TAKE ME FOR A RIDE

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TAKE ME FOR A RIDE

  Philipp, 22   Chemielaborant aus Zürich

Philipp, 22

Chemielaborant aus Zürich

Sara lebt in einer ruhigen Kleinstadt in Ecuador und befindet sich gerade im letzten Jahr der High School. Da sie keine Geschwister hat und in der Schule eher unbeliebt ist, ist sie als Einzelgängerin unterwegs. Zu ihrer überfürsorglichen Mutter und dem wortkargen Vater hat Sara ein distanziertes Verhältnis. Deshalb zieht sie sich zuhause lieber in ihr Zimmer zurück und liest. Besonders unzufrieden ist sie mit dieser Situation aber nicht.

Andrea wird in Saras Klasse versetzt und als die beiden in der Pause den gleichen Ort aufsuchen, um heimlich zu rauchen, kommen sie ins Gespräch.

Sie verstehen sich von Anfang an gut und verlieben sich schliesslich. Sie versuchen ihre Liebe so gut wie möglich geheim zu halten. Weil sie aber von einem Mitschüler zusammen an einem Konzert gesehen werden, scheint ein Outing unausweichlich - oder ist es das Ende ihrer Liebschaft?

Die Regisseurin Micaela Rueda erzählt die realitätsnahe Liebesgeschichte zweier Aussenseiterinnen. Sie zeichnet starke Bilder und so finden sich viele gute Aufnahmen in der 68 minütigen Co-Produktion dreier Länder (Ecuador, Kolumbien und Mexiko).

Leider zeigt Rueda kaum konflikthafte Gespräche. Die bruchstückhafte Darstellung der Konversationen nehmen der Erzählung ihre Kraft, die gerade auch in unangenehmen Dialogen zur Geltung kommen könnte.

Nachhallende Eindrücke bleiben zwar aus, aber der gelungene Soundtrack und der Einblick in die das jugendliche Leben in Ecuador schaffen einen sehenswerten Film.

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FRAGESTUNDE

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FRAGESTUNDE

Ich hatte vor kurzem mein erstes Mal und es war wirklich super! Ich würde es nun gerne auch ohne Kondom versuchen. Kürzlich bin ich auf den Begriff PrEP gestossen und da hiess es, das sei super, einfach, ungefährlich und man könnne eine HIV-Ansteckung zu 100% ausschliessen. Man könne sich die Medikamente ganz einfach im Internet bestellen! Das klingt super, aber ist das wirklich eine gute Idee?

Sandro (20)

Liebe_r Sandro

Gut setzst du dich mit PrEP, dem rezeptpflichtigen HIV-Medikament auseinander, bevor du voreilig im Internet bestellst. PrEP, kurz für Prä-Expositionsprophylaxe und wird in der Schweiz grundsätzlich nur rezeptpflichtig unter dem Handelsnamen Truvada als abgegeben.

PrEP kann zwei Dinge: Zum einen kann es bei HIV-positiven Menschen, die das Medikament ordnungsgemäss einnehmen den Virus unerkennbar und unübertragbar machen. Zum anderen kann es bei korrekter Einnahme auch als Schutz für HIV-negative Menschs vor einer HIV-Infektion bei ungeschütztem Sex dienen.

Achtung: PrEP ist sehr teuer und weniger wirksam als Kondome. Es bietet keinen Schutz gegen sexuell übertragbare Krankheiten wie Chlamydien, Gonnorhö, Tripper oder Hepatitis in allen Geschmacksrichtungen. Das HIV-Medikament kann bei regelmässiger Einnahme Folgen wie die Überbelastung deiner Leber haben, im schlimmsten Fall verringert sich deine Knochendichte.

Unser Tipp: Verwende beim Sex Kondome und beschränke ungeschützten Sex auf Situationen mit Menschen, denen du vertrauen darfst, und gehe einmal jährlich zum HIV-Test in den Checkpoint (mycheckpoint.ch).

Falls du nicht widerstehen kannst: Konsultiere eine medizinische Fachkraft deines Vertrauens, bevor du PrEP nimmst. Falls du gesundheitliche Schäden aufgrund eines nicht zugelassenen Präparats erleidest, kann es sein, dass deine Versicherung nicht zahlt.

Trotz den warnenden Worten wünscht dir das Milchbüechli frohes Lieben!

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FRAGESTUNDE

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FRAGESTUNDE

Ich bin zurzeit am Gymnasium und bin trans*. Ich bin zwar nicht geoutet möchte aber meinen Vornamen angepasst haben und nicht mehr in den Turnunterricht müssen. Geht das?

Mara (17)

Hallo Mara

Das kommt leider ganz auf die Schule an. Damit du vom Turnunterricht dispensiert werden kannst, brauchst du jedoch immer ein Arztzeugnis. Dieses Arztzeugnis kann von deinem_deiner Hausärtz_in sein oder von einer_einem Therapeut_in ausgestellt Meines Wissens muss ein_e Ärzt_in auch keinen Grund dafür angeben – mit ihm_ihr wirst du aber deine Situation ehrlich besprechen müssen. Was die Vornamensänderung angeht, so haben Schulen grundsätzlich die Möglichkeit dazu, sie können es aber auch verweigern und eine amtliche Änderung verlangen, bevor sie deinen Namen in ihrem System ändern. Auch wenn das mitunter ein langer und mühsamer Weg ist, ist es trotzdem ratsam, alles für die Änderung des Vornamens zu tun, da sonst Zeugnisse auf einen falschen Namen lauten. Das wird dir unter Umständen einige Erklärungen ersparen, wenn du dich mal irgendwo bewerben musst.

An dieser Stelle möchte ich Dir noch die Rechtsberatung beim TGNS (Transgender Networt Switzerland) empfehlen:

Jeweils jeden zweiten Donnerstag im Monat kannst du dich dort von kompetenten Leuten kostenlos und ohne Voranmeldung von 18 bis 21 Uhr beraten lassen.: www.transgender-network. ch/beratung-treffen

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YOUTUBER_INNEN COMING-OUTS

DIE ACHT BESTEN COMING-OUT-VIDEOS VON BEKANNTEN YOUTUBER_INNEN

SHANE DAWSON

Shane ist ein 28-jähriger Youtube-Komiker. 2015 lud er ein Video namens «I’m Bisexual» hoch, in dem er beschreibt, wie schwer es ihm fällt, dieses Video zu machen. Motivation war für ihn, dass es für gewisse Menschen hilfreich sein könnte. Er beschreibt, wie er sich verwirrt gefühlt hatte wegen seiner Sexualität. Shane beneidet die Sicherheit, die in anderen Coming-out-Videos an den Tag gelegt wird, weil er selbst nicht bestimmt weiss, wer er genau ist. Er erzählt von seinem Weg der Unterdrückung seiner Gefühle und wie seine religiöse Familie schlecht über Homosexualität sprach. Irgendwann ging er in Therapie aufgrund seiner Depressionen und lernte sich selbst besser kennen. Am Schluss sagt er, dass seine Sexualität ihn nicht definiert und dass sie nicht sein Leben ausmacht.

DODIE

Dodie schreibt auch ihre eigene Musik. Sie veröffentlichte ihr Video «I’m bisexual WOO» im Mai 2016. Darin erwähnt sie ihre Sexualität, über welche sie schon zuvor gesprochen hatte, jedoch war sie sich damals noch nicht über ihr Label sicher. Sie habe sich früher für «nicht bisexuell genug» gehalten, was sie lange davon abhielt, sich so zu bezeichnen. Sie erzählt in ihrem Video auch von anderen Labels, dass sie noch nicht alles genau erforscht hat und sich gerne überraschen lasse, was auf sie zukomme. Sie beschreibt, dass im 2011 in ihrem Freundeskreis nicht über Bisexualität gesprochen wurde. Es schien gar keine Option gewesen zu sein. Doch nun fühlt sie sich wohl mit ihrem Label.

GIGI GORGEOUS

Die bekannte Fashion- und Beauty-Bloggerin* hat 2016 bereits ihr drittes Coming-out-Video veröffentlicht. Bereits Jahre vor ihrer Transition hat sie sich als schwul geoutet, dann folgte das Outing als Transfrau* und schliesslich das aktuelle Video, in dem sie sich als Lesbe outet, und damit ein gutes Beispiel dafür ist, dass sexuelle Orientierung und Geschlechteridentität nichts miteinander zu tun haben. Sie teilt ihre Ansichten über Liebe und erklärt ihren Fans, dass es okay ist, seine sexuelle Orientierung infrage zu stellen und sie als eher fluid zu betrachten.

STEF SANJATI

An Stefs Transgender-Coming-out-Video fällt speziell ihre Haltung gegenüber ihrem eigenen Körper auf. Sie fühlt sich nicht «gefangen» in ihrem Körper, obwohl sie auch eine gewisse Dysphorie (eine starke emotionale und mentale Belastung aufgrund des zugewiesenen Geschlechts) empfindet und dies auch später in anderen Videos anspricht. Ihr Video ist äusserst körperpositiv und inspirierend. Auch ihre Updatevideos über ihr Leben als Transfrau sind sehr informativ, ehrlich und definitiv sehenswert.

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HANNAH HART

Hannah ist bekannt für ihre «my drunk kitchen»-Videoreihe. Sie hatte ihr Coming-out als Lesbe bereits im ersten Jahr ihrer Youtube-Karriere und Homosexualität ist seither ein oft angesprochenes Thema auf ihrem Kanal. Mittlerweile finden sich sieben weitere Coming-out-Videos von ihr, in denen sie unterschiedliche Aspekte der Homosexualität thematisiert, wie zum Beispiel die Homoehe. 2016 hat sie ihr zweites Buch «Buffering» veröffentlicht, in dem sie von ihrem Leben und somit auch von ihrer Sexualität erzählt.

 
 Andrea

Andrea

 Sabrina

Sabrina

 Milusch

Milusch

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Copy of Ehe Pro und Contra

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Copy of Ehe Pro und Contra

«Willst du einmal heiraten, wenn du gross bist?» Mein Vater fragte mich das oft, als ich ein kleines Kind war. Ohne genau zu wissen, was Heirat denn eigentlich genau ist, antwortete ich immer mit einem klaren «Ja».  // Es ist ein wahrer Skandal, dass ich in diesem demokratischen Land als schwuler Mann meinen Liebsten nicht heiraten darf! Ganz ehrlich – wieso verbietet mensch mir, so ein tolles weisses Kleid mit kitschigen Rüschen zu tragen? Ich würde todschick darin aussehen!

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SCHWEIZER PROVINZSTÄDTE WERDEN BUNTER!

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SCHWEIZER PROVINZSTÄDTE WERDEN BUNTER!

Innerhalb des letzten Jahres wurden in der Schweiz zwei neue Jugendgruppen für falschsexuelle Jugendliche gegründet.

Die Gründer_innen erzählen, warum.

 Tobi, 22  Student aus Zürich

Tobi, 22

Student aus Zürich

Alle, die in einer Provinzstadt oder auf dem Land aufgewachsen sind, kennen es: Mensch würde gerne mit anderen falschsexuellen Jugendlichen in Kontakt treten, doch die nächste Jugendgruppe ist in der nächsten grossen Stadt und damit viel zu weit weg. Das Internet ist zwar toll und verbindet Menschen miteinander, aber eine Begegnung face-to-face ist immer noch etwas Anderes, als elektronischer Kontakt.

Diesem Problem wollen Pascal mit seinem Team in Chur und Anna und Tobi in Schaffhausen mit neuen falschsexuellen Jugendgruppen begegnen.

  Pascal, 23   Medizinstudent aus Chur

Pascal, 23

Medizinstudent aus Chur

Vom Kiss-In zur Jugendgruppe

Pascal erzählt, was ihn dazu bewog, eine Gruppe zu gründen: «‹Wäh› oder ‹Pfui›, solche Worte hörten wir im September 2015 am Churer Bahnhof. Gerichtet waren sie an vierzig queere Menschen, die im Zuge eines Kiss-Ins gegen den Churer Bischof einander auf offener Strasse küssten. Das Protest-Küssen war ein voller Erfolg, jedoch war zu spüren, dass Verachtung gegenüber queeren Menschen Realität ist. Dort kamen einige Jugendliche auf mich zu und fragten, ob es eine Gruppe gäbe für queere Menschen. Leider musste ich diese Frage verneinen – das gehört nun aber der Vergangenheit an, denn mittlerweile haben wir die queere Jugendgruppe «whatever» gegründet!».

Sichtbarkeit schaffen

Mit den neu gegründeten Jugendgruppen geht es darum, dass Falschsexuelle endlich auch in den Kleinstädten sichtbar werden und zu zeigen, dass sie ein selbstverständlicher Teil des Stadtbilds sind. Tobi betont, dass er sich in seiner alten Heimat oftmals eingeengt fühlte: «Ich konnte nicht wirklich sein, wer ich bin. In Schaffhausen steht man ständig unter Beobachtung. Weicht man nur ein bisschen von der Norm ab, wird das registriert.» Darum sei es auch so wichtig, falschsexuellen Jugendlichen einen Platz zu bieten, wo sie sich wohl fühlen können – einen Safe-Space. Und nun nach einem Jahr Vorbereitung ist es endlich so weit, er und Anna eröffnen gemeinsam den Treff ANDERSH, der immer am letzten Donnerstag des Monats stattfindet.

Grosses Bedürfnis

Pascal und seine Gruppe waren seit der Gründung sehr aktiv. Sie treffen sich jeden ersten Donnerstag des Monats in den Räumen der Jugendarbeit Stadt Chur. Er erzählt: «Wir haben schon zusammen Spiele gespielt, gegessen, einen Workshop zur Queer-History gemacht oder queere Filme angeschaut. Das Bedürfnis nach einer solchen Gruppe ist sehr gross, über Mail, Purplemoon und auch über Facebook erreichen uns Anfragen von Leuten, die auch gerne mal kommen möchten. Das freut uns natürlich sehr, denn bei uns sind alle Menschen herzlich willkommen!»

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«WIR HABEN HALT EINFACH GEMACHT, WAS WIR WOLLTEN!»

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«WIR HABEN HALT EINFACH GEMACHT, WAS WIR WOLLTEN!»

Marian Lens führte von 1985 - 2002 die lesbisch-feministische Buchhandlung Artemys in Brüssel. Im Interview erzählt sie uns von dieser Zeit.

Im Jahr 1985 hast du die lesbisch-feministische Buchhandlung «Artemys» in Brüssel gegründet. Wie muss man sich die vorstellen? Ich nehme mal an ihr habt nicht nur Bücher verkauft...

  Laura, 29   Doktorandin aus Basel

Laura, 29

Doktorandin aus Basel

Mein Laden war in einer Einkaufsgalerie. Er hatte zwei Stöcke, der obere war nur für Frauen reserviert. Draussen gab es Ständer mit Postkarten und in den Schaufenstern Bücher und Fotos.

Ich hatte ein grosses Angebot an Büchern in verschiedenen Sprachen. Es gab damals auch viel, überall entstanden lesbische und feministische Verlage. Ich habe sehr viel gelesen. Die Leute kamen gerne, weil sie mit mir über die Bücher, die sie gekauft hatten, diskutieren konnten. Manchmal kam jemand und hat mich gefragt «Marian, ich habe das überhaupt nicht verstanden, was meinst du dazu?».

Anfang der 1980er gab es in Brüssel nicht viele Orte für Lesben. Die Community existierte fast nur nachts, in Hinterzimmern, die Informationen bekam man nur unter der Hand, manchmal hiess es, klingle da und da, der dritte Knopf von unten. Und ich? Ich habe ein Projekt am helllichten Tag aufgezogen, mit einem riesigen Schaufenster, mitten in der Stadt. Vielen Leuten hat das Angst gemacht und sie wollten, dass ich die Fenster zuklebe.

