BEI OLYMPIA TRETEN FRAUEN GEGEN FRAUEN AN UND MÄNNER GEGEN MÄNNER. WAS, WENN PLöTZLICH EIN MENSCH AUS DEM RAHMEN FÄLLT?

  Natalia, 23   Studentin aus Zürich

Natalia, 23

Studentin aus Zürich

Die Welt des Spitzensports ist ein hartes Pflaster. Ein Pflaster, auf dem sich Athlet_innen mit hartem Willen und noch härteren Körpern messen. Auf dem eben diese Körper von unterschiedlichen Prüfungskommissionen ge- nau unter die Lupe genommen und von Tausenden von Fernsehzuschauern penibel beäugt werden.

Für Gesprächsstoff sorgte an der diesjährigen Olympiade in Rio der Fall der südafrikanischen Leichtathletin Caster Semenya. Die 25-Jährige gilt als Intersex: Ihr Testosteronwert ist dreimal so hoch wie derjenige ihrer Mit- streiterinnen, dreimal so hoch wie der von 99% der als weiblich geltenden Population. Ein anderer geläufiger Begriff dafür ist hyperandrogyn. Testos- teron steigert den Muskelaufbau, die Schnelligkeit und Leistungskraft. Es wird als Grund aufgeführt, Sport nach Männer- und Frauensport zu trennen. „Klarer Wettbewerbsvorteil!“, schrien Medien und die üblichen Verdächti- gen, als Semenya diesen Sommer bei den 800m in Rio Gold erlief. Sofort wurden Stimmen laut, die forderten “nur richtige Frauen dürften bei den Frauen mitlaufen” – alles andere sei Doping. Semenya ist nicht gedopt, ihr Körper IST einfach so. Muss ihr deswegen der Zugang zum Spitzensport verweigert werden? Soll die Intersexfrau aufgrund ihrer Hormonwerte bei den Cis*-Männern mitrennen oder soll ihr die Teilnahme am Spitzensport gar gänzlich verwehrt werden?

Vor etwas über einem Jahr fällte der Sportgerichtshof CAS in Lausanne den in der Branche umstrittenen Entscheid, dass hyperandrogyne Athletinnen bei den Wettkämpfen für Frauen teilnehmen dürfen, ohne ihre Testosteron- werte künstlich senken zu müssen. Das ist neu, und für Caster Semenya sehr erfreulich: Nachdem sie bei den olympischen Sommerspielen in Berlin 2009 Weltmeisterin über 800m geworden war, wurde der Vorwurf laut, die,

im Vergleich zu ihren Mitstreiterinnen deutlich kräftigere, 18-Jährige sei “gar keine richtige Frau”. Semenya musste sich einem sogenannten “Weiblich- keitstest” unterziehen, der ihre erhöhten Testosteronwerte zum Vorschein brachte. Fortan durfte Semenya nur noch mit künstlich gesenkten Werten an den Start gehen.

Der Entscheid des CAS scheint lobenswert und progressiv, doch nicht alle sind damit einverstanden: Zwar kommt Intersexualität statistisch nur bei einer von 20.000 Frauen vor, unter Hochleistungssportlerinnen ist der re- lative Prozentsatz jedoch vergleichsweise hoch. Gerade im cis-normativen Leistungssport-Establishment kommen diesbezüglich Fragen auf: Manche befürchten, dass als Folge der neuen Gesetzeslage in Zukunft gezielt In- tersexfrauen für gewisse Sportarten rekrutiert werden. Einige Cis-Sportle- rinnen und deren Management fühlen sich im Hinblick darauf vor unfaire Wettbewerbsbedingungen gestellt.

Einen Weg zur allseitigen Befriedung hat bisher auch der CAS nicht gefun- den. Wohl auch, weil der Fall von Caster Semenya und der darauf basie- rende Entscheid nur die Spitze des Eisbergs ist: Darunter liegen Fragen, die viel tiefer gehen als auf die Hormonebene. Es sind grundsätzliche Fragen nach rigiden Kategorien im Sport, nach Normierung und vor allem danach, was Fairness überhaupt bedeutet in einer binär aufgeteilten Welt, in der es manche Privilegierte scheinbar immer noch vorziehen, Inter- und Transmen- schen einfach auszuschliessen, anstatt neue, integrative Wege zu begehen.

*“Cis“ meint Menschen, die im selben Geschlecht leben, wie sie geboren sind. Das Gegenteil davon ist Trans*.

 

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