In den USA ist ein Streit über öffentliche Toiletten entbrannt. Dahinter steckt mehr als nur eine Diskussion über Gewohnheiten.

Ich kann mich noch gut an die verbotenen Orte meiner Grundschulzeit erinnern. Das Lehrer_innenzimmer war so ein Ort, oder der Geräteraum in der Turnhalle. Der am meisten mit Tabus behaftete Ort von allen war jedoch die Bubentoilette. Nie im Leben wäre es mir in den Sinn gekommen, diesenRaum auch nur einen Fussbreit zu betreten. Den Jungen ging es im Bezug auf das Mädchenklo nicht anders. Ein Rucksack, der durch die Tore der Mädchentoilette geschleudert wurde, galt als für immer verloren oder zumindest, bis sich eine Lehrperson dazu erbarmte, ihn unter Johlen, Rufen und begleitet von verstohlenen Blicken aus der vermeintlichen Gefahrenzone zu evakuieren. Strickt binär geteilte Toiletten sorgten also oft schon sehr früh für rote Köpfe. Diese Tabu-Dynamik hält sich bei manchen bis ins Erwachsenenalter – gerade dann, wenn mensch sich nie die fünf Minuten genommen hat, die es braucht, um zu überdenken, wie zerbrechlich das Prinzip eigentlich ist.

Wer «darf» wo?

Während es für mich als privilegierte Cis-Frau mittlerweile völlig normal ist, im Club oder am Flughafen kurz das Männerklo zu benutzen, um die Schlange zu umgehen, gilt es für viele weiterhin als Sakrileg und Verrat an der scheinbar eindeutigen Geschlechtsidentität, eine andere als «die eigene» Toilette aufzusuchen, um dort, mit Verlaub, ein völlig geschlechtsneutrales Geschäft zu verrichten. Besonders für Transfrauen und Transmänner, sowie für genderfluide und generell alle nicht genderbinären Menschen kann der Toilettenbesuch deshalb gar zu einer regelrechten Tour de Force werden. Gerade wenn die äussere heteronormative Wahrnehmung nicht mit der Identität des betreffenden Menschen übereinstimmt, gehören irritierte Blicke, Beschimpfungen bis hin zu Handgreiflichkeiten zu den immer wieder berichteten Begleiterscheinungen eines simplen Toilettenbesuchs. Das beschränkte Binärdenken und die festgefahrene Primitivität, die Welt samt Toiletten in «für dich» / «für mich» zu trennen, führt zu Ausgrenzung und Diskriminierung. Transmenschen müssen sich vor der Toilettentüre überwinden und abwägen: zwischen befremdeten Reaktionen einerseits und persönlicher Entfremdung bis hin zur Selbstverleumdung auf der anderen Seite.

Die Toilettenfrage als Politikum

Öffentliche Toiletten und die Frage danach, wer dort sein_ihr Geschäft verrichten darf, sorgen momentan gerade in den USA für einen politischen Grabenkampf und lösten einen (social-)medialen Shitstorm aus (wobei dieses schlechte Wortspiel definitiv Absicht war). Worum geht es? Der Südstaat North Carolina hatte diesen Frühling ein Gesetz verabschiedet, welches Personen verbietet, Toiletten zu benutzen, die nicht für ihr biologisches Geschlechts vorgesehen sind. Im Klartext: Der Staat hat für sich das Recht in Anspruch genommen, darüber zu urteilen, wer wo scheissen darf, basierend, und das ist fast noch schlimmer, auf einer gesetzlich untermauerten Annahme darüber, wer dabei als Männlein oder Weiblein gilt.

Das Gesetz endet jedoch nicht an der Toilettentüre; auch bei öffentlichen Umkleidekabinen und Duschen müssen Transmenschen mit dem Ort vorliebnehmen, an den ihre Geburtsurkunde sie hinschickt – übrigens ganz abgesehen davon, ob eine plastische Geschlechtsanpassung stattgefunden hat oder nicht.

