Das Motto der diesjährigen Pride fokussiert auf die Ehe für Alle. Das ist ein ziemlicher Tunnelblick. Eine Reise zu den Anfängen.

Von: Luzia, 19 Schülerin aus Zürich

Von: Luzia, 19
Schülerin aus Zürich

Am 28. Juni 1969 drangen sechs Polizeibeamte unangekündigt in die kleine, unscheinbare Bar in der Christopher Street, New York, ein. Sie waren nicht da, um Frieden zu stiften, sie brachten die Gewalt erst mit, wie sie es unzählige Male zuvor getan hatten. Die Menschen, die im Stonewall-Inn festsassen, wussten das. Sie gehörten zu den Gruppen der LGBTIQ-Community, die am meisten diskriminiert wurden – Butches, feminine Schwule, Trans*-Frauen, Prostituierte aller Geschlechter und obdachlose Jugendliche. Sie wussten auch, dass die Polizei ihnen nur dann vom Hals blieb, wenn sie deren Schutz brauchen würden. Manche waren in der Zeitung denunziert worden, andere hatten sich aus freien Stücken geoutet und fanden dadurch unmöglich eine Arbeit. Sie alle lebten ihr Leben, ihre Anderssexualität und ihre Identität im Geheimen. Der schummrige, zwielichtige Stonewall-Inn, betrieben von der Mafia, war der einzige Ort,  an dem sie sich frei bewegen konnten. Als an diesem Abend die Beamten sie wieder auseinandertrieben wie Vieh und sie zwangen, sich auszuweisen, als sie wahllos Barbesucher_innen abführten, wurde die Menge wütend. Die Zeit war gekommen, und ein aufgebrachter Mob Falschsexueller sperrte die Polizisten in der Bar ein, währenddessen draussen der Riot seinen Anfang nahm. Das war das erste Mal, dass Queers sich trauten, offen und wütend gegen ein System zu rebellieren, das sie so unverschämt und unverdeckt diskriminiert(e). 

Geburt der Pride-Demos
Die Stonewall-Riots waren so unzeitgemäss, dass niemensch in den späten Sechzigern sie sich in seinen_ihren kühnsten Träumen ausgemalt hätte – bis sie stattfanden. Sie legten den ersten Stein der « Gay Liberation»-Bewegung der Siebziger.  Ein Jahr später, am 28. Juni 1970, fand die weltweit erste Pride-Demonstration in New York statt. Davor hatte es nur stille Mahnwachen gegeben, bei denen es strenge Dresscodes gab – Kleider für Frauen, Anzüge für Männer. Anpassung war die Devise. Heute begehen wir die Pride 2016. Das Motto #Teamforlove, das die Ehe für Alle fordert, ist angelehnt an den #lovewins-Hashtag, der auf Twitter trendete, als die Ehe für alle in den USA per Gerichtsbeschluss angenommen wurde. Aber hat die Liebe mit der rechtlichen Gleichstellung der Beziehungen gewonnen? In Südafrika ist die «Ehe für Alle» schon länger eine Realität. An der Homo- und Trans*phobie des Grossteils der Bevölkerung ändert das aber nichts. Immer wieder werden lesbische Südafrikanerinnen auf offener Strasse vergewaltigt und ermordet von Männern, die glauben, ihre sexuelle Orientierung durch den Missbrauch zu korrigieren.  Andererseits gibt es über die Ehe für alle hinaus noch viel zu tun: Trans*Menschen sind in unserer Gesellschaft so unsichtbar, dass sie nur als Opfer in den Hate-Crime-Statistiken auftauchen, die 20Minuten für einen Artikel über Transidentität ein Bild von Conchita Wurst verwendet und der Besuch einer öffentlichen Toilette für unzählige immer noch keine Selbstverständlichkeit ist. Die Zahl der an Alkoholismus leidenden Lesben steigt an, weil Alkohol alle Orte dominiert, an denen wir uns treffen können. Es gibt noch so viele Brandherde, aber wir ziehen es vor, die «Ehe für Alle» als ein Ende des Kampfs für Gleichberechtigung anzusehen.

Anderes Motto?
Daher wäre mir  #TeamforJustice lieber. Oder #Letsgetvisible. Hauptsache etwas, das sich nicht so eng auf die Ehe konzentriert. Das Motto der Pride sollte eine Community repräsentieren, die nicht aufgegeben hat und all ihren Sorgen eine Stimme gibt. Auch wenn unsere Safe Spaces nicht mehr gestürmt werden und unsere Falschsexualität nicht mehr als Krankheit definiert wird: Wir haben einen langen Weg hinter uns, aber wir sind noch längst nicht am Ziel.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen eine frohe Pride! Seid wütend und glücklich und ausgelassen. Allein eure Anwesenheit macht die Welt zu einem besseren Ort.

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