Erika Knoll ist seit elf Jahren Geschäftsführerin der Condomeria im Zürcher Niederdörfli. Was sie da alles erlebt, erzählte sie Milusch und Tobi in ihrem Laden.

 Selfie: Erika Knoll

Selfie: Erika Knoll

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Tobi: Wie ist es eigentlich zur Condomeria gekommen?

  Tobi, 22   Student aus Zürich    Fotos: Cora

Tobi, 22

Student aus Zürich

Fotos: Cora

Erika: Die Condomeria ist in den Achtzigerjahren entstanden, als HIV ein grosses Thema und vieles noch unklar war. Kondome gab es damals nur als Nebenprodukt in der Apotheke. Deshalb ist die Condomeria entstanden.

Milusch: Wie bist du an diesen Laden geraten?

Erika: Heinz, der die Condomeria gegründet hat, ist ein extrem guter Freund von mir, seit immer und ewig. Ich habe in der damaligen Zeit angefangen, Safe Sex-Workshops für Frauen* zu machen, weil das unter den Frauen* und Lesben nicht so ein Thema war – und doch haben auch Frauen* und Lesben Vorgeschichten wie Drogenkonsum oder eine heterosexuelle Ver- gangenheit. Durch diese Workshops hatte ich immer mit der Condomeria zu tun. Ich war nicht von Anfang an dabei, aber immer wieder... und seit elf Jahren bin ich Geschäftsführerin.

Tobi: Was antwortest du den Leuten, wenn sie fragen, wo du arbeitest?

Erika: In der Condomeria.

Tobi: Sehr gut.

(alle lachen)

Milusch: Was gefällt dir besonders an deiner Arbeit?

  Milusch, 27   Chemiker aus Zürich

Milusch, 27

Chemiker aus Zürich

Erika: Was mir extrem gefällt, ist, dass es hier kunterbunte Menschen hat. Einerseits vom Alter her, welches von kichernden Zwölfjährigen bis zu meiner meines Wissens ältesten Kundin reicht, die 84 Jahre alt ist. Die Leute hier sind extrem verschieden, Männer*, Frauen*, hetero, gay, einfach alles, und es macht mir ungeheuer Spass.

Tobi: Bekommst du auch Widerstand zu spüren?

Erika: Nein, da haben wir überhaupt kein Problem. Ich glaube, es herrscht in der Nachbarschaft eine gewisse Akzeptanz. Sehr selten sind die Schaufenster bespuckt. Aber solche Aktionen sind wirklich, wirklich selten. Gelegentlich finden Leute draussen den Laden igitt und eklig. Oder Mütter, die ihre Kinder wegreissen vom Schaufenster, anstatt kindergerecht kurz etwas dazu sagen. Aber massiven Widerstand erfahren wir nicht.

Milusch: Haben sich die Kund_innen über die Jahre verändert oder sind sie etwa gleich geblieben?

Erika: Ich glaube, die Situation hat sich verändert. Eure Generation ist mit Safer Sex und Prävention aufgewachsen. Bei meiner Generation war alles neu und die Informationen waren kunterbunt; Küssen sei ansteckend, hiess es zum Beispiel. Mensch hat es nicht gewusst. Heute ist eine andere Selbst- verständlichkeit da: dass es HIV gibt, genauso wie es Schwangerschaften oder Tripper geben kann. Davon abgesehen ist auch eine Entwicklung bei den Spielsachen zu beobachten: Es gibt schöne, sinnliche Toys. Da sind die Leute sicher offener geworden.

Tobi: Wie meinst du das, die Spielsachen seien schöner geworden?

Erika: Ein heutiger normaler Vibrator ist nicht mehr der fleischfarbene, geäderte Penis von schlechter Qualität, den die wenigsten Frauen schön finden. Es sind edle, nahezu Lifestyle-Produkte geworden.

Milusch: Kommt es oft vor, dass du intimere Gesprächemit Kund_innen führst?

Erika: Ja, ganz klar ja. Weil es halt ein kleiner Laden ist, ist mensch oft zu zweit. Das ist sehr persönlich. Einerseits haben wir ein gutes, fundiertes Wissen, sodass das Gespräch weiter gehen kann als in einem klassischen Sex- shop. Ich frage auch nach und die Leute erzählen viel. Ein weniger lustiges Beispiel sind Krebspatientinnen, die eine verengte Vagina haben und diese weiten. Ich weiss relativ viel darüber, merke es relativ schnell und frage nach. Die Frauen sind dann erleichtert und sagen, was sie brauchen. Ich kriege aber auch Beziehungsgeschichten mit. Ich muss allerdings ganz klar sagen: Ich rede ganz selten direkt über Sex.

Milusch: Du sagst, du sprichst in der Regel nicht direkt über Sex. Aus Prinzip?

Erika: Ich berate zu Kondomen und Gleitmittel und Sextoys. Aber ich bin keine Sexberaterin. Natürlich gibt es Grenzbereiche, aber das bestimme ich mit: Erzähle ich etwas mehr oder nicht? Erkläre ich zum Beispiel, wo der ominöse G-Punkt ist? Aber grundsätzlich rede ich in dieser Form nicht über Sex. – Es klingt so komisch, wenn ich das hier drin sage.

 

 

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