Aus einer Sorge heraus, die keine ist

Dieses Gesetz soll, wie der verantwortliche Gouverneur Pat McCrory betont, die Privatsphäre schützen und vor allem «die Frauen». Mensch sollte sich nur mal ausmalen, wie schrecklich das für Cis-Frauen in North Carolina sein muss, sich auf einer öffentlichen Toilette neben einer Transfrau die Hände zu waschen. Die grassierende Rape Culture (Vergewaltigungskultur) an US-amerikanischen Hochschulen, die unzähligen sexuellen Übergriffe im öffentlichen Raum, die Marginalisierung von realen, alltäglichen Ängsten – das alles wird zu einer Farce vor dem Hintergrund der Bedrohung, die von einer Transfrau in der Kabine nebenan ausgeht, die sich – nota bene – zu allem Übel auch noch als Frau identifiziert. Diese Pseudoangst von Hetero-Cis-Männern um das Wohl «ihrer Frauen» könnte vor dem Hintergrund, dass eine überragende Mehrheit an Straftaten an Frauen immer noch auf eben diese Gruppe zurückfällt, geradezu als schlechter Witz abgetan werden, wenn das Thema denn nicht so ernst wäre. 

Die ganze Diskussion erinnert mich an die zahllosen Wutbürger_innen, die nach den Übergriffen der Kölner Silvesternacht wochenlang quer durch alle Medien einen sofortigen Aufnahmestopp und die Ausschaffungen aller «RAPEfugees» forderten, während sexuelle Belästigung im eigenen Land feste Tradition hat (zum Beispiel am Oktoberfest) und Frauen, die sich eigenmächtig (!) gegen das ihnen angetane Leid aussprechen, öffentlich diffamiert und als Nutten verschrien werden (aktuell: Gina Lisa Lohfink). Das Wohl «der Frauen» ist, so scheint mir, eine gesellschaftspolitische Keule, mit der sich, wenn mensch nur fest genug um sich schlägt, Fremdenhass, Xeno-, Homo- und Transphobie in genug kleine Stücke zerschlagen lassen, um sie als Sorge um das Allgemeinwohl durchgehen zu lassen.

Es geht auch anders

Wie nach den Vorfällen und den Reaktionen in Köln, so sagten dieses Frühjahr auch in den USA tausende Frauen* (und Männer*(!)): «Nicht mit uns!» und starteten über Twitter und andere soziale Medien einen massiven Aufschrei. Bands sagten Konzerte in North Carolina ab, lokale und nationale Künstler_innen bezogen öffentlich Position gegen das Gesetz, öffentliche Proteste wurden laut, Firmen kündeten Boykott an. Progressive Gesetzgebungen andernorts sorgen schliesslich auch für politischen Widerstand: So dürfen in der Stadt New York ab kommendem Jahr öffentliche Toiletten nicht mehr nach Geschlecht getrennt werden, der Stadtrat hatte die Motion für die Einführung von Unisextoiletten vor wenigen Wochen fast einstimmig angenommen.

Keine Tore

Ich kann mir ja viele Dinge denken, die auf einer öffentlichen Toilette Angst machen könnten. Kein Klopapier zum Beispiel. Oder ein flackerndes Licht nachts um zwei Uhr auf der Bahnhoftoilette. Oder eine Zehn-Personen-Schlange kurz bevor der Zug fährt. Eine trans- oder nicht binäre Person, die einfach nur von einem öffentlichen WC Gebrauch machen will, gehört aber eindeutig nicht zu dieser Aufzählung. Abschliessend sei dann auch all den plötzlichen Verfechtern des Frauenwohls noch eines gesagt: Toilettentüren sind im Endeffekt eben nicht die magischen Tore meiner Grundschulzeit, sondern simple Türen, in den Angeln gehalten von sozialen Konventionen. Kein Schild könnte jemals jemenschen zurückhalten, der_die hineinkommen will – auch einen heterosexuellen Cis-Mann nicht – egal mit welcher Absicht.

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