Eine schwere Türe schwingt auf. Rost  flockt auf den Boden. Es riecht einen Moment nach Schiffbruch, dann nach Frühling. Der Geruch macht mich wirr, erinnert mich an Fahrradfahren in strömendem Regen, erinnert mich an ein aufgeschürftes Kinn. Irgendwann schürft mensch sich das Kinn nicht mehr auf, irgendwann hat mensch ein Alter erreicht, bei dem der Körper sich koordiniert, Arme zuerst. Sie beunruhigt mich, diese plötzliche Erinnerung an eine Zeit, in der ich noch nicht mit Wetter und Schwerkraft umgehen konnte.

Ich schaue dich an, frage mich, ob du es auch gerochen hast.

Wir kennen uns gut, du und ich, haben Stunden in dieser Halle verbracht, uns ausgemalt, was da draussen hinter der Türe liegen könnte. In solch leeren Räumen  findet mensch schnell Trost in der Vertrautheit eines anderen Körpers, und ich weiss, wie deine Finger mit einem Dietrich spielen, du weisst, wie mein Mundwinkel zuckt, wenn ich mich konzentriere.

Schon zögere ich. Wir könnten ein letztes Mal unsere kleine Feuerstelle benutzen, um Dosen mit Ravioli heiss zu machen, du könntest nochmals mit rauer Stimme Geschichten über diesen Ort erfinden, den wir bald aufschliessen werden. Aber sich etwas auszumalen, das wir uns auch anschauen könnten, das bloss ein paar Schritte und eine offene Türe weit weg ist, das wäre heuchlerisch. Und eine Heuchlerin, das weiss ich, möchtest du auf keinen Fall sein.

Also grinsen wir, teils verlegen über die Furcht, teils stolz auf unseren Erfolg. Du stösst die Tür auf und ich versuche deine Hand zu nehmen. Gleichzeitig möchtest du mir aber den Arm um die Taille legen, sodass sich unsere Gesten irgendwo verheddern und wir dann doch einzeln nach draussen stolpern.

Ein stummes ‚und jetzt’ scheint in der Luft zu hängen und das Atmen schwer zu machen. Ich habe immer noch genau so Angst wie zuvor und deine Augenringe sind nicht verschwunden. Die Erleichterung dieser plötzlichen Freiheit stellt sich nicht ein. War es das wert?

Dein Gesicht sieht so fremd aus im ruhigen Sonnenlicht. Du lachst, und ich weiss nicht worüber. Zuvor war’s immer nur über mich. Jetzt ist da plötzlich so viel Welt, und sie bringt dich zum Lachen.

Und ohne meinen vertrauten Ort, mein vertrautes Du, verstehe ich mich nicht. In dieser Weite ist mir mein eigener Körper unbekannt. Ich weiss nicht, wie er hier die Dinge berührt.

Wir bewegen uns voneinander weg, weg auch von der rostigen Tür und dem kleinen Ausschnitt, der noch von unserer Halle zu sehen ist.

Wir probieren beide unsere Schritte aus, nicht ganz sicher, wo sie uns hinbringen werden, nicht mal ganz sicher, ob wir ihnen noch trauen können. Und doch drängt es uns zu gehen, unsere Körper abzutasten, erst einmal vor dem anderen zu  fliehen, bis wir uns vorstellen können, wie wir nun auf Menschen reagieren.

Vielleicht werden wir uns irgendwann wiederfinden, hier draussen, vielleicht wird schon beim Eindunkeln alles wieder beim Alten sein. Und sonst werden wir neue Früchte  finden, über schöne Steine stolpern und nur die Aufregung, die wir dabei spüren, erkennen. Ich werde alles sammeln, was mich erinnert, und wenn wir uns wieder kreuzen, dann möchte ich noch wissen, dass deine Haare nach Erde riechen, selbst wenn wir weit voneinander wegbleiben, um uns nicht zu erschrecken, mit der fremden Mimik.

Und sollten wir uns für immer verlieren, dann erfinde ich uns halt eine neue Geschichte. Ich weiss nur noch nicht, wie ich sie enden lasse.

Text: Lou (19), Student_in aus Biel
Foto: Lou, fotografiert von Lea (23), Fotograf_in aus Winterthur

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