Der Buchladen ist schnell zu einem zentralen Ort für Lesben geworden. Man konnte andere Frauen treffen, sich austauschen und Informationen bekommen. Ich hatte ein Heft mit Adressen von allen lesbischen Orten und Dingen, die es gab. Die Leute deponierten bei mir ihre Visitenkarten, ich konnte alles vermitteln, von der lesbischen Künstlerin bis zur Handwerkerin.

Viele Frauen kamen zu mir, weil sie in einer Krise steckten. Ich habe jeden Tag etwa zwei Stunden damit verbracht, mit Kundinnen zu reden und zu erklären, dass sie nicht abnormal sind. Ich wusste auch, welche Psycholog_innen und Ärzt_innen nicht homophob waren, da musste man wirklich aufpassen, damals wurden ja noch viele Leute in Kliniken eingewiesen, weil sie homosexuell waren. Einmal habe ich ein lesbisches Mädchen aufgelesen, die von ihren Pflegeeltern auf die Strasse gesetzt wurde, weil sie «so» war. Das war sehr riskant für mich, weil das Schutzalter für gleichgeschlechtliche Sexualkontakte noch höher war.

Wir hatten verschiedene Selbsthilfegruppen, unter anderem eine zur weiblichen Sexualität, da haben wir uns zum Beispiel die Klitoris angeschaut. Viele wussten gar nicht, was es mit der auf sich hatte, niemand hat davon geredet. Ausserdem haben wir uns für gesetzliche Änderungen eingesetzt , Kurse an Schulen und Universitäten gegeben und immer wieder die Medien kontaktiert, damit sie etwas über Lesben schreiben. Wir haben wirklich Tag und Nacht gearbeitet.

Der Buchmarkt war schon damals sehr schwach, es haben fast nur grosse Unternehmen überlebt. Es war finanziell immer sehr schwierig. Ich habe zum Beispiel am Anfang lange keinen Kredit bekommen, weil ich mein Projekt als lesbisches Non-Profit -Unternehmen definiert habe. Aber es hat eine ganze Weile lang funktioniert. Wenn wir kein Geld bekommen haben, waren wir halt kreativ. Ich habe wahnsinnig viel Werbung gemacht, und bald wurde ich überallhin eingeladen, in Belgien und ins Ausland. Ich bin herumgefahren und habe meine Bücher an Ständen verkauft. Wir haben auch viele Partys gemacht, die haben Geld gebracht. Und natürlich Literatur- und Diskussionsabende.

Wie ist es dazu gekommen, dass du die Buchhandlunggegründet hast?

Es hatte zwar zuvor in Brüssel schon zwei feministische Buchhandlungen gegeben, eine französische und eine niederländische, aber die hatten kaum lesbische Titel geführt, man fand vielleicht ein oder zwei Bücher. Wie viele feministische Projekte zu dieser Zeit hatten sie irgendwie Angst vor Lesben.

Ich habe Soziologie studiert, habe mich gegen vieles aufgelehnt und wollte die Welt verändern (lacht). So hat man das damals gesagt, «die Welt verändern». Ich war zuerst in der Linken aktiv, das war aber sehr hierarchisch und die Frauen hatten keinen Platz. Ich habe da und dort Fetzen aufgeschnappt, dass die Vorherrschaft der Männer nicht selbstverständlich sei und dass wir das nicht mehr wollen. So war das damals im katholischen Belgien: Im Gegensatz zu Frankreich und den USA waren lesbische Feministinnen noch nicht richtig organisiert, aber die Ideen waren da und sie waren wütend.

Während ich studiert habe, hat die erste feministische Buchhandlung in Brüssel aufgemacht, und ich habe mir da sofort Bücher gekauft. Aber irgendwie fand ich die zu konservativ, die Leute dort meinten, man soll nicht zu sehr kritisieren, es gäbe ja auch nette Männer und so weiter. Wie soll man so eine politische Analyse machen? Diese Generation hat noch gedacht, dass wir Frauen einfach Anerkennung brauchen, und dann würde sich die Welt schon ändern. Heute klingt das vielleicht naiv, es reicht ja nicht, einen guten Abschluss zu haben und gut auszusehen, um beruflich Erfolg zu haben. Aber es gibt ja auch heute noch Frauen, die daran glauben.

Die Generation kurz danach – meine Generation – hat die Krise zu spüren bekommen. Als ich mit der Uni fertig war, gab es kaum Arbeit. Bei mir kam noch dazu, dass ich von meinen Professoren viel Gegenwind bekam. Meine Abschlussarbeit trug den Titel «Perspectives d’analyse de l’idéologie de la différence comme fondement de l’hétéropatriarchat ». Schon nur das Wort « Patriarchat » zu benutzen, hat viele Leute aufgescheucht. Aber dann auch noch die Heteronormativität infrage zu stellen! Das war neu. Normalerweise kommen zur Präsentation der Abschlussarbeit drei Professoren. Bei mir waren es 13! Alle wollten sich dieses «revolutionäre Gedankengut» anhören. Sie waren fasziniert, aber sehr aggressiv und feindselig. Ich wollte doktorieren, aber mein Professor hat mir gesagt, dass er mich mit diesem Thema nicht unterstützen würde. In Paris oder London hätte es zwar progressivere Leute gegeben, aber ich hatte kein Geld, dort hinzufahren.

Am Anfang war es für mich schwierig, das zu akzeptieren, aber ich habe dann recht schnell mit Artemys angefangen. Mein Plan war, Bücher zu schreiben, sodass ich irgendwann als Vortragende an die Uni eingeladen werde. Ich wollte ausserdem einen Beruf haben, in dem ich mich vollständig meinem Ziel widmen konnte, die Welt zu verändern. Also musste ich meinen eigenen Job kreieren.

Welche Leute haben deinen Laden besucht?

Am Anfang sind vor allem Lesben gekommen. Aber die Postkarten draussen und die Fotos in den Schaufenstern haben auch andere Menschen angezogen. Manchmal sind Grossmütter reingekommen, weil sie eine Karte kaufen wollten, und haben erst später gemerkt, dass es ein lesbischer Buchladen ist. Mit einigen kam ich ins Gespräch und sie sind wiedergekommen. Viele mochten den Ort einfach, weil er so offen und künstlerisch war, und er hat generell kritische und alternative Leute angezogen.

Was waren eure Anliegen? Wofür habt ihr gekämpft?

Ich wollte die Meinungen der Leute ändern. Denn erst wenn du in den Köpfen der Menschen etwas änderst, kannst du die Gesellschaft verändern. Mein Slogan war «Bücher zu verkaufen bedeutet, Ideen zu verkaufen».

Ich war wirklich sehr radikal, als ich mit 20, 21 mit meinem Aktivismus angefangen habe. Meine erste Gruppe nannte sich «Le Féminaire» und bestand aus Lesben, die sich als «revolutionäre Feministinnen» verstanden, ein Ausdruck, der damals sehr in Mode war. Ich habe mich sehr dafür eingesetzt, dass wir unsere lesbische Identität stärken und sichtbarer machen, so haben wir uns in «Les Lesbianaires» umbenannt. Wir haben die Heterosexualität als soziale Konstruktion infrage gestellt und analysiert, wie sie Frauen unterdrückt. Wir fanden prinzipiell, dass der Zwang, eine Frau oder ein Mann zu sein, eine Zumutung ist.

In die Statuten meiner Buchhandlung habe ich geschrieben, dass die Buch- handlung von Lesben geführt wird, also nicht einfach von Frauen, sondern von Lesben. «Lesbe» – das war für uns ein Kampfbegriff. Und um Mitglied zu sein, musste man eine Frau sein. Das hat natürlich viele Leute ein bisschen geschockt und verärgert, einige warfen mir vor, Männer zu diskriminieren. Aber wir haben halt einfach gemacht, was wir wollten. Männer durften in den ersten zwei Jahren gar nicht in den Buchladen, später nur ins Erdgeschoss. Der Grund dafür war, dass wir so auch Polizisten den Einlass verweigern konnten. Ich habe ausführlich die Gesetze studiert und mich für diese Lösung entschieden. Die Polizei war damals sehr aggressiv gegen Lesben und Schwule und hat immer wieder unsere Veranstaltungen und Feste gesprengt.

