Wie schön es doch ist, wenn die Kraft, die wir aus der Drehung unseres Handgelenkes schöpfen, grösser ist, als der Widerstand des Mechanismus’, der sich uns entgegensetzt. Der Schlüssel passt, die Tür ist entriegelt und wir können in einen anderen Raum treten. Der Schlüssel ist ein Machtinstrument; und genau diese Macht, das Vermögen, das Verriegelte zu entriegeln, einen uns verschlossen Raum zu erschliessen, ist das Schöne am Aufschliessen.

Von: Jov_in, 19 Student aus Olten

Von: Jov_in, 19
Student aus Olten

Aufschliessen oder aufgeschlossen werden? Ist das Schlüsselerlebnis ein aktiv/passiv-Vorgang? Unterliegen auch die prägendsten Momente in unserer Entwicklung den binären Strukturen der abendländischen Gesellschaft? – In dieser Vorstellung lassen sich schreckliche Metaphern formulieren; das Schlüssel/Schloss-Gleichnis beispielsweise, das das Sexualverhalten von Männern und Frauen in der Heteronormativität verbildlichen soll: Ein Schlüssel, der fähig ist, jegliche Schlösser zu entriegeln, ein sogenannter Passepartout, ist erstaunenswert. Das Schloss hingegen, welches sich von einer Vielzahl verschiedener Schlüssel öffnen lässt, hat in keiner Hinsicht Bewunderung verdient – Schlüsselplayer und Schlösschenschlampe.

Bist du von dieser Anschauung angewidert oder irritiert? So gratuliere ich, du hältst das passende Heft in den Händen.

Ein langfristiges Denken im Zweier-System produziert Anschauungen, Werte und Denkweisen, die wie das Schlüssel/Schloss-Gleichnis nicht zu rechtfertigen sind. Die Zweiteilung beschliesst die Möglichkeiten unserer Entfaltung, setzt ihr Grenzen und verschliesst durch ihre systematische Tabuisierung unser Bedürfnis nach Ausdruck und Identitätsfindung, nach hemmungslosem Experimentieren und ungeniertem Austausch.

Da hocken wir nun in den um uns künstlich errichteten Mauern und blicken durchs Schlüsselloch, um den Raum dahinter zu sehen, den Raum, der uns zu glauben gibt, nicht zugehörig zu sein. Das Schloss, in dessen kleine Öffnung wir unser Auge drücken, ist mit einem Mechanismus versehen, der mit keinem vorgefertigten Schlüssel zu überwältigen ist. Die schöne Macht des Aufschliessens liegt in keinem materialistischen Werkzeug versammelt. Wir bemächtigen uns selbst, wir nehmen Einfluss auf die Wände, Türen, Vorhänge und Schlösser, die uns aus- oder einsperren. Unsere Schlüsselmomente sind eigentlich Schlüsselprozesse. Sie bestehen aus dem ständigen Anecken an die Barrieren, die Richtig von Falsch zu trennen versuchen. Unser grosser Vorteil liegt darin, dass diese Schranken geistiger Art und somit unsichtbar sind. Diese Transparenz ist unser Schlüssel, sie lässt uns und unser „Falsch-Sein“ sichtbar werden. Indem wir konfrontieren und unsere Schönheit – unsere Falschästhetik – manifestieren. Wir öffnen die Welt und machen sie zugänglich für neue Denkmuster.

Wir schliessen auf.

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Illustration: Alexis

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