Geoutete falschsexuelle Promis: Es gibt sie, es braucht sie, aber so ganz selbstverständlich sind sie noch nicht.

«I’m tired of hiding. And I’m tired of lying by omission.» (–«Ich habe es satt, mich zu verstecken. Und ich habe es satt, zu lügen, indem ich etwas weglasse.»)
Ellen Page (27, Schauspielerin).

Nicht dazu stehen können, wer man ist. Sich verstecken und ständig Geschichten erfinden zu müssen, um sich ja nicht zu verraten. Davon hatte Ellen Page genug und outete sich im Februar letzten Jahres in einer emotionalen Rede an einer Konferenz der Human Rights Campaign als lesbisch.

Von: Emma, 21 Studentin aus Basel

Von: Emma, 21
Studentin aus Basel

Wenn Promis oder sonstige Personen aus dem öffentlichen Leben sich als falschsexuell outen, macht unser queeres Herz zuallererst einen kleinen Freudenhüpfer. Es braucht einiges an Mut, sich der grossen Öffentlichkeit auf diese Weise zu öffnen, und wir sind stolz auf jene, die über ihre Ängste hinwegsteigen und diesen Schritt wagen.

Doch dürfen wir fordern, dass bekannte Personen zu ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität stehen müssen? Dürfen wir gar so weit gehen, sie zu einem öffentlichen Coming-Out zu zwingen? Rosa von Praunheim, ein deutscher Filmregisseur, Autor und LGBTQ*-Aktivist, war im Dezember 1991 der Meinung, dass es in manchen Fällen in Ordnung ist oder gar getan werden muss, als er in einer RTL-plus-Sendung gleich mehrere der Anwesenden als schwul outete. Von Praunheim meint heute auf seiner Website hierzu, dass zur Zeit der Aids-Krise mehr positive schwule Vorbilder absolut notwendig gewesen seien und es darum auch vertretbar gewesen sei, Menschen gegen ihren Willen zu outen.

Von Praunheim war und ist mit seiner Ansicht nicht alleine, auch andere der LGBTQ*-Bewegung haben sich schon des Mittels des sogenannten Fremd-Outings bedient, um der queeren Community zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen. Mensch kann nicht ganz abstreiten, dass solche Outings eine positive Wirkung haben können, indem dadurch etwa dem Thema Falschsexualität an sich in den Medien Beachtung geschenkt wird. Doch es ist ein gefährliches Mittel, dem viel Vorsicht geboten sein soll. Mensch greift damit tief in das Leben einer anderen Person ein, über dessen Situation mensch sich je nachdem nicht vollkommen im Klaren ist, und beraubt ihn ausserdem eines Teils seines Rechts auf Selbstbestimmung.

Das Milchbüechli empfiehlt: Wenn du nicht ganz sicher bist, ob dein falschsexueller Mitmensch schon geoutet ist, sei vorsichtig, wem du diese Info mitteilst.

Dazu kommt, dass ein bewusstes, selbstentschiedenes Coming-Out noch eine viel grössere und wichtigere Wirkung hat als ein erzwungenes: Jemensch, auf den_die unglaublich viele Augen gerichtet sind, hat den Mut, zu sich selbst zu stehen und sich nicht mehr zu verstecken. Solche Vorbilder brauchen wir, speziell als Falschsexuelle: Menschen, die uns zeigen, dass wir schön sind, so wie wir sind, und dass es etwas Wunderbares ist, zu sich selbst stehen zu können.

Die Menschheit braucht Coming-Outs noch. Ob sich Schauspieler_innen, Klassenkamerad_innen, Fussballer_innen, TV-Moderator_innen, Bankangestellte, Bauarbeiter_innen, Lehrer_innen oder – wie erst kürzlich – Priester_innen outen: Je mehr desto besser, denn je mehr Menschen in Berührung mit queeren Identitäten kommen, desto schneller schwinden die Berührungsängste und Hemmungen, die mensch gegenüber uns Falschsexuellen noch haben könnte. Dass es irgendwann gar kein Thema mehr ist, dass wir gar nicht mehr so «anders» sind und uns nicht mehr als solche outen müssen, davon lässt sich nur träumen. Im Moment. 

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