Wie haben eigentlich damals junge Falschsexuelle Informationen und eine Community gefunden? So ganz ohne Internet?

Es gab eigentlich nur die Mund-zu-Mund-Propaganda. Man musste aktiv danach suchen. Auf dem Land war es schwierig, man musste schon nach Brüssel gehen, um etwas zu finden. Die Buchhandlung und unsere dreimal jährlich erscheinende Zeitung «Artemys» hat dabei eine wichtige Rolle gespielt. Bei uns sind alle Fäden zusammengelaufen, ich konnte immer Tipps geben.

Wir hatten für vieles Geheimcodes, meistens Ausdrücke, die ein bisschen zweideutig waren, so dass man im Notfall die Unwissende spielen konnte. Zum Beispiel «ein Ort für Frauen» oder «Frauenliebe» – da weiss man ja erstmal nicht, ist da einfach die Liebe einer Frau für irgendjemanden gemeint?

Du bist schon sehr lange Aktivistin. Was hat sich in denJahren verändert?

Es hat sich Vieles verändert, zum Positiven wie zum Negativen. Es gibt lange nicht mehr so viele lesbisch-feministische Projekte wie in den 1980ern. Jetzt erst wo ich dir von damals erzähle, fällt mir wieder auf, wie viel wir damals gemacht haben.

Heute kommen viele Gesellschaftsanalysen von der Uni. Wir hätten uns niemals von einer solchen elitären Institution etwas vorschreiben lassen! Was heute die Professor_innen erzählen, das haben wir schon viel früher gesagt und geschrieben, aber in der Bewegung, nicht in der Uni. Ich finde es schade, dass das nicht anerkannt wird.

Auf den lesbischen Stadtrundgängen, die ich anbiete, merke ich aber, dass die jüngeren Leute sehr interessiert sind. Sie wollen alles wissen, vor allem über die Konflikte. Das ist neu für mich, früher hatte niemand Lust, über sowas Anstrengendes zu reden. Die junge Generation stellt alles infrage und ist sehr kritisch.

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WOHER KOMMT DAS WORT?

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WOHER KOMMT DAS WORT?

Habt Ihr Euch auch schon einmal gefragt, woher Wörter wie trans*, lesbisch oder schwul kommen? Und welche Bezeichnungen es für uns Falschsexuelle sonst noch gibt?
Wir erklären Euch, woher die wichtigsten Begriffe kommen.

FALSCHSEXUELL

  Emma, 22   Studentin aus Bern

Emma, 22

Studentin aus Bern

«Falschsexuell» ist eine Übersetzung des Begriffs «queer», die von der Milchjugend erfunden wurde. Ziel ist es, mit diesem Wort zu provozieren und zu irritieren. Wir möchten uns damit auch öffnen und nicht auf übliche Kategorien wie lesbisch, schwul, bi, trans*, und so weiter festlegen. Das «falsch» soll zeigen, dass wir in den Augen der Gesellschaft immer noch nicht akzeptiert sind und als anders wahrgenommen werden. Gleichzeitig soll der Begriff dazu ermuntern, sich nicht an eine Norm anzupassen, sondern so zu sein und so zu leben, wie mensch ist und wie mensch sich fühlt.

DRAG

 Tobi, 22  Student aus Zürich

Tobi, 22

Student aus Zürich

Der Legende nach soll es William Shakespeare gewesen sein, der das Wort «Drag» erfunden hat. Im England des 16. Jahrhunderts, als Shakespeare lebte, galt es nämlich für eine Frau als unziemlich, auf der Bühne zu stehen. Deswegen übernahmen Männer auch sämtliche Frauenrollen. Shakespeare schrieb in die Regieanweisungen an den Rand, wann ein Schauspieler als Frau verkleidet auftreten sollte: «Dressed as a Girl», also DRAG.

BUTCH

  Laura, 29   Doktorandin aus Basel

Laura, 29

Doktorandin aus Basel

Butch hat trotz klanglicher Ähnlichkeit nichtsmit Bitch zu tun – ursprünglich kommt das Wort wahrscheinlich vom englischen butcher (‚Metzger‘), und war einfach eine Abkürzung dessen.In den 1940er-Jahren findet mensch den Begriff in seiner modernen Bedeutung, als Bezeichnung für eine Lesbe mit in stereotypischem Sinne maskulinen Zügen in Aussehen und Verhalten, wobei er heute mehr innerhalb der Community in Gebrauch ist und damit auch ironisch umgeht mit der Idee von «Maskulinität» oder Geschlechterrollen überhaupt.

HOMOPHIL

«Homophilie» ist mehr oder weniger ein Synonym für «Homosexualität», war aber vor allem in den 1950ern und 1960ern populär. Die amerikanischen und europäischen Aktivist_innen dieser Zeit benutzten ihn, um sich von der Reduzierung der gleichgeschlechtlichen Liebe auf den sexuellen Akt abzugrenzen. Die Homophilen-Bewegung konzentrierte sich vor allem auf den Aufbau einer Community mit guter Vernetzung und Hilfsangeboten. Mit der breiteren Gesellschaft ging sie nicht auf Konfrontation, sondern versuchte unaufgeregte Dialoge zu führen. Die Generation der «Gay Liberation»-Aktivist_innen ab 1969 lehnten den Begriff ab, da sie ihn als beschönigt und zu wenig provokativ empfand.

URNIGE

Karl Heinrich Ulrichs, selbst falschsexuell, war einer der ersten, der 1864 positive Begriffe einführte: Urning (für Männer*), Urninde (für Frauen*) und Uranismus (für das Phänomen insgesamt). Er leitete den Begriff aus Platons Buch «Symposion» ab: Die Göttin Aphrodite Urania sei der Legende nach nicht von einem Mann und einer Frau, also durch zweigeschlechtlichen Sex, gezeugt worden, sondern aus abgetrennten Körperteilen ihres Vaters Uranus entstanden.

Karl Heinrich Ulrichs war überzeugt, dass Urninge und Urninden sich ganz grundsätzlich von Dioningen – so nannte er Heterosexuelle – unterschieden. Mit ihrem falschsexuellen Verhalten würden sie nur ihrer Natur folgen, und sollten deshalb nicht bestraft werden. Nach der Veröffentlichung seiner Theorie bekam Ulrichs viele Briefe von sogenannten «Selbstbetroffenen» und startete damit eine erste kleine Falschsexuellenbewegung.

GAY

Im Französischen bedeutet gai ganz einfach ‚fröhlich, lustig‘. Das englische gay hat denn auch seine Wurzeln im Altfranzösischen gai, ging aber relativ schnell seine eigenen Wege und hiess im Englischen des 14. Jahrhunderts so etwas wie ‚schön, hell, gut gekleidet‘. Die Bedeutung wandelte sich mit der Zeit zu ‚amoralisch, sexuell freizügig, lustgetrieben‘. Erst ab den 1920er-Jahren taucht «gay» in verschiedenen falschsexuellen Gedichten, Liedern und dergleichen auf. Lange vor allem innerhalb der Community in Gebrauch, schwappte das Wort Ende der 60er-Jahre auf die Allgemeinheit über.

TRANS*

Trans* wird oft als Oberbegriff für Trans*gender, Transidentität, Transsexualität, Transvestit, genderqueer, non-binary und so weiter benutzt. Der Stern symbolisiert dabei einen Platzhalter, an dem alle möglichen Endungen eingesetzt werden können. Manche Menschen benutzen Trans* aber auch direkt als Selbstbezeichnung, weil er offener ist als die Unterbegriffe. «Trans» kommt aus dem Lateinischen und bedeutet «jenseitig» oder «darüber hinaus». Der Gegenbegriff zu «Trans» ist «Cis» (diesseitig), damit werden Menschen bezeichnet, die im Geschlecht leben, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

QUEER

Das Wort «queer» bedeutete ursprünglich «seltsam» und wurde bis in die 1980er-Jahre als Schimpfwort für Falschsexuelle verwendet. Erst mit Act Up, einer Gruppe von Aktivist_innen, die sich während der AIDS-Krise gegen gesellschaftliche Unterdrückung auflehnte, gelang es, den Begriff positiv zu besetzen und als stolze Eigenbezeichnung zu verwenden.

