Jüdisch, bisexuell, Migrationshintergrund: Ein Buch mit diesen Themen könnte einiges falsch machen. Dieser Roman aber macht alles richtig.

Von: Anna, 25 Journalistin aus Winterthur

Von: Anna, 25
Journalistin aus Winterthur

Zugegeben, der Titel ist seltsam. Nein, im Buch «Der Russe ist einer, der Birken liebt» geht es nicht um Birken. Es geht auch nur begrenzt um Russen. Es geht um Mascha, eine junge Frau aserbaidschanischer Herkunft, dazu jüdisch. Mascha lebt in Deutschland, kann beeindruckend viele Sprachen und plant eine vielversprechende Karriere bei der UNO. Unerwartet muss Mascha aber plötzlich mit Verlusten im nächsten Umfeld kämpfen, zieht verwirrt nach Israel, bekommt heftige psychische Probleme.

Aber so wenig es in dieser Geschichte um Birken geht, so wenig dreht sie sich schliesslich um die UNO oder Israel. Es gibt auch kein Happy End – es gibt gar kein End. Die Stärken dieses Buches liegen völlig woanders. Da wäre zum einen die Sprache der (übrigens erst 31 Jahre alten) Autorin: Das knapp 280 Seiten dünne Buch liest sich recht einfach, die Sprache ist direkt, ironisch, tragisch. Zum anderen sind da die Themen, die in «Der Russe ist einer, der Birken liebt» eine Rolle spielen: Maschas Kriegstrauma wird in seiner abstrakten Unbegreiflichkeit geschildert, ohne Klischees, ohne Anspruch auf Verständlichkeit. Immer wieder taucht zudem das Thema der Immigration und Integration auf: Mascha hat einen Freundeskreis, der sich aus vielen Kulturen, Nationalitäten und Identitäten zusammensetzt. Diese Freund_innen schildern sehr treffend, wie sie von Deutschen wahrgenommen und behandelt werden.

Bemerkenswert an diesem Buch ist ausserdem, wie von Maschas Bisexualität erzählt wird. Ohne Stereotype, ohne peinliche Sexszenen, ohne Rechtfertigung. Damit schafft «Der Russe ist einer, der Birken liebt» etwas, wovon es in der deutschen Literatur – und sowieso in der Popkultur – mehr geben dürfte: die schlichte Anwesenheit von Bisexualität. Sie ist ein Teil der Protagonistin Mascha, aber nicht der Mittelpunkt ihres Charakters. Es ist wohl das, was die Autorin am allerbesten kann: Komplexität von Identitäten aufzeigen, ohne dabei in unnötige Klischees zu verfallen. Dafür verdient sie Applaus.

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Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt, Carl Hanser Verlag 2012
[Inhaltswarnung: Kriegstraumata werden erwähnt.]

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