Sex gegen Bezahlung ist umstritten - nicht zuletzt, weil Menschenrechte verletzt werden können.

Sexarbeit ist ein Thema, das heftige Diskussionen auslöst. Häufig sind die Meinungen festgefahren: Einige wollen Sexarbeit ganz verbieten, andere wollen nur die Freier bestrafen. Die einen sagen, es soll keine Gesetze dazu geben, die anderen möchten klare Regeln. Nochmals andere finden, Sexarbeit sei eine Arbeit wie jede andere Arbeit auch. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat zu diesem Thema ein Positionspapier verfasst – nicht, um ebenfalls Stellung auf einer Seite zu beziehen, sondern um in dieser manchmal hitzigen Diskussion die Menschenrechte in den Vordergrund zu stellen. Um die steht
es nämlich nicht gut im Bereich der Sexarbeit.


Zuerst einmal: Warum benutzen wir das Wort „Sexarbeit“ und sagen nicht einfach „Prostitution“?

Von: Tobias, 24 Sozialarbeiter/ Sozialpädagoge aus Winterthur

Von: Tobias, 24
Sozialarbeiter/ Sozialpädagoge aus Winterthur

Prostitution heisst wörtlich übersetzt „zur Schau stellen“ oder „bloss stellen“. Damit wird von oben herab auf den_die Sexarbeiter_in geschaut und über ihn_sie gesprochen; er_sie wird damit zum Objekt. Der Begriff ist für viele Menschen sehr negativ belegt. Sexarbeit hingegen bezeichnet die Tätigkeit besser: Es ist eine Arbeit, weil eine Dienstleistung (Sex) gegen Bezahlung getauscht wird.

Was läuft falsch bei den Menschenrechten in der Sexarbeit? 

Und von: Anna, 25 Journalistin aus Winterthur

Und von: Anna, 25
Journalistin aus Winterthur

Sexarbeiter_innen sind eine besonders verletzliche Gruppe, was die Menschenrechte angeht. Sie erleiden häufig körperliche und psychische Gewalt, werden willkürlich verhaftet, erpresst und schikaniert. Einige müssen medizinische Zwangsuntersuchungen über sich ergehen lassen wie beispielsweise HIV-Tests. Oft werden ihnen grundlegende soziale Rechte verweigert: Sie haben beispielsweise keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung oder zu Wohnraum.

Gibt es denn keine Gesetze, die Sexarbeiter_innen schützen?

Selten. In Europa wird Sexarbeit zwar in vielen Staaten toleriert, aber Sexarbeiter_innen können sich häufig nicht dagegen wehren, wenn ihre Kund_innen den vereinbarten Preis nicht bezahlen – weil es keine „normale“ Arbeit sei. Wenn ausländische Sexarbeiter_innen Missbrauch oder Gewalt bei der Polizei anzeigen und illegal im Land sind, können sie ausgeschafft werden. Viele Gesetze in nordischen Ländern sagen zwar, dass sie Sexarbeiter_innen schützen, aber sie tun dies meist nicht. In einigen Ländern Europas und der Welt ist Sexarbeit sogar grundsätzlich verboten und Sexarbeiter_innen machen sich mit der Tätigkeit strafbar.

Wie können diese Probleme bekämpft werden?

Es liegt bei den Staaten, die Sexarbeiter_innen wirklich zu schützen und ihre Menschenrechte zu garantieren. Sie müssen Zugang zu Gesundheits- und Sozialdienstleistungen haben. Menschenhandel und die Ausbeutung von Minderjährigen sollen konsequenter und härter bekämpft werden. Ebenso Gewalt, Erpressung und andere Übergriffe gegen Sexarbeiter_innen. Indem die Rechte aller Menschen durch die Staaten gestärkt werden, können diese verhindern, dass Leute in die Sexarbeit gedrängt werden, ohne eine andere Wahl zu haben. Sexarbeit soll eine Entscheidung sein wie andere Berufe auch.