TRAVESTIE

«Travestie» bezeichnet die Darstellung eines Geschlechts auf der Bühne durch eine Person, die im Alltag in einem anderen Geschlecht lebt. Der Begriff wurde im 16. Jahrhundert aus den Wörtern «trans» (hinüber) und «vestire» (kleiden) gebildet. Er wurde zunächst vor allem im Italienischen und im Französischen für bestimmte Theater-, Ballett- und Opernrollen benutzt und später ins Deutsche übertragen. Schon in der Antike und im Mittelalter gab es Travestierollen, die Blütezeit erlebten diese aber ab dem 16. Jahrhundert. Zunächst ersetzten vor allem junge Männer die Frauen, die auf der Bühne nicht erlaubt waren, ab dem 17. Jahrhundert aber kamen «Hosenrollen» sehr in Mode, also Frauen, die Männerrollen spielten. «Drag Queens», bei welchen die Parodisierung der Geschlechter im Mittelpunkt steht, kamen erst viel später auf.

DYKE

Obskure Theorien kursieren zur Herkunft dieses Wortes. Zum Beispiel könnte es sein, dass es sich aus einem amerikanischen Slang des 19. Jahrhunderts für ‚Vulva‘ entwickelt hat, was wiederum von der auch heute noch gültigen weiteren Bedeutung von dyke ‚Damm, Grube‘ stammen mag. Die moderne Bedeutung von ‚Lesbe‘ stammt aus der afro-amerikanischen Community von Harlem, New York, in den 1920er-Jahren, wo der Begriff auch in längerer Form als bulldyke vorkam (bull ‚Stier‘). Zuerst ähnlich wie Butch auf äusserlich «maskuline» Merkmale bezogen und eher beleidigend gemeint, nahmen die frauenliebenden Frauen* den Begriff als Selbstbezeichnung an, wodurch er heute vor allem in der Community als neutraler oder positiver Begriff umhergeht. Niedlicher Fact: Hieraus entwickelte sich die Unterbezeichnung baby dyke, womit junge, unerfahrene Lesben gemeint sind.

 

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SCHWUL UND GLÄUBIG?

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SCHWUL UND GLÄUBIG?

Dario ist in einer christlichen Familie gross geworden. Ich habe mich mit ihm getroffen und mit ihm über seinen Glauben und seine Sexualität gesprochen.

Hattest du je Konflikte mit dir selber wegen deiner Sexualität und deinem Glauben?

  Johanna, 18   Studentin aus Rombach

Johanna, 18

Studentin aus Rombach

Ich hatte nie einen Konflikt mit mir selber. Anders bin ich sowieso, meine Homosexualität ist da das kleinste Problem. Auch mit meinem Glauben habe ich keine Schwierigkeiten. Unter dem Strich kommt es auf die persönliche Interpretation des Glaubens an und wie man die fundamentalen christlichen Werte auf sein eigenes Leben anwendet. Ich sehe keinen Grund warum das nicht funktionieren sollte nur, weil ich schwul bin.

Wie war dein Coming-out in der Kirche?

Es spricht sich halt so rum. Es gab aber nie einen Moment, wo ich vorne auf die Bühne gestanden bin und es allen mitgeteilt habe. Am eindrücklichsten an der ganzen Sache für mich war, wie wenig passierte. Für mich selber und auch in der Gemeinschaft. Es war eigentlich alles wie immer.

War es schwierig für dich innerhalb der Kirche offen mit deiner Sexualität umzugehen?

Innerhalb der Jugendarbeit war es nie ein Problem. Das war wirklich immer klar, es hat mich auch niemand blöd angeguckt. Teilweise hatte ich mit konkreten Personen persönliche Probleme, jemand hat zum Beispiel unwahre Sachen über mich erzählt und immer einen Spruch zu viel gemacht.

Konntest du mit dem umgehen?

Ja, ich konnte mit diesen Dingen gut umgehen. Die anderen der Jugendgruppe haben das ja mitgekriegt und zum Schluss hat sich sogar die Kirchenpflege auf meine Seite gestellt, da die ganze Situation eine ziemliche Diskussion ausgelöst hat.

Hast du Tipps wie sich andere Menschen in ihrem Glaubensumfeld am besten outen können?

Ich würde mir in diesem Umfeld eine Vertrauensperson suchen, die dir zuhört und versucht das Ganze mit dir anzugehen, vor allem sollte diese Person nichts ausplaudern. In Gemeinschaften können sich solche «Neuigkeiten» schnell rumsprechen, darum sollte man vorsichtig sein. Aber nicht vergessen, in den meisten Fällen ist es am Schluss nie so tragisch wie man es sich vorstellt.

Was würdest du anderen raten, wenn einen das Glaubensumfeld nicht mehr akzeptiert?

Wenn mich die Menschen aus meiner Kirche nicht mehr akzeptiert hätten, wäre das für mich ein massives Problem gewesen. Ich hätte nicht versucht mit ihnen den Kontakt zu halten, diese Inakzeptanz wäre nämlich eine Beleidigung an mich persönlich, wie auch an meinen Glauben gewesen. Darum würde ich mich von einer Gemeinschaft, die mich nicht akzeptiert, wie ich bin, unbedingt distanzieren, jedoch nicht vom Glauben. Es gibt nämlich genug Glaubensgemeinschaften, die jede_n so akzeptieren wie man ist.

Wird in deiner Kirche offen über Anderssexualität gesprochen?

Nein, nicht wirklich. Man redet ja generell nicht viel mit anderen in der Kirche. Unterschwellig hat sich eine Diskussion entfacht, weil sich noch nie jemand Gedanken über Falschsexualität gemacht hat. Falschsexualität wird im Grunde nicht als schlecht angesehen, es existiert einfach gar nicht. Die ganze Thematik wurde auch nie angesprochen, da noch niemand vor mir in dieser Kirche ein Coming-out hatte.

Wie du erwähnt hast, hat dein Coming-out die Menschen dazu bewegt, sich Gedanken über Falschsexualität zu machen, was hast du davon mitgekriegt?

In der Zeit, als meine Homosexualität Thema war, sind nie Menschen zu mir gekommen und haben mich gefragt, was ich da eigentlich für Schwachsinn mache; im Gegenteil, einige suchten das Gespräch mit mir, weil sie sich noch nie überlegt haben, dass man anders lieben kann und darf. Viele ermutigten mich sogar, weil die Kirche, durch das Ansprechen dieses Themas, gegenüber falschsexuellen Menschen immer wie offener wird. Nur durch aktives Vorleben erreicht man erwünschte Veränderungen.

Einmal kam sogar der Pfarrer zu mir und sagte, wenn es das nicht erträgt, wisse er auch nicht mehr weiter.

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FRAUEN KÄMPFEN NICHT GEGEN DEN ENDBOSS

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FRAUEN KÄMPFEN NICHT GEGEN DEN ENDBOSS

Normalvorstellungen von Geschlecht sind überall: Zum Beispiel – der Name ist Programm – im Gameboy.
 

  Sascha, 24   Schüler_in aus Olten

Sascha, 24

Schüler_in aus Olten

Auch wenn der Trend bereits merklich nachlässt: PokémonGo ist das alte It-Game auf dem Smartphone. Weil ich cooler bin als all die Pokémon- Go-Spieler_innen, mache ich einen Abstecher auf den Dachboden meiner Eltern.

