Troye Sivan ist ein Profi. Als Künstler – zuerst als Youtuber, bald als Schauspieler und momentan als Musiker – ist er auf der Welt unterwegs. Wir treffen ihn an seinem einzigen Schweizer Konzert zum Interview und sprechen mit Troye über dunkle Musik, schwulen Pop und sein Outing.

Florian Vock (Text und Interview), Samuel Haitz (Bilder)

Beim Interviewtermin um 16 Uhr hat es schon eine Schlange um den Kaufleutensaal, wo abends Troye sein Debütalbum Blue Neighbourhood präsentieren wird. Die energetische Show reisst mit. Die Fans, laut kreischend, können jede einzelne Zeile mitsingen.
Auf der Bühne zeigt Troye nicht nur einen schwulen Tanzstil wie Olly Alexander von Years & Years, sondern auch eine ähnliche Bescheidenheit. Trotz aller Professionalität der ganzen Pop-Industrie ist Troye sichtlich aufgeregt.
Troyes liebstes Emoji „Es ist ein bisschen peinlich: Ich dachte, das ist ein Mann mit Kapuze, der sich schämt. Alle müssen das jetzt verstehen, wir tun einfach so, als sei das nicht der Typ vom Buckingham Palace.“

Troyes liebstes Emoji
„Es ist ein bisschen peinlich: Ich dachte, das ist ein Mann mit Kapuze, der sich schämt. Alle müssen das jetzt verstehen, wir tun einfach so, als sei das nicht der Typ vom Buckingham Palace.“

Troye, welche deiner Songs machen dich noch nervös beim Singen?

Bei HEAVEN bin ich aufgeregt. Das singe ich bei jeder Show und es bewegt mich jedes Mal. Und seit einiger Zeit covere ich Love Is A Loosing Game von Amy Winehouse.

Und für das Publikum?

Das ist schwierig zu sagen. Bei YOUTH geht das Publikum ab, sie kennen ja auch die Lyrics.

Und wie das Publikum abgeht. Mit geschickten Anpassungen für die Live-Show sind die Songs trotz ihrer Tiefe und Nachdenklichkeit tanzbar, singbar. Ein Reggae-Einschub bei FOOLS lässt auch die Hüften mittanzen. Trotzdem sind die Lyrics kein klassisches Pophandwerk. Sie drücken die Gefühle einer jugendlichen Generation aus, die keine platten Liebeslieder wünscht, sondern Intensität: Bei den Beats wie bei den Lyrics.

Wenn wir die Beats und Klängen deiner Songs hören, aber besonders auch die Lyrics: Da stehen grosse, nicht unbedingt positive Gefühle dahinter. Eine Zeile lautet: „I’m afraid of the life I’ve made“.

Ich frage mich immer, ob die Menschen, die meine Songs hören, verstehen, was ich damit wohl meine. Aber über allem steht bei meiner Musik eine Botschaft: Ehrlichkeit. Nicht alles ist angenehm, es ist ja auch nicht alles angenehm in der Welt. Ich schreibe über echtes Zeugs. Es gab Zeiten, zu denen ich mich so fühlte.

Das ist ein grosser Kontrast zu vielen deiner Youtube-Videos oder zu deiner Person: Du bist sehr glitzrig. Veränderst du dich für die Bühne?

Nein. Klar, meine Show ist voller Power. Aber ich habe schon immer das Triste, Düstere, Dunkle geschätzt. Die Musik, die ich höre, ist meistens ziemlich traurig. Ich weiss nicht, warum. Aber ich verbinde mich sehr stark mit dieser Art Musik.

Zwischen jedem Song macht Troye kurze Pausen und erzählt ein bisschen. Er habe einmal Schnee gesehen in der Schweiz, die Fans brechen in hysterischen Jubel aus. Sie jubeln ihm aber auch zu, wenn er sagt: Ich bin das komplette Gegenteil von hetero. Ich bin sehr sehr schwul.
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Was haben deine Songs mit dir zu tun?

Das Album ist komplett autobiografisch. Jedes einzelne Lied ist aus meinem Leben.

Deine Musik ist sehr intensiv für uns Zuhörer_innen. Von deinem Youtube-Channel bist du dir es gewöhnt, deine Gefühle, auch deine Verletzlichkeit, einem grossen Publikum zu zeigen. Hast du dich nie geschämt?

