Ehe Pro

Von: Claudio, 22 Student aus Luzern

Von: Claudio, 22
Student aus Luzern

«Willst du einmal heiraten, wenn du gross bist?» Mein Vater fragte mich das oft, als ich ein kleines Kind war. Ohne genau zu wissen, was Heirat denn eigentlich genau ist, antwortete ich immer mit einem klaren «Ja». Meine Eltern waren damals meine grossen Vorbilder, natürlich wollte ich genau so werden wie sie. Ich dachte nicht an Liebe, an ein religiöses Bündnis, sondern an ein Weltbild, das mir meine Eltern vorgelebt haben und in dem ich selbst meinen Platz finden wollte. Mit zunehmender Reife und gewonnenen Erfahrungen dämmerte es mir in der Pubertät schliesslich, dass die Dinge nicht so einfach waren. Der Weg der sexuellen Entfaltung und der eigenen Akzeptanz war holprig genug. Inmitten all den Schwierigkeiten, einen Platz in meinem Umfeld zu finden, musste ich dann auch noch lernen, dass es meiner «Art» in diesem Land nicht gestattet ist zu heiraten.

Es geht mir grundsätzlich nicht einmal um dieselben Rechte. Klar, der Gedanke, dass ich steuerlich anders behandelt werde, familienrechtliche Nachteile habe und meinen unschön klingenden Nachnamen nie ändern kann, ist empörend. Das Hauptproblem der Diskriminierung liegt aber viel tiefer als die Artikel im Gesetz. Viel wichtiger als die rechtlichen Grundlagen sind für mich die sozialen Auswirkungen des Eheverbots. Als Kind wurde mir eine Lebensform gezeigt, die ich verinnerlicht habe. Es ist eine Lebensform, die mir selbst Bestätigung gegeben hat, die von allen akzeptiert wird. Eine Lebensform, die ich selbst lieben gelernt habe und nicht mehr hergeben wollte. Zu erfahren, dass eine staatliche Macht in mein Weltbild eingreift und genau das wegnimmt, was mir 14 Jahre lang versprochen wurde, hat mich wütend gemacht. Meine Situation hat mich bis heute geprägt und macht mich, egal was ich tue und wer ich bin, zum Aussenseiter. Ich verdiene das nicht und will mich deshalb dagegen wehren. Ich will die Kirchenglocken, die für meine Eltern geläutet haben, ich will den Ring, den meine Freund_innen einmal ihren Liebenden übergeben können. Ich will das Weltbild, das uns allen versprochen wurde. Und, um das noch zu betonen – es soll erlaubt sein, nein sagen zu können zu diesem Weltbild, wenn ich will.


Ehe contra

Von: Tobi, 21 Student aus Zürich

Von: Tobi, 21
Student aus Zürich

Es ist ein wahrer Skandal, dass ich in diesem demokratischen Land als schwuler Mann meinen Liebsten nicht heiraten darf! Ganz ehrlich – wieso verbietet mensch mir, so ein tolles weisses Kleid mit kitschigen Rüschen zu tragen? Ich würde todschick darin aussehen!

Spass beiseite: Die Ehe für alle zu fordern ist momentan gross im Trend. Die LGBT-Bewegung kämpft für die Rechtsgleichheit von gleichgeschlechtlichen Paaren, was das Heiraten anbelangt. Auf den ersten Blick gibt es nichts dagegen einzuwenden. Doch betrachtet mensch die Sache ein wenig genauer, fallen viele Scheidungsgründe, äh, Störfaktoren auf:
Die Ehe, wie wir sie heute kennen, ist nicht nur ein Zivilstand, sondern auch ein emotional aufgeladener Bund mit vielen ungeschriebenen Gesetzen. Nach allgemeiner Auffassung ist die Ehe monogam, wird zwischen zwei Personen geschlossen, deren Geschlecht eindeutig festgestellt werden kann, und sie hält bis ans Lebensende (oder sollte zumindest…). Alle romantischen Gefühle und sexuellen Regungen müssen in der Ehe mit einer einzigen Person geteilt werden.

Für viele stimmt dieses Modell – doch für viele andere funktioniert dieses mit falschen Erwartungen übersteigerte Ehe-Prinzip nicht. Dafür braucht mensch nur mal die Scheidungsrate bei Hetero-Ehen anzuschauen: Sie liegt in der Schweiz bei fünfzig Prozent. Und was ist bei der Ehe mit Polyamorie und Polygamie? Und mit Menschen, die nicht eindeutig weiblich oder männlich sind? Oder Menschen, die schlichtweg keinen Bock darauf haben, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag in derselben Beziehung festzustecken? Für all das ist in der Ehe kein Platz vorgesehen.

Mit dem Kampf für die Ehe-Öffnung ziehen wir eine klare gesellschaftliche Grenze zwischen Homos, die sich gut verhalten, die «richtig» ticken, weil sie brav in einer gesellschaftlich akzeptierten, monogamen Zweierbeziehung leben, und zwischen Homos, die «falsch» sind, weil sie – ein Beispiel: – als schwuler Mann in einer offenen Dreierbeziehung stecken mit zwei Männern, die vielleicht gar kein Schnäbi haben…

Die Ehe für alle fördert zwar die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Beziehungen, aber nur, wenn sie möglichst schön der biederen Hetero-Norm entsprechen. Was ist mit all den Falschsexuellen? Jenen, die nicht in dieses Bild passen? Sie werden weiterhin ausgegrenzt und verurteilt! Dabei ist es genau die Aufgabe der Queer-Bewegung, sich für die am wenigsten Privilegierten unter uns einzusetzen. Lasst uns also nicht einer Norm nachrennen, der wir uns nur unterwerfen müssten, sondern lasst uns kämpfen, dafür, dass alle – und nicht nur die Angepassten – akzeptiert werden!

Mehr zu Ehe und Aids...

Weitere Artikel lesen...

Illustration: Claudio Näf

2 Comments