Ich suche nach der Kiste mit meiner N64, meinem Gameboy und dem alten Scout-Schulranzen. Gesucht, gefunden! Siegesreich steige ich mit dem Säckli, in das mein Mami ordentlich den Gameboy und meine Spiele verstaut hat, hinunter in das Wohnzimmer und will – auf das Alte berufen, weils ja besser ist – die gelbe Edition spielen. Das war die Pro-Edition, da ja schliesslich Pikachu das Startpokémon ist und der Start damit schwieriger fällt, aber selbstverständlich sind im Säckli auch noch Rot und Blau. Und: Bugs und Lola Bunny – «Operation Karotten», mein damaliges Lieblingsspiel! Von einem neuen Impuls getrieben stecke ich das Jump-n-Run Adventure-Game in meinen violett-transparenten GameboyCOLOR und die bekannte Musik erklingt. Die Levels sind viel einfacher zu meistern, als ich es in Erinnerung habe. War ich damals so schlecht?

Nach kurzer Zeit aber schwindet meine Überzeugung, sich auf Altes zu berufen und gegen das Neue zu wettern: Bugs Bunny ist verdammt sexistisch! Das Spiel wird mit Bugs und Lola Bunny gespielt, die Charaktere können und müssen innerhalb des Levels für verschiedene Hindernisse auch abgewechselt werden, aber während Bugs Bunny den Gegner_innen mit dem Hammer eins über den Kopf zieht, zückt Lola Bunny das Nudelholz. Und will ich mit Lola Bunny eine schwere Kiste verschieben, läuft sie nur dagegen an. Nene!, das muss unser starker Bugs machen. Bugs ist übrigens auch nackt – so wie alle Tiere, während Lola Bunny an Bridget Jones im Fettnäpfchenkostüm erinnert: Lola trägt einen schwarzen Body, bei dem ein fluffiges weisses Bölleli rausschaut.

Ich bin empört und spiele trotzdem weiter. Ich komme an den Punkt, wo Lola wichtig wird: Mit ihrem Federleichtgewicht kann sie nämlich aus grossen Höhen à la Mary Poppins mit dem Schirm runterspringen, wobei Bugs beim Runterspringen hart aufschlägt und gleich 1UP verliert – und man nochmal von vorne beginnen muss. Aber es kommt noch besser: Lässt man die Spielfigur für mehrere Sekunden undirigiert, beginnt sie sich zu langweilen: Bugs isst während einer Pause genüsslich eine Rübe – macht ja Sinn, Kaninchen und so – während Lola einen Spiegel zückt und sich darin bestaunt – macht ja Sinn, Frau und so.

Aber es kommt noch ein Stück besser: Ich habe mittlerweile die ersten beiden Levels durchgespielt und komme nun zum entscheidenden Endboss dieses Levelthemas: Auf einem Floss weiche ich seinem herannahenden Schiff und den abgefeuerten Bomben aus. Ich will Bugs gegen Lola eintauschen, aber irgendwie geht das nicht. Ach ja, macht ja Sinn, Frauen kämpfen nicht gegen den Endboss.

Des Weiteren kann Bugs sich mit seinen baren Händen unter Hindernissen hindurchgraben und Lola nicht – wie männlich!

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TWO-SPIRIT IS NOT FOR WHITE PEOPLE

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TWO-SPIRIT IS NOT FOR WHITE PEOPLE

«Ich kann mich noch daran erinnern als ich klein war, haben wir nie darüber geredet, sondern einfach unsere Leben so gelebt wie wir waren, ohne das jemand sagte: "Du bist eine Frau oder du bist ein Mann." Das gab es einfach nicht. Für mich persönlich ist das auch nicht wichtig. Du kannst mich nennen wie du möchtest, nenne mich einfach nicht dumm.» Gayle

  Florian, 21   Informatiker aus Suhr

Florian, 21

Informatiker aus Suhr

Two-Spirits bezeichnet queere indigene Menschen aus Nordamerika, die aufgrund ihrer Fähigkeiten und Vorlieben nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind. Teilweise werden sie schon im Kindesalter als Two-Spirit bezeichnet. In einigen indigenen Gemeinschaften wurden sie gar als heilig angesehen. Sie und ihre Familien genossen ein hohes Ansehen, da viele Two-Spirit Personen als Lehrer_innen oder Heiler_innen tätig waren. Mit der Kolonialisierung Nordamerikas wurde dann leider gewaltsam das westliche binäre Geschlechtermodell über die nicht-binären Bestandteile der indigenen Kultur gesetzt. Es gibt aber auch heute noch Menschen, die sich selbst als Two-Spirit bezeichnen.

«Findet eigene Wörter!»

Ich möchte hier einen indigenen Two-Spirit-Mensch selbst zu Wort kommen lassen, darum füge ich hier Ausschnitte aus dem Interview der VICE_Serie Gaycation ein: Auf die Frage «Was ist Two-Spirit?» antwortet Steven, ein Two-Spirit-Mensch aus Nordamerika: «Wir haben kein Wort für das, was ihr schwul oder lesbisch nennt und deshalb brauchen wir dieses Wort als Oberbegriff für alle, die sind wie wir. Wir haben nie gesagt: ‹Oh du bist eine Transgenderperson. Du bist bisexuell oder du bist lesbisch.› Wir kannten diese Ausdrücke nicht. Diese Ausdrücke stammen alle aus der westlichen Kultur. Du weisst schon, LGBTQ und all das.»

Auf die Frage ob sich Two-Spirit gewissermassen von Labels löst, antwortet Steven: «Ja, diese Labels wurden uns aufgezwungen. Viele meinen beispielsweise dass ich Trans* bin und ich sage ihnen: ‹Nein, ich bin nicht Transgender. Ich bin nur Steven.› Analog dazu sehe ich nicht-indigenen Menschen, welche behaupten Two-Spirit zu sein. Da muss ich klar sagen: ‹Nein, bist du nicht!› Uns wurde das Land, Kultur und die Sprache von euch gestohlen und jetzt wollt ihr unsere Ausdrucksweise stehlen? Ihr müsst wirklich zuerst zurückblicken, euch mit eurer eigenen Kultur auseinandersetzen und eigene Wörter finden und nicht unseres Übernehmen, denn diese Wörter gehören uns!»

Schwierige Lage

Leider ist die aktuelle Lage für Two-Spirit-Personen sehr prekär, da sie sich nicht in das westliche binäre Geschlechtsmodells einordnen lassen und sie deswegen auf verschiedenen Ebenen diskriminiert werden. Bereits in den ersten Wochen des Jahrs 2017 wurde eine Two-Spirit-Person namens Jamie Lee Wounded Arrow ermordet.

Es gibt Leute, die behaupten, dass Queerness etwas Westliches sei und daher erst mit den Europäer_innen nach Nordamerika kam, was mit Geschichte der Two-Spirit-Personen ganz klar wiederlegt werden kann. Das einzige, was wir Europäer_innen nach Amerika brachten, waren ein einengendes Geschlechtermodel, wie auch Homophobie.

Mit rechts-konservative Hasstiraden wird gegenwärtig versucht, die Bevölkerung und die verschiedenen Kulturen zu spalten, anstatt gegenseitige Empathie und Verständnis zu predigen. Doch gerade wir als queere junge Menschen wissen, wie schön Diversität sein kann und sollten deshalb jede Kultur akzeptieren und diese auch schätzen lernen.

Quelle VICE Gaycation S1E4

Dokumentationen von Frameline https://www.youtube.com/watch?v=pY21Iirhp5o

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LGBT-RECHTE = WESTLICHE RECHTE?

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LGBT-RECHTE = WESTLICHE RECHTE?

Der «Westen» sieht sich gerne als Vorreiter und Verteidiger von LGBT-Rechten. Aber ist das wirklich so?

Der gute, reiche, freie Westen?

  Balthasar, 23   Student aus Zürich  Illustration: Mia

Balthasar, 23

Student aus Zürich

Illustration: Mia

Man hört es immer wieder: Der Westen sei ein Hort des Fortschritts, des Friedens, des Wohlstands. Er sei Geburtsstätte und Verteidiger von aufgeklärten, freiheitlichen Werten – ganz im Gegensatz zum rückständigen Rest der Welt. Diesem liberalen Westen verdanke mensch auch seine LGBT-Rechte. Einflüsse, die diese Errungenschaften untergraben wollen, müssen wir abwehren!

