Auf einem experimentellen Streifzug durch Zürich erfährt mensch, wie es sich anfühlt, mit sieben Fremden Hand in Hand durch die Strassen zu gehen.

«Hast Du einen Partner oder eine Partnerin?», fragt mich eine Frau, die meine Mutter sein könnte und die ich seit gut einer halben Minute kenne. Sie trägt eine bunte Jacke und ist einen Kopf kleiner als ich. Wir stehen uns frontal gegenüber.

Von: Tobi, 21 Student aus Zürich

Von: Tobi, 21
Student aus Zürich

Ja, meine Antwort. – «Wie geht ihr zu zweit durch die Strassen?», ist ihre nächste Frage. «Wir halten uns an den Händen und zwar...», ich versuche zu erklären, doch sie unterbricht mich: «Kannst Du mir das zeigen?» Sie nimmt meine Hand, ich halte sie, wie ich die Hand meines Freundes halten würde, und wir spazieren los durch die Strassen von Zürich – die Kunst-Performance beginnt.

Wer sind wir?
«Walking:Holding» ist eine Performance, konzipiert von der britischen Künstlerin Rosana Cade. Egal wo die Performance stattfindet – in Hongkong, Lissabon, Kopenhagen oder eben an der Gessnerallee in Zürich –, überall ist der Ablauf derselbe: Die Teilnehmer_innen werden einzeln an einem bestimmten Ausgangsort von einer Person abgeholt und an der Hand durch die Stadt geführt. Auf dem ganzen Spaziergang wechselt mensch die Partnerin oder den Partner sieben Mal und begegnet sieben ganz unterschiedlichen Menschen – dem Flüchtling, der iranischen Künstlerin, der Grossmutter, der POC (person of color) oder der Trans*frau zum Beispiel. Und mit allen bietet sich Möglichkeit zu spannenden Gesprächen. 

Dass die Kunst-Performance nicht einfach nur «l’art pour l’art» ist, also Kunst bloss um der Kunst willen, wird schnell klar. Denn die Pasant_innen registrieren uns – und sie urteilen. Einmal bin ich der Loverboy mit seiner Sugar-Mama, einmal der urbane Schwule mit seinem Freund, einmal der Enkel mit seiner aufdringlichen Grossmutter, einmal der Typ von nebenan mit seiner hübschen Freundin. Und jedes Mal sind die Blicke anders. Mal missbilligend, mal gleichgültig, mal neugierig. Immer wieder bleibt auf dem Spaziergang kurz Zeit, um sich zu spiegeln. Wir halten inne vor Glasfassaden, in der Unterführung des Hauptbahnhofs mit seiner verspiegelten Decke oder vor dem Spiegel in einem Lift. Und jedes Mal bin ich erstaunt, wie anders wir wirken, je nach dem, wen ich an den Händen halte.

Ein lebenswertes Leben
Der Künstlerin Rosana Cade geht es um das Offenlegen von Gesellschaftsstrukturen und von Vorurteilen. Darum, dass zwei Männer oder zwei Frauen, die sich an den Händen halten, ganz anders wahrgenommen werden als ein Mann-Frau-Paar, dass Homo-Paare viel öfter mit Ablehnung konfrontiert werden. Es geht ihr um Aktivismus für gleichgeschlechtliche Paare und um eine gerechtere Welt – oder wie es die berühmte Gender-Philosophin Judith Butler einmal sagte: «Die Aufgabe von Queer-Aktivismus ist es, einem das Atmen zu erleichtern, das Spazieren auf der Strasse ohne Belästigung möglich zu machen, das Leben lebenswert machen.»

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