zu besiegen.»

Genau diese Art von Protest will das Kiss-In sein: Schaut her, wie wunderschön falschsexuell wir sind! Uns gibt es, und wir bleiben. Darauf gleich nochmals einen Kuss.

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