Anna, 18  Schülerin aus Zürich

Anna, 18

Schülerin aus Zürich

Aufgeklärt sind wir. Schliesslich nahmen wir es in der Schule durch: Penis plus Vagina ergibt Babys. Mensch kann die Babys notfalls auch mit einem Kondom verhindern. Zumindest ist das so ungefähr das, was uns zusammen mit einigen biologischen Details in der Schule beigebracht wird. Viel mehr nicht. Ich wurde zweimal „aufgeklärt“, weiss, wie ein Zyklus funktioniert und wie Sperma produziert wird und ja, ich weiss sogar, wie ein Kondom angewendet wird. Das ist schön und gut, das ist wichtig, aber dass das nicht alles sein kann, ist klar. Alles, was nicht in die rein biologische Juhu-wir-pflanzen-uns-fort-Idee passt, wird vernachlässigt. Ja, wir haben in der Schule über Geschlechtskrankheiten gesprochen und wie sie übertragen werden und das ist definitiv richtig, aber es ist nicht genug. Wir haben nie über andere sexuelle Orientierungen als Heterosexualität gesprochen, sie könnten genauso gut nicht existieren. Oder über Gender und Gendernonkonformität. Nicht einmal ganz grundlegende Dinge wie Konsens wurden erwähnt.

Homo- und Transphobie entstehen dort, wo Unwissenheit herrscht. Unwissenheit ist der Nährboden für Vorurteile und dass Angst vor dem „Unbekannten“ zu nichts Gutem führt, sieht mensch ja auch in der aktuellen Flüchtlingspolitik. Es gibt Schulen, an denen Schulbesuche von queeren Aufklärungsgruppen (wie GLL oder ABQ) organisiert werden. Aber erstens geht es dabei nur um die sexuelle Orientierung und dabei wird dann auch nur auf Homo- und Bisexualität fokussiert. Zweitens wird ein solcher Schulbesuch längst nicht allen Schüler_innen zugänglich gemacht, nur an einigen Schulen bei einigen Lehrer_innen. Und das ist nicht okay. Wenn mensch in die Schule geht, dann ist mensch dort, um ein breites, objektives Wissen vermittelt zu bekommen und alle Schüler_innen haben das Recht darauf, den gleichen Zugang zu Wissen über Falschsexualität zu erhalten! Wir müssen beginnen, an den Schulen über sexuelle Orientierungen und Genderidentitäten zu sprechen. Und wir müssen dafür sorgen, dass das nicht ein Zusatz ist, der an einigen guten Schulen bei einigen guten Lehrpersonen erhältlich ist. Es kann nicht sein, dass wir uns unser Wissen über Falschsexualität und Gender von YouTube holen müssen.

Was wir brauchen, ist ein Platz in der Schule, der uns garantiert wird. Ob uns die Schulen versprechen, Schulbesuche zu organisieren oder ob wenigstens sonst ein Paar "basic facts" über Falschsexualität und Gender vermittelt werden, ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass jetzt etwas geschieht, das alle Schüler_innen erreicht. Es geht nicht nur darum, falschsexuellen Schüler_innen Zugang zu Wissen zu verschaffen, das ihnen hilft und Sicherheit gibt, sondern auch darum, dass Cis-Hetero-Schüler_innen etwas über Falschsexualität und Gender wissen, damit es ihnen nicht fremd vorkommt und damit sie nicht bloss in Stereotypen, die uns ja überall in den Kopf gepflanzt werden, denken.

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