Nicht wirklich. Ich denke, das hat mit meiner Kindheit zu tun. Sport habe ich nie gemocht. Ich bin allem, was mich beschäftigte im Leben, mit meiner Kunst begegnet. Das ist mein natürlicher Weg, mit allem umzugehen. Während meine Freund_innen für Prüfungen gelernt haben, habe ich Youtube-Videos gemacht und Songs geschrieben. Das ist meine Sprache.

Viele junge Falschsexuelle kennen dich von deinem Outing-Video. Wie wichtig war dieses Video für dich persönlich?

Für mich war es eine absolute Notwendigkeit. Ich hatte es bitter nötig, um glücklich zu werden. Ich will nichts mehr verstecken. Das Outing war mein Fuck you zu allen, die ein Problem mit mir haben. Ich hatte keine Lust mehr, mir den Mund verbieten zu lassen. Das ist mir vor meinem Outing genug passiert. Andere Menschen haben blöde homophobe Scheisse gelabert und sich selbst blossgestellt. Diese Möglichkeit sollte es nicht mehr geben. Also habe ich mich lieber geoutet und es allen vor die Nase gesetzt: Hat jemand ein Problem damit? Dann sagt es mir, damit ich nichts mehr mit euch zu tun haben muss.

Hast du das Video bewusst für die ganze Welt gemacht?

Ich wusste einfach von mir persönlich, wie wichtig solche Outing-Videos sind. Ich habe sie ja auch alle geschaut. Dieser Teil von Youtube ist mir heilig und diese Videos sind eine unglaubliche Ressource für LGBT-Jugendliche. Ich hätte aber nie gedacht, dass mein eigenes Video so viele Menschen erreicht.

Warst du in einer LGBT-Jugendgruppe?

Es gab eine in meiner Heimatstadt, aber ich hatte zu viel Angst. Und als ich mich geoutet habe, mit 18 Jahren, war ich bereits viel unterwegs. Darum habe ich einfach meine Online-Community.

Olly Alexander von Years & Years sagt, das Pop-Business sei sehr eintönig. Ein bisschen schwul oder queer dürfe mensch schon sein, aber nicht zu viel. Wie erlebst du das?

Ich habe dieses Gefühl manchmal auch. Und es ist etwas, das ich verzweifelt bekämpfe. Bei meiner letzten Show wollte ich ein Crop-Top-Shirt anziehen. Nachdem ich mit einigen Menschen darüber sprach, habe ich es doch nicht angezogen. Das nervt mich. Ich will eigentlich anziehen, was ich will. Mir wurde davon abgeraten, weil ich vielleicht doof damit ausschaue. Aber ich wünschte mir, dass ich in diesem Moment stärker gewesen wäre und es trotzdem angezogen hätte. Es ist ein konstanter Kampf, den ich aktiv führe.

Zwar trägt Troye auch in Zürich kein Crop-Top. Aber nicht nur sein explizites Outing begeistert das falschsexuelle Publikum: Zwei Fans halten Schilder in die Höhe. „It’s my 20th birthday!“ steht auf dem einen. „Suck my ass!“ auf dem anderen. Troyes Kommentar: „Ich schätze beide Schilder gleich.“

In einem Interview hast du gesagt: Ich werde selbstbewusster, weil ich erwachsen werde. Meinst du das als Künstler oder als Person? Gibt es da überhaupt einen Unterschied bei dir?

Dass ich als Künstler besser wurde, hat auch damit zu tun, dass ich den Titel „Künstler“ bekommen habe. Ich will nicht angeberisch klingen, aber eigentlich war ich ja mein ganzes Leben ein Künstler. Aber sobald ich den offiziellen Titel dazu bekommen habe, hat es mich befreit. Künstler dürfen verrückt sein, Künstler sind bekloppt. Also kann ich jetzt offiziell tun, was ich will, weil es mein Job geworden ist. Es eröffnet mir neue Möglichkeiten, die ich immer noch entdecke. Es macht mich sehr glücklich, ich wünsche diese Freiheit allen! Einige haben sie ja auch – du siehst sie auf der Strasse an dir vorbeilaufen. Mir fehlt oft noch der Mut, zu sein, wie ich will. Aber ich versuche es.

Wie übt mensch, sich selbst zu sein?

Mensch muss es einfach tun. Und die passiv-aggressiven Kommentare der Menschen ignorieren, anders geht es nicht. Das macht mich stärker.

„so if I’m losing a piece of me / maybe i don’t want heaven?“

„so if I’m losing a piece of me / maybe i don’t want heaven?“


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