In der AIDS-Krise war die Forderung nach der Ehe für alle nicht kitschig. Sie war notwendig.

Von: Laura, 28 Doktorandin aus Basel

Von: Laura, 28
Doktorandin aus Basel

In den 1970ern war die Homo-Bewegung noch provokativ und ausgelassen, so die Legende. Erst als AIDS ab den 1980ern reihenweise Aktivist_innen tötete, und zwar gerade jene, die auch in ihren Beziehungen radikal unangepasst gelebt hatten, seien so angepasste Forderungen wie die nach der Homo-Ehe auf den Tisch gekommen. Sicher. Das mag ein Faktor gewesen sein. Doch AIDS und die Forderung der rechtlichen Anerkennung von Beziehungen hängen noch in einer anderen Weise zusammen, die heute fast vergessen ist:

Der Virus platzte mitten in eine eng verknüpfte Community mit einem durch die «Gay Liberation»-Bewegung neu erworbenen Selbstbewusstsein. Junge Menschen, für die bisher der Tod noch meilenweit entfernt schien, mussten sich plötzlich damit auseinandersetzen, dass sie selbst und ein Grossteil ihrer Freund_innen krank wurden und starben. Dadurch kamen Themen auf den Tisch, die  vorher vor allem für alte Menschen relevant waren: Bekommen meine Freund_innen Auskunft über meinen Gesundheitszustand, wenn ich ins Krankenhaus eingeliefert werden? Darf ich dabei sein, wenn mein_e Freund_in stirbt? Dürfen wir die Beerdigung gestalten oder wird das die Familie übernehmen, mit der er oder sie eigentlich seit Jahren zerstritten ist? Was passiert mit unserer gemeinsamen Wohnung? 

Die AIDS-Krise zwang Aktivist_innen dazu, sich mit rechtlichen Fragen auseinanderzusetzen – also mit etwas, das für sie zuvor spiessig war und zum bürgerlichen Establishment gehörte. Aber Forderung nach rechtlicher Anerkennung von Beziehungen war zu dieser Zeit ein sehr praktisches, drängendes Problem, und hatte wenig mit Romantik und kitschigen Festlichkeiten zu tun. 

Übrigens haben Falschsexuelle schon vor der Ehe Wege gesucht, ihre Beziehungen rechtlich abzusichern. Über weite Teile des 20. Jahrhunderts (und in den USA übrigens bis 2013!) war es durchaus üblich, dass Partner_innen sich gegenseitig adoptierten. Eine geschickte Lösung, könnte mensch sich jetzt denken – denn da kann mensch ja auch zwei oder mehr «Kinder» annehmen. Diese Arrangements haben aber auch ihre Haken: Denn erstens liegt dabei keine Scheidung drin, auch wenn mensch sich irgendwann bis aufs Blut zerstreitet. Zweitens wird die Beziehung dadurch streng genommen wieder illegal, weil die Beteiligten nun eigentlich Inzest praktizieren. Da sind gleichgeschlechtliche Ehen und eingetragene Partnerschaften gar keine so schlechte Alternative.

Ehe Pro und Contra...

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Illustration: Claudio Näf

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