Luzia, 19  Buchhändlerin aus Zürich

Luzia, 19

Buchhändlerin aus Zürich

„Wenn ich in der Liebe einen Blick verlange, so ist es zutiefst unbefriedigend und ein immer schon verfehltes, dass du mich nie da erblickst, wo ich dich sehe“, zitiert der blondgelockte, gut aussehende Junge, tritt aus dem Buch- laden und überlässt die Protagonisten ihren überdrehten Gedanken. Das ist eine der eher sporadisch vorkommenden Szenen, in denen in Xavier Dolans zweitem Meisterwerk, 'Les Amours Imaginaires', tatsächlich gesprochen wird. Sentimental ist dieser Film, und manchmal schwer nachvollziehbar, ein Strudel aus Emotionen, Farben und Stimmungen.

Dolan ist gerade einmal 27 Jahre alt, schwul und der Shooting Star an Kanadas Kinohimmel. Seine Filme sind intensiv, farbenfroh und kommen nie zur Ruhe.

Gefühle unter der Lupe

Die Situation: Bei einer Party lernen Marie (Monia Chokri) und Francis (Xavier Dolan) Nicolas (Niels Schneider), einen leichtfüssigen Adonis, kennen und verlieben sich beide in ihn. Über Monate hinweg führt der Film uns durch eine problematische Dreiecksbeziehung, in der keine_r der Involvierten be- reit ist, die eigenen Gefühle preiszugeben. Dabei ist ein roter Faden in der Geschichte zweitrangig, sie wird eher locker durch Bilder und Schauplätze erzählt. Dafür protzt der Film mit ungewöhnlichen Stilmitteln, Zeitlupe und Farbfilter werden gejagt von Strobo und plötzlich eingeblendeten Bleistift- zeichnungen und machen den Film zu einem einzigen Musikvideo. Dazwischen sind da noch die wunderschönen Interviews, in denen namen- lose Mittzwanziger von ihren romantischen Fiaskos erzählen und damit die Dreiecksbeziehung in der Hauptstory in einen Kontext setzen.

Dolan will das reine, unverfälschte Gefühl der Verliebtheit aus seiner Materie lösen und es den Zusehenden unter die Haut spritzen, sie zwingen, die eigenen Erfahrungen nochmals zu durchleben.

Der Regisseur macht Filme für die Leute seiner Generation, Filme, die sich mit starken Gefühlen und Eskapismus beschäftigen und deren Charaktere noch mit dem Leben zu kämpfen haben, zu jung, um Fuss zu fassen. Sie werden nie bei der Arbeit dargestellt, viel eher in schicken Kleidern vor Theatern, in Bars und in Landhäusern, gern mit einer Zigarette in der Hand. Dass dies manchen nur ein Gähnen entlocken mag, ist nachvollziehbar. Was Dolan aber geschafft hat, ist, die überlebensgrossen Gefühle der Oper fürs Kino salonfä- hig zu machen. Und das macht ihm so schnell niemensch nach.

Comment