Amnesty International fordert die Entkriminalisierung von Sexarbeit. Was bedeutet das?

Das heisst, dass Sexarbeit nicht strafbar sein soll. Keine sexuellen Beziehungen unter Erwachsenen, denen alle Beteiligten zugestimmt haben, sollen strafrechtlich verfolgt werden, auch nicht solche gegen Bezahlung. Aktivitäten, die mit Sexarbeit verbunden sind, sollen ebenfalls nicht strafbar sein. Das wären zum Beispiel Vermittlung von Sexarbeiter_innen an Kund_innen, Zuhälterei, Wohnungsvermietung an Sexarbeiter_innen oder die Unterstützung und Beratung von Sexarbeiter_innen in sozialen Fragen. Denn wenn es verboten ist, Sexarbeiter_innen eine Wohnung zu vermieten, sie zu beraten und HIV-Prävention zu betreiben, verletzt dies ihre grundlegenden Menschenrechte, macht sie abhängig und führt zu den oben erwähnten Missständen.

Ist eine Entkriminalisierung also dasselbe wie eine Legalisierung?

Nein. Bei einer Legalisierung würden neue Gesetze lanciert, um Sexarbeit zu regulieren (wie beispielsweise in Deutschland). Diese können dann erneut diskriminierend und menschenrechtsverletzend wirken. Amnesty verlangt in seinem Positionspapier, dass problematische alte Regelungen abgeschafft oder verbessert werden.

Wie entsteht ein solches Positionspapier?

Mitarbeiter_innen von Amnesty International haben über zwei Jahre hinweg Hunderte Gespräche mit Sexarbeiter_innen, Verbänden und Organisationen, die sich mit dem Thema befassen, geführt. Sie haben Fallstudien in verschiedenen Ländern gemacht und die Amnesty-International-Sektionen befragt.

Unterstützen diese Positionen nicht Freier und Zuhälter und fördern den Menschenhandel?

Nein, im Zentrum stehen die Menschenrechte der Sexarbeiter_innen. Amnesty kritisiert die Rahmenbedingungen und Gesetze vieler Staaten, die Sexarbeit kriminalisieren und so die Menschenrechte von Sexarbeiter_innen einschränken. Menschenhandel, Gewalt, Missbrauch, Ausbeutung und Sex mit Minderjährigen müssen unbedingt kriminalisiert bleiben und es muss sogar noch stärker dagegen vorgegangen werden! Mit einvernehmlichem Sex gegen Bezahlung hat das aber nichts zu tun. Wenn Sexarbeit keine Straftat mehr ist und die Sexarbeiter_innen vom Gesetz geschützt werden, trauen sie sich auch, Missbrauch, Menschenhandel und Übergriffe zu melden und gemeinsam für ihre Rechte zu kämpfen.

Was hat das mit LGBTIQ* zu tun? 

Patriarchale und (hetero-)sexistische Geschlechternormen machen Sexarbeit überhaupt erst zu einem Bereich, in dem viel Ungerechtigkeit geschieht und in dem die Sexarbeiter_innen teilweise Unterdrückung und Ausbeutung erleben müssen. Die Stärkung der Rechte von Sexarbeiter_innen bedeutet, dass sie ein bisschen mehr Macht bekommen. Damit werden schädliche Geschlechternormen geschwächt, was auch in unserem falschsexuellen Interesse ist. Und schliesslich gibt es auch LGBTIQ*-Sexarbeiter_innen, die von mehr Rechten profitieren würden!

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AMNESTY INTERNATIONAL
ist eine weltweite Organisation von Menschen, die sich für die Menschenrechte einsetzen – gleichermassen für alle. Queeramnesty Schweiz ist eine der weltweit rund 40 Arbeitsgruppen, die sich innerhalb von Amnesty International speziell zu Fragen und Aktionen im Bereich Menschenrechte, sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität einsetzen.
Mehr Infos: www.qai.ch

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