Aber können wir diese Statements so stehen lassen? Sind LGBT-Rechte wirklich eine westliche Errungenschaft? Und warum ist es dem Westen überhaupt so wichtig, queer-freundlich zu sein? Nachfolgend ein Blick in die Geschichte.

Spoiler: Die Europäer_innen ruinieren alles!

Als erstes drehen wir das Rad der Zeit rund 140 Jahre zurück, zum Anfang der dritten Welle der Kolonialisierung, als viele europäische Staaten machtgierig die Welt wie einen Kuchen aufteilten. Dabei töteten Europäer_innen Millionen von Menschen und begingen unvorstellbare Grausamkeiten an den Kolonisierten. Im Kongo beispielsweise starben unter der eisernen Hand des belgischen Königs mehr als zehn Millionen Menschen.

Die Europäer_innen stahlen Rohstoffe und versklavten die Einwohner_innen der «entdeckten» Gebiete. Sie bereicherten sich auf blutigste Art und Weise an fremden Gütern. Dabei wurde viel Kultur zerstört und die Basis von vielen Konflikten gelegt. An deren Folgen leiden bis heute viele Menschen. Die Europäer_innen rechtfertigten die Gräueltaten durch die «primitive» und «unzivilisierte» Art der vorgefundenen «Lebewesen» – sie betrachteten die indigenen Bevölkerungen nicht als Menschen.

Der springende Punkt

In den kolonialisierten Gebieten fanden die Europäer_innen eine Vielzahl von Geschlechtsidentitäten und Sexualitäten vor, die teilweise offen gelebt und akzeptiert wurden. So war es etwa allbekannt, dass Mwanga der Zweite, der vor der Kolonialisierung über einen Teil des heutigen Ugandas herrschte, sich exklusiv zu Männern hingezogen fühlte. Ein weiterers Beispiel: Zeremonieller Sex mit Angehörigen des eigenen Geschlechts war in Teilen Afrikas im Rahmen der «spirituellen Wiederbewaffnung» gang und gäbe: Die Ndebele und Shona in Zimbabwe, die Azande im heutigen Sudan und im Kongo, die nigerianische Nupe und die Tutsi in Ruanda und Burundi erlangten so alle neue Kampfbereitschaft.

Das gefiel den Kolonialherren, die prüde religiöse Werte in sich trugen, gar nicht. Sie hielten Menschen mit queeren Geschlechtsidentitäten und Sexualitäten für unnatürlich, ihre «abweichende Art» wurde mit Gewalt unterdrückt. In vielen ehemaligen Kolonien stammen heutige homophobe Gesetzgebungen noch immer aus dieser Zeit. In anderen Ländern wurden solche Gesetze erst viel später eingeführt, als der Westen sich bereits für seine Queer-Freundlichkeit auf die Schultern klopfte. Diesmal wollten ehemals Kolonialisierte sich vom Westen abgrenzen, Unabhängigkeit und eigene Werte demonstrieren. Beides Mal hat es aber mit Kolonialismus zu tun.

W wie Westen, A wie «die Anderen»

«Der Westen» lässt Bilder einer Gemeinschaft mit gemeinsamen Werten in uns aufsteigen, von einem «Wir» und von «den Anderen». Die LGBT-Community wird heute als Teil des «Wirs» gesehen. Dem Westen wird die Befreiung von Falschsexuellen durch die Erschaffung von LGBT-Rechten zugeschrieben, als Befreier, als etwas Besseres. Wie wir gerade gesehen haben, trifft das nicht zu – an vielen Orten wurden queer-freundliche Haltungen vom «Westen» zerstört und müssen nun mühsam wiedererkämpft werden.

Ein «Wir» schliesst immer gewisse Personen aus und generiert ein «Die Anderen». Im «Westen» werden Falschsexuelle seit Neustem in dieses «Wir» eingeschlossen – ganz im Gegensatz zur Vergangenheit, als die LGBT-Gemeinschaft, wie etwa auch Angehörige des Judentums, jeweils zu den «Anderen» gezählt wurden.

Nationalisten dämonisieren also immer wieder neue, menschlich anscheinend weniger wertvolle Gruppen. Wir haben das Glück, dass wir heute nicht mehr dazu gehören. Aber der Mechanismus ist derselbe geblieben, es werden dafür andere ausgeschlossen. Der Zweck liegt stets im «Reinhalten» der Nation, die angeblich durch «die Anderen» bedroht wird.

Im aktuellen westeuropäischen Kontext zählen Muslim_Innen, Immigrant_ Innen, wie auch Flüchtlinge zu den Ausgeschlossenen. Das gilt auch für die Vereinigten Staaten – Donald Trumps Wahlkampagne argumentierte, die Falschsexuellen müssten vor dem «gewalttätigen» Islam beschützt werden. Der Anschlag auf den falschsexuellen Nachtklub «Pulse» sei eine «Attacke auf unsere westlichen Werte» gewesen.

Ein anderes Beispiel: Viele werfen dem israelische Staat vor, mit seinem Image als speziell LGBT-freundlicher Staat von seiner illegalen und gewaltsamen Besetzung der palästinensischen Territorien abzulenken und damit den Kampf gegen die «rückständigen» und «LGBT-feindlichen» palästinensischen politischen Kräfte zu rechtfertigen. Dass «der Westen» LGBT-Individuen beschützen möchte, hilft in diesem Zusammenhang natürlich nicht. Die symbolische Unterstützung bleibt weitgehend imaginär. Die nationalistischen «Verbündeten» wenden sich nach den Support-Statements in der Regel nämlich wieder ab. Israel behandelt die queere Palästinenser_innen nicht besser; diese leiden genauso unter der Besatzung wie der Rest der palästinensischen Bevölkerung.

Mensch kann guten Willens argumentieren, dass gewisse LGBT-Rechte in der jetzigen Form tatsächlich als erstes in Ländern des Westens etabliert wurden (wobei sich unter den Pionieren auch Länder wie Südafrika finden). Doch aus geschichtlicher Perspektive ist es falsch anzunehmen, dass «der Westen» Vorreiter bei der Akzeptanz einer Vielfalt von Geschlechtsidentitäten und sexueller Orientierung gewesen sein soll.

Es wäre absurd, wenn sich Falschsexuelle, die in der Vergangenheit vom «Westen» unterdrückt wurden, sich nun für die Unterdrückung und Ausgrenzung anderer Gruppen einspannen lassen würden. Wir haben die Pflicht, uns angesichts unserer eigenen Unterdrückung nicht für die Ausgrenzung Anderer einspannen zu lassen!

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DER JUGEND ERSTE MALE

Dieses Mal: Mit Rock raus

Erzählt von Lotti Viril, 17, aus Zürich

Der lustlose Blick in den Kleiderschrank. Tagtäglich, immer wieder: Ich führe den Kampf zwischen «mich schön fühlen» und «mich sicher fühlen». Heute bin ich mutig, heute will ich schön sein – natürlich. Ja, natürlich sollte es sein, dass mensch sich wohl und sicher gleichzeitig fühlt. Sollte, aber geht halt nicht, weil Hass und Angst Gesichter des Alltags sind. Der harmlose Akt des Bekleidens wird für mich in solchen Momenten zu einem ausweglosen Streitgespräch zwischen Vernunft und Emotion, bei dem Letztere meistens gewinnt.

Hmm, wie wäre es wohl, den Rock da anzuziehen, ihn zu tragen als wär’s nichts Besonderes? Szenarien in Pastell bis Dunkelgrau schiessen mir durch den Kopf. Behutsam steige ich in einen langen, schwarzen Rock mit Seitenschlitz bis übers Knie und noch bevor sich das Elaste um meine Taille schmiegen kann, liegt die Vernunft K.O. – Wow, der erste Triumph. Das passiert also wenn ich den Rock einfach anziehe.

Entgegen meiner Erwartung stolziere ich durch den wöchentlichen Flohmarkt an der Kanzleistrasse: wenige Blicke, ein überraschtes Grinsen hier, ein irritiertes Stirnrunzeln da. Die negativen Impulse prallen am verdammt geilen Selbstbewusstsein, das ich gerade zum ersten Mal so richtig erlebe, ab. – So fühlt es sich also an, den Rock einfach zu tragen.

