Ich habe immer offen falschsexuell gelebt und hatte auch nie wirklich Probleme damit. Dann kam der Tag, als ich fürs Studium in eine weit entfernte Stadt zog. Neuer Ort, neues Umfeld, neue Lebenssituation. Zum ersten Mal lebte ich weg von zu Hause, zusammen mit einer ebenfalls falschsexuellen Person. Sie war und ist kaum geoutet. Aus diesem Grund bat sie mich zu schweigen. Wir würden zusammen studieren, dieselben Kurse belegen und da wir aus Platzgründen ein Bett teilten, konnte ich die Angst, zusammen mit mir automatisch mitgeoutet zu werden, nachvollziehen.

Also schwieg ich.
Drei lange Jahre.

In diesen drei Jahren  fielen falschsexuell-feindliche Sprüche. Ich schwieg. Frass die Gedanken, die später zu Zorn heranwuchsen, in mich hinein. Ich begann, Andeutungen zu machen, weil ich es irgendwann nicht mehr aushielt. Subtil, dann offensichtlicher. Am Ende mit dem Vorschlaghammer.

Ich blieb unverstanden.

Diese drei Jahre waren auf eine ganz spezielle Art stark belastend für mich. Doch jetzt, mit etwas Abstand, muss ich sagen, dass mir diese Erfahrung den Schlüssel in die Hand gab, um mehr von mir selbst zu entdecken. Während früher meine (Falsch-)Sexualität irgendwo in einer Truhe verschlossen war, in die ich ab und zu mal reingeguckt habe, so ist diese Truhe inzwischen geöffnet und ihr Inhalt voll in mein ganzes Selbst integriert.

Ich glaube, mein richtiges Coming- out – vor allem mir selbst gegenüber – hatte ich erst vor kurzem. Willkommen zuhause.

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