Bereits zum dritten Mal suchte der Heaven Club in Zürich die beste Drag Queen des Landes. Sechs Kandidatinnen kämpften mit Lipsync, Tanz und fabulösen Kostümen um die Krone.

  Philipp, 22   Zivildienst

Philipp, 22

Zivildienst

Odette Hella’Grand begeisterte mit ihrer stilvollen Performance sowohl die Jury wie auch das Publikum und wurde von der letztjährigen Gewinnerin Vicky Goldfinger zur Miss Heaven 2016 gekrönt. Wir trafen Odette Hel- la’Grand kurz nach ihrem Sieg am 24. September.

Guten Abend Odette, wie geht es Dir nach der Krönung?

Hervorragend, wenn auch ein bisschen gestresst. In diesem Jahr wird Vie- les auf mich zukommen. Aber hauptsächlich bin ich überglücklich!

  Alexander, 21   Indogermanistik Student*

Alexander, 21

Indogermanistik Student*

Wie hast Du Dich auf den Auftritt an diesemAbend vorbereitet?Hartes Training – da ich mich erst seit kurzem mit Drag befasse. Ich habe mich besonders mit alten Filmklassikern wie Der Blaue Engel, Cabaret, Vic- tor/Victoria auseinandergesetzt. Anschliessend habe ich aus dieser Epoche passende Musik ausgewählt und dazu dann eine Choreographie entwickelt. Zwei bis vier Stunden täglich für ein paar Wochen, mit und ohne High Heels, um sicherzustellen, dass auch alles klappt. Das Make-Up entstand dann wegen Zeitmangel im Auto von Basel nach Zürich (lacht).

Wie waren die Proben im Vorfeld?

Ich bin nur einmal ins Heaven gereist, damit die Organisator_innen sehen konnten, was ich drauf habe. Sonst habe ich zuhause geprobt, dann gab es kurz eine Generalprobe im Neumarkt Theater, und dann stand ich auch schon auf der Bühne.

Wer war deine grösste Konkurrenz?

(lacht) Wenn ich so zurückdenke, dann war es Mia mit ihrer Adele-Perfor- mance, sie macht ja auch schon länger Drag und dann Ali Scha, die tolles Make-up hatte und auf der Bühne ihre Perücke wechselte.

Wie lange machst Du selber schon Drag?

Seit Januar habe ich als Maskottchen von Break the Chains bei der AIDS-Hil- fe gelernt in Heels zu gehen und wie ich mich verhalte, wenn ich in Drag auftrete. Aber angefangen ernsthaft Drag zu machen, habe ich erst in diesem Jahr nach dem Drag Race in der Gay Ski-Week in Arosa. Da habe ich gewon- nen und von da an habe ich mich mit Travestie auseinandergesetzt.

Hattest Du noch Auftritte ausserhalb dieses Rahmens?

Bis Mai war ich wie gesagt Mitarbeiterin bei der AIDS-Hilfe. Unter anderem trat ich bei Queens of the Night und mehrheitlich in kleinen Schwulenbars in Basel auf und dann kam schon das Heaven Drag Race.

Wie beschreibst Du deinen Stil?

Da ich Travestie als Kunstform sehe und Liza Minneli eines meiner grossen Vorbilder ist, habe ich Burlesque-Elemente, Pelz und Glitzer eingebaut. Es war ein gewagter Schritt für mich, in Strapsen dort oben zu stehen!

Wo sieht man Dich demnächst?

Dass ich jedes Wochenende in Zürich anzutreffen sein werde, wird relativ schwierig, da ich in Basel zuhause bin. Doch sicherlich werde ich dieses Jahr ab und zu im Heaven sein. Was im Zusammenhang mit dem Sieg alles auf mich zukommen wird, ist noch nicht ganz sicher, denn ich bin ja gerade frisch gekürt worden.

Was sind deine Ziele in deinem Amtsjahr?