Ich bin zum Essen eingeladen. Am Limmatplatz warte ich auf den Bus, der mich zur Stadtgrenze führen soll. Hier passiert viel: Eigentlich recht bunt hier und den meisten ist’s irgendwie eh egal, was um sie herum passiert. Die Person, die mit mir auf der Bank sitzt, nascht genüsslich knallrote Erdbeeren aus einer Plastiktüte. Mit einer wohlwollenden Geste bietet sie mir einige davon an. Ich greife dankend zu. Sie mustert meine Beine und kommentiert: «C’est beautiful»Wir lächeln beide und schmatzen die süssen Früchte. – Wenn mensch strahlt, strahlt mensch zurück. Des Rockes wegen?

Mein Selbstwertgefühl steigert sich ins Unermessliche. Dieser Rock ist magisch, denk’ ich mir. Noch heute Abend bevor ich ins Bett gehe, werde ich ihn mit Sekundenkleber an meine Hüfte heften, denn dieses Gefühl darf nicht vorübergehen. Ich reflektiere den Tag auf dem Heimweg bis mir aus kurzer Distanz «Stirb, Schwuchtel!» zugerufen wird. «Stirb!» – Sekunde später liege ich niedergedrückt auf einer Eingangstreppe, mein Rucksack wird entleert und ich werde mit den Worten verabschiedet: «Jetzt weisst du was passiert, wenn du einen Rock anziehst».

Ich versuche zu übersetzten: Jetzt weiss ich, was passiert – ja, was passiert denn? Was? Ich werde wahrgenommen, Das ist mal das erste. Ich nehme mich selbst wahr. Wichtig. Denn erst jetzt kann ich schreien. Mit Worten und mit Stoffen. Die Gewalt muss nicht übersetzt werden, es ist die Freiheit, die nicht verstanden wird.

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SINNBILDER DES BEGEHREN

FANTASIEN KÖNNEN VIEL ÜBER UNS UND UNSERE IDENTITÄT AUSSAGEN.

  Lena, 20   Automatikerin aus Boningen

Lena, 20

Automatikerin aus Boningen

Sind Fantasien dazu da, uns kurzzeitig zu beflügeln – nur, damit wir danach doch wieder enttäuscht werden? Macht mensch sich Hoffnungen, die niemals wahr werden können? Nicht unbedingt: Es gibt Fantasien, die durchaus wahr werden und die uns antreiben können. Oder solche, von denen wir etwas über uns selbst lernen können.

Eine häufige Form der Fantasie ist die Sexfantasie. Daran ist gar nichts verwerflich, ganz im Gegenteil, es gehört einfach dazu. Viele Sexfantasien sind unrealisierbar oder haben zumindest nur geringe Chancen. Mensch kann aber auch aufgrund der vorkommenden Aktionen in solch einer Fantasie Rückschlüsse auf sich selbst ziehen.

Immer dann, wenn sich mensch zum Beispiel Sex mit einem Promi oder an einem sehr unüblichen Ort vorstellt, ist die Fantasie schwierig oder unmöglich realisierbar. Oft hat diese Unmöglichkeit einen zusätzlichen Reiz. Eine andere Form von Fantasie ist diejenige, die sich sehr echt anfühlt. Diese Fantasien können vorbereitend wirken, so dass mensch nach dem Fantasieren fast das Gefühl bekommt, etwas wirklich erlebt zu haben. Ein Beispiel dafür ist: Wer noch nie Sex hatte und sein_ihr erstes Mal akribisch durchdenkt, kann sich unter Umständen besser darauf vorbereiten, was bei ersten sexuellen Erfahrungen passieren könnte. Das kann helfen, sich auf Ungewohntes einzustellen. Natürlich können solche Fantasien nie zu hundert Prozent dem entsprechen, was einen erwarten wird. Aber immerhin wird mensch zu einem Teil geistig darauf vorbereitet, vergleichbar mit Sportler_innen, welche sich auf einen Kampf, einen Tanz, eine Abfahrt oder Ähnliches vorbereiten: Kurz bevor es ernst wird, gehen sie die Abläufe nochmals durch und stellen sich dabei die Handlung vor.

1989 stellte der Psychologe Ray Blanchard sein Modell zur Erklärung der Transidentität vor. Ein Teil seines Modells war die «Autogynphil- bzw. Autoandrophil-Transsexualität». Seine Theorie beschreibt das Phänomen, dass manche Menschen sich selbst während des sexuellen Akts oder auch bei der Masturbation nicht als ihr Geburtsgeschlecht, sondern als Angehörige_r eines anderen Geschlechts vorstellen. Das Wort Autogynophilie leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet übersetzt selbstfrauliebend und Autoandrophylie selbstmannliebend. Das bedeutet, dass sich zum Beispiel eine Person, der bei der Geburt das Geschlecht des Mannes zugeordnet wurde, vorstellt, in einer sexuellen Situation im Körper und der sozialen Rolle einer Frau zu sein – und umgekehrt.

Natürlich ist dies keine Kategorisierung, welche aussagen soll, dass jeder Mensch mit einer Trans*identiät automatisch solche Gefühle oder Fantasien hat. Auch bedeutet das nicht, dass jemensch, der_die sich so etwas vorstellt, eine Trans*identiät hat. Die Fantasie ist schliesslich ein wundersames und beinahe unverständliches Ding, das nur von dem betreffenden Menschen selbst – und manchmal nicht einmal von diesem – verstanden werden kann. Aber vielleicht beflügelt diese Fantasie jemenschen und regt dazu an, sich selbst besser kennenzulernen.

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VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN – SIBYLLE BERG (2012)

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VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN – SIBYLLE BERG (2012)

  Jov_in, 20   Praktikant*in aus Zürich

Jov_in, 20

Praktikant*in aus Zürich

Kein Mädchen und kein Junge, der Kopf zu rund, die Beine zu lang, die Stimme zu hoch. Toto hat Pech, könnte mensch meinen. Pech, das hässlich ist. Das Pech, das nur durch den Ekel der Gesellschaft existieren kann. Der Ekel, der das Andere als abnormal darzustellen versucht.

Im Roman «Vielen Dank für das Leben» schickt Sibylle Berg ein ganz eigenartiges Wesen von Osten nach Westen, von der Armut in den Reichtum, von der Vergangenheit in die Zukunft. Überall tönt dieselbe Melodie in Totos Ohren: Die Symphonie des Hasses und des Ausgrenzens.

1966 aus dem Dunst des Alkohols entstanden, in der Ausweglosigkeit eines grauen Staates, in dem den Menschen Elend und Hass als Grundnahrungs- mittel serviert wird, beginnt das jämmerliche Leben eines_r Held_in, der_die so gar keine_r sein kann.

Toto aber ist es. Die unendlichen Gemeinheiten und der Sadismus, die Toto widerfahren, prallen an Toto ab wie Wasser an lackiertem Blech. Toto kennt nichts anderes und deshalb ist Toto froh, überhaupt zu sein. Eine unvorstellbare Provokation für all jene, die sind wie sie sein sollen und somit eigentlich nur frustriert sein können. Im Kinderheim wurde Toto misshandelt, von der Gastfamilie ausgenutzt, von ihrem Liebhaber vergiftet und die letzten Worte einer Frau, die Toto beim Sterben begleitete, waren: «Geh weg, du ekliger Freak.» Toto aber grinst – beim Singen, bei Freude, Mitleid, Traurigkeit, Vergewaltigung und Atomkatastrophen. Das Grinsen als Geste einer sehnsüchtigen Hoffnungslosigkeit verliert Toto nie. Es ist das einzige, um das sie_ihn niemand berauben kann. Das Andere kann unmöglichen hassen, wenn dies der ganze Rest bereits ununterbrochen tut. Ein furios geschriebenes Plädoyer für Andersartigkeit, das zeigt, dass wir dem Anderen zuliebe anders sein müssen.

 

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