Wie die Künstlerin Karolina dem Zwei-Geschlechter-System entflohen ist und sich auf eine Reise in die Androgynität begeben hat, erzählt sie in ihrem Artikel.

  Von: Karolina, 27   Informatikerin aus Zürich

Von: Karolina, 27

Informatikerin aus Zürich

So lange ich mich erinnern kann, habe ich immer etwas Besonderes gefühlt, wenn ich Menschen mit nicht-binärer Geschlechtlichkeit begegnete. Als Jugendliche war es schwer, solche Menschen im wirklichen Leben zu treffen. Doch in Filmen wie «Cabaret» und in Büchern wie in der Serie «Die Chronik der Vampire» fand ich den Kontakt zu Charakteren mit unkonventionellen Geschlechtsidentitäten. Später diente mir dann das Internet mit den queeren Fandoms als Inspira- tionsquelle. Es entstand in mir Hoffnung, aus der institutionalisierten Zweigeschlechtlichkeit auszutreten.

Kunst als Ventil

Mein erstes Ventil für diese Gefühle war die Kunst. Ich versuchte zudem, mein Aussehen mit kurzem Haarschnitt und T-Shirts aus der Herrenabteilung androgyn zu gestalten. Meine mit androgynen Figuren gefüllten Skizzenbücher waren für meine Mitschüler_innen meistens verwirrend. Heute verstehe ich, dass diese irritierten Reaktionen zu erwarten waren: Wir sind alle von der Gesellschaft, in der wir uns bewegen, eingehend trainiert, Abweichungen von der Cisnormativität schnell zu erkennen und als unangenehm zu werten. Eines meiner Kunstwerke war ein gemaltes Ei aus Plastik. Auf der einen Seite: eine Frau mit einem schwarzen Kleid. Auf der anderen Seite: dieselbe Frau als eine Art Märchenprinz. Wenn ich morgens vor der Schule keine Ahnung hatte, wie ich mich kleiden soll, liess ich das Ei entscheiden.

Wie ich allerdings später erkannte, hat die Androgynität nicht ganz so viel mit Aussehen und Kleidung zu tun, wie ich das früher angenommen hatte. Viele androgyne Menschen streben danach, ihre bunte und authentische Seele auszudrücken ohne den Druck, über eine bestimmte Kleidungs-, Redens-, Verhaltens- oder Denkweise als weiblich oder männlich gelesen und/oder stigmatisiert zu werden. Sie sind froh, diese rohe, tapfere Menschlichkeit in anderen Menschen anzuerkennen.

Androgyne Vielfalt

Eine schlanke Person ohne Kurven, mit kurzen Haaren und mit hohen Wangenknochen. Oder klein, pummelig, mit Zipfelbart. Oft kommt es vor, dass das Aussehen einer androgynen Person nicht der gesellschaftlich etablierten Vorstellung von Androgynität entspricht. Während meiner Uni-Zeit behauptete eine Person, ich sei zu kurvig, um «wirklich androgyn» zu sein. Jeder Körper kann androgyn sein, solange sich eine Person als androgyn identifiziert. Ihr Aussehen, beziehungsweise die Wahrnehmung und die damit verbundene Kategorisierung von Aussenstehenden, ändern nichts an der Identität des Individuums. Dasselbe gilt für jegliche anderen geschlechtlichen Identifizierungen. Mensch ist, was mensch uns mitteilt zu sein.

Des weiteren gibt es auch Menschen, die androgyn aussehen, sich jedoch nicht queer fühlen. Die langen Haare von männlichen Metalheads sind zum Beispiel eine Art Mitgliedsausweis zu einer Subkultur, die nicht explizit queere Gedanken anstellt. Ein weiteres Beispiel: Die früheren Krawatten von Avril Lavigne sind auch nur Punk-Accessoires. Die Sängerin hat mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass sie nichts bedeuten. Androgynität ist kein Fashion-Trend, und sie darf auch nicht als solcher von Massenmedien missbraucht werden. Die moderne Geschichte von Marketing und Kapitalismus hat wiederholt gezeigt, dass das System immer froh ist, Inspiration für teure Designer-Goods in der Lebensart von unterdrückten Minderheiten zu entdecken, ohne wirklich die dazugehörigen Menschen zu akzeptieren.

Androgynität zelebrieren

Meine Reise war von diversen Hürden geprägt: Obwohl ich mich nicht exklusiv als Frau identifiziere, werde ich trotzdem von der Cis-Heterowelt als solche wahrgenommen; und zwar als eine Frau mit solch schwachem Selbstwertgefühl, dass sie keinen Mut hat, weiblich zu sein. Als Jugendliche wurde ich in der Schule beschimpft, wenn ich nicht zu antworten gewillt war, ob ich Frau oder Mann sei. Oft überlege ich es mir gründlich, ob ich meine Zeichnungen ohne Sorgen einer Person zeigen kann. Als Mensch, dem bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet wurde, habe ich es jedoch leichter als eine Person, der bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde. Ähnlich wie bei Transfrauen verhält sich die Diskriminierung von androgynen Menschen, die sich aus einer gezwungenen Männlichkeit hinausbewegen. Ein von Cis-Männern dominiertes System reagiert meines Erachtens am sensibelsten, sobald sich ihr «Naturgesetz» des überprivilegierten stolzen Mannes nicht ganzheitlich beweisen lässt.

All die Phasen meines Lebens – Schule, Universität und die letzten fünf Jahre, in denen ich in der Schweiz lebte – haben dazu beigetragen, dass ich mich selbst besser verstehe. Ich habe eine unglaubliche Vielfalt von queeren Menschen kennengelernt. Auch viele Freund_innen aus meiner Heimat, mit denen ich in Kontakt geblieben bin, hatten sich in den Jahren inzwischen selbst als queer geoutet. Es scheint, als ob wir uns auch ohne queeren Wortschatz unsere nicht-binären Identitäten und Gefühle beschreiben konnten. Und auch wenn wir keine Regenbogenbuttons trugen, die unsere Falschsexualität zum Vorschein gebracht hätten, haben wir uns trotzdem aufgefunden, uns gegenseitig gespürt und bestätigt.

Ich werde zukünftig durchgehend versuchen, die versteckten, unbestimmten und bunten Teile von mir selbst zu akzeptieren, ans Licht zu bringen und zu zelebrieren. Dazu musste und muss ich auch die schlechten Teile, die in mir von einem System der Ausbeutung produziert wurden, entde- cken, um sie anschliessend zu verbannen und ihre Reproduktion in der Gesellschaft zu ersticken. Die Reise geht weiter.

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