Ich habe nicht damit gerechnet, zu gewinnen. Ich möchte diese Verant- wortung nutzen, um Menschen zu unterhalten, sie aber gleichzeitig zum Nachdenken herauszufordern. Ich möchte gesellschaftliche Grenzen über- schreiten und den Menschen einen Spiegel vor das Gesicht halten.

Ich möchte nicht nur ein Aushängeschild fürs Heaven sein (lacht).

Wäre es denn für Dich vorstellbar, mit Drag durchzustartenund davon zu leben?Ich bin hier eher Realistin. Die Travestieszene in der Schweiz ist dafür zu klein. Wenn es aber doch so kommen sollte, dann würde ich mich natürlich auf Drag fokussieren. Diese Erwartung habe ich aber nicht. Wenn ich aber mithelfen kann, gewisse politische Botschaften zu transportieren, reicht mir das.

Welche Tipps kannst Du jungen Menschen auf den Weg geben, die auch Drag machen wollen?Ich glaube, mensch muss unterscheiden, ob man Drag spasseshalber und zur Unterhaltung anderer machen will, oder ob mensch Travestie machen will und sich mit der Kunstform intensiv auseinandersetzen möchte. Tra- vestie wird ja noch heute in unserer Szene belächelt. Es wird behauptet, dass du halt ein Mann bist, der sich gerne als Frau verkleidet oder gar gerne eine sein möchte. Das Letztere stimmt nicht und das interpretieren viele Leute falsch. Aber denen, die sich für diese Kunstform begeistern können, rate ich, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Wie sieht die Gesichte aus, was hat Drag un- serer Community gebracht, wer waren die grossen Künstler_innen vor uns. Jede_r soll aber das machen, was er_sie gern macht. Mensch muss glück- lich damit werden, also go for it!

Wer sind denn deine Vorbilder und/oderliebsten Dragmenschen?Sicherlich Liza Minelli als Schwulenikone, natürlich Julie Andrews in Victor/ Victoria, Bianca del Rio weil sie ihre Kunst als Gesellschaftskritik nutzt. Ich find sie super deswegen. Das heisst zwar nicht, dass ich genau wie sie sein möchte, aber ich will mithelfen die Geschlechterrollen zu demontieren.

Was für Reaktionen erfährst du, wenn du ausserhalbder Community unterwegs bist?Es ist ganz unterschiedlich. Einige sind begeistert, finden es cool und laden dich zu Events ein. Dann gibt es andere, die dir vor die Füsse spucken. Körperlich angegriffen worden bin ich bis jetzt aber noch nicht. Das könnte auch an meiner Grösse liegen.

Wieso denkst du, hört mensch nicht so viel von Dragkings?

Ich weiss es nicht, da bin ich überfragt. Es ist vielleicht eine Kunstform, die nicht so weit verbreitet ist. Es kann auch sein, dass sie auftreten, aber einfach an den Orten an denen wir nicht feiern.

Selber kenne ich nur wenige, vielleicht zwei, die sich ab und zu als Männer verkleiden.

Am Heaven Drag Race sind meines Wissens nur Drag Queens erlaubt. Das heisst, Drag Kings oder Faux-Drags (das sind Frauen die ein übertriebe- nes Frauenbild darstellen) sind nicht zugelassen. Ich hätte nichts dagegen, wenn sie auch teilnehmen dürften. Trotzdem ist es die Sache der Veranstal- ter_innen. Vielleicht ändert sich ja auch die Popularität der Drag Kings in den nächsten Jahren.

Was willst du unseren Leser_innen noch auf den Weg mitgeben?

Macht, was ihr möchtet und wobei ihr euch wohl fühlt, so findet ihr auch euer Glück.

Auf Englisch klingt das alles besser: Stay true to yourself and keep finding happiness in you. Egal wer mensch ist und was mensch tut, das ist die Quintessenz.

 

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