Magie entsteht zwischen den Ohren. Ich bin überzeugt davon. Sie ist so menschgemacht wie die Wissenschaft und so vieles, was wir in einer Statistik festhalten können. Sie entsteht, wo Funken sprühen und Blicke sich verschränken, wo Anderssein zu Normalität und Scham zu Stolz wird. Die Milchreise war voller magischer Menschen,die die Liebe und das körperliche Empfinden anderer nicht rationalisieren mochten. Ich kenne nur eine Version dieser Magie, und das ist die meinige. Da sie alles ist, was ich habe, werde ich sie hier aufschreiben.

Freitagnachmittag

Luzia, 20   Buchhändlerin aus Zürich

Luzia, 20

Buchhändlerin aus Zürich

Ankunft am Luzerner Bahnhof. Bekannte Gesichter, die die unbekannