Im tiefsten Mittelalter tauschen zwei der mächtigsten Männer ihrer Zeit Zärtlichkeiten miteinander aus. Was war denn da bitteschön los? War etwa das Mittelalter doch toleranter, als mensch heute glaubt?

Von: Tobi, 21 Student aus Zürich

Von: Tobi, 21
Student aus Zürich

Die Beweislage scheint eindeutig: In einer Biografie aus dem 12. Jahrhundert über Richard Löwenherz – einen englischen König des Mittelalters – steht Folgendes geschrieben:

«Der französische König Philipp II. liebte Richard Löwenherz wie seine eigene Seele und ehrte ihn so sehr, dass sie jeden Tag am gleichen Tisch aus der gleichen Schüssel assen und sie das Bett nicht trennte. Die heftige Liebe setzte seinen Vater in grosses Erstaunen und er fragte sich, was dies zu bedeuten habe.»

Haben wir richtig gelesen? Da werden zwei Männer beschrieben – noch dazu zwei Könige –, die sich lieben? Die aus der selben Schüssel essen und miteinander ins Bett gehen? Der einfachste Schluss, den wir daraus ziehen können: Richard Löwenherz und Philipp II. waren schwul und hatten sogar eine Liebesaffäre miteinander!

RICHARD LÖWENHERZ (1157-1199) war König von England. Durch einen Aufstand gegen seinen Vater putschte er sich an die Macht. Im Gedächtnis bleibt er vor allem, weil er den Dritten Kreuzzug nach Jerusalem anführte und weil während seiner Abwesenheit Robin Hood seine Raubzüge für die Armen durchführte.

Aber kann das sein im Mittelalter, das wir ja eher als Zeit kennen, in der Falschsexuelle auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, weil die Kirche sich gegen jede_n und alles sträubte, was von der Hetero-Norm abweicht?

Die Erfindung von «Homosexualität»

Nun, es ist eben etwas kompliziert. Unsere Behauptung ist gewagt – und das nicht nur wegen der Intoleranz des Mittelalters. Es hat viel mehr mit der Erfindung des Begriffs «Homosexualität» zu tun:

Im Mittelalter war es noch so, dass sexuelle Handlungen zwischen Männern* (für Frauen* interessierte sich zu dieser Zeit sowieso niemensch) als Sünde angesehen wurden. Sodomie (siehe Infobox) war allerdings eine Sünde, die grundsätzlich alle Menschen begehen konnten. Genauso, wie alle Menschen sich zum Beispiel anstrengen mussten, dass sie nicht lügen oder sich mit zu viel Genuss dem Essen hingeben (auch das war und ist in der strengen christlichen Welt verboten), mussten sie sich gegen die Versuchung von gleichgeschlechtlichen Sex-Kontakten wehren. Mit Liebe brachte mensch dieses ganze Thema schon gar nicht in Verbindung!

SODOMIE war im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit die Bezeichnung für sexuelles Verhalten, das nicht der Hetero-Norm entsprach. Damit war sowohl Homo-Sex als auch Sex mit Tieren und andere Varianten nicht-heteronormativer Sexualität gemeint. Es war eine der schlimmsten Sünden, die ein Mensch begehen konnte. Als Strafe drohte der Tod auf dem Scheiterhaufen.

Erst im 19. Jahrhundert begannen Ärzte (natürlich nur männliche), sich für gleichgeschlechtliche Beziehungen zu interessieren (wobei Frauen* nach wie vor nicht thematisiert wurden). Aus dieser Zeit stammt auch der Begriff «Homosexualität» als Gegenprinzip zur «Heterosexualität». Zuvor gab es dieses Wort gar nicht. Erst mit dem Erschaffen dieses Begriffs ist es möglich geworden, zu zeigen, dass Liebe und Begierde auch zwischen Frauen* oder zwischen Männern* untereinander möglich ist.

Obwohl durch die Efindung dieses Begriffs grausame Dinge passiert sind, wie zum Beispiel Homosexuelle als krank darzustellen oder zu einer diskriminierten Randgruppe zu machen, gab es doch auch positive Auswirkungen: So ist es möglich geworden, sich als homosexuell zu outen, als Gruppe von Homosexuellen für mehr Bürger_innnenrechte zu kämpfen und ganz allgemein auf uns aufmerksam zu machen. Und ganz wichtig: Homo-Beziehungen wurden nun nicht mehr nur auf Sex reduziert, sondern beinhalten neu auch Gefühle der Anziehung, Liebe und Zärtlichkeit!

Freundschaft im Mittelalter

Wir haben also gelernt, dass es den Begriff und die Idee «Homosexualität» im Mittelalter noch gar nicht gab. Mit diesem Wissen können wir uns auch ein paar Gedanken zum Thema Freundschaft im Mittelalter machen: Denn Freundschaften wurden zu dieser Zeit ganz anders gelebt als heute – besonders zwischen Männern*.

Wenn sich heute zwei Frauen* oder zwei Männer* auf den Mund küssen, bringen viele Menschen das sofort mit einem Liebespaar in Verbindung. Im Mittelalter allerdings waren das ganz einfach Gesten von freundschaftlicher Zuneigung. Es gibt viele mittelalterliche Texte, in denen beschrieben wird, wie sich zwei Herrscher, die zuvor im Streit miteinander lagen, auf den Mund küssen oder gemeinsam das Bett teilen, um Frieden zu schliessen. Besonders der Friedenskuss auf den Mund war wichtiger Bestandteil von Friedensverhandlungen.

Zärtlichkeiten zwischen Männern* und zwischen Frauen* waren also keineswegs «verdächtig», da sie nicht mit sexueller Liebe in Verbindung gebracht wurden. Die heute oftmals anzutreffende Distanz in Freundschaften zwischen (vor allem) heterosexuellen Männern ist also nicht einfach so gegeben, sondern ist erst mit der Sichtbarkeit von gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehungen entstanden. Denn mit der Distanz werden klare Grenzen gesetzt: Bis hierhin ist es Freundschaft, nachher wird es Liebe und Sex. Dass sich diese Grenzen im Lauf der Zeit ändern oder sich vielmals auch einfach auflösen, ist uns heute wenig bewusst.

PHILIPP II. (1165-1223) war König von Frankreich. Er ist vor allem dafür bekannt, dass er grosse Teile von Frankreich vereinte und unter seine Herrschaft brachte.

Was jetzt?

Zurück zu Richard Löwenherz: Natürlich wissen wir nicht genau, was in jenem mittelalterlichen Bett zwischen Richard und Philipp genau vor sich gegangen ist, aber wir können ausschliessen, dass sie sich geliebt haben, wie sich heute zwei Schwule lieben. Wahrscheinlich waren die beiden einfach miteinander befreundet und verhielten sich so, wie das für Freund_innen damals üblich war. Auch wenn uns das heute seltsam erscheinen mag – die Arten, wie mensch Freundschaft ausdrückt, sind nicht nur heute unglaublich vielfältig, sondern ändern auch im Laufe der Zeit ihre Gestalt.

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Quelle: Dieser Artikel stützt sich auf einen Ausschnitt aus der Chronik von Rogerus de Hovedene und den Aufsatz «Tender Comrades – Gesten männlicher Freundschaft und die Sprache der Liebe im Mittelalter» von Klaus van Eickels.

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