Jov_in, 20   Praktikant*in aus Zürich

Jov_in, 20

Praktikant*in aus Zürich

Kein Mädchen und kein Junge, der Kopf zu rund, die Beine zu lang, die Stimme zu hoch. Toto hat Pech, könnte mensch meinen. Pech, das hässlich ist. Das Pech, das nur durch den Ekel der Gesellschaft existieren kann. Der Ekel, der das Andere als abnormal darzustellen versucht.

Im Roman «Vielen Dank für das Leben» schickt Sibylle Berg ein ganz eigenartiges Wesen von Osten nach Westen, von der Armut in den Reichtum, von der Vergangenheit in die Zukunft. Überall tönt dieselbe Melodie in Totos Ohren: Die Symphonie des Hasses und des Ausgrenzens.

1966 aus dem Dunst des Alkohols entstanden, in der Ausweglosigkeit eines grauen Staates, in dem den Menschen Elend und Hass als Grundnahrungs- mittel serviert wird, beginnt das jämmerliche Leben eines_r Held_in, der_die so gar keine_r sein kann.

Toto aber ist es. Die unendlichen Gemeinheiten und der Sadismus, die Toto widerfahren, prallen an Toto ab wie Wasser an lackiertem Blech. Toto kennt nichts anderes und deshalb ist Toto froh, überhaupt zu sein. Eine unvorstellbare Provokation für all jene, die sind wie sie sein sollen und somit eigentlich nur frustriert sein können. Im Kinderheim wurde Toto misshandelt, von der Gastfamilie ausgenutzt, von ihrem Liebhaber vergiftet und die letzten Worte einer Frau, die Toto beim Sterben begleitete, waren: «Geh weg, du ekliger Freak.» Toto aber grinst – beim Singen, bei Freude, Mitleid, Traurigkeit, Vergewaltigung und Atomkatastrophen. Das Grinsen als Geste einer sehnsüchtigen Hoffnungslosigkeit verliert Toto nie. Es ist das einzige, um das sie_ihn niemand berauben kann. Das Andere kann unmöglichen hassen, wenn dies der ganze Rest bereits ununterbrochen tut. Ein furios geschriebenes Plädoyer für Andersartigkeit, das zeigt, dass wir dem Anderen zuliebe anders sein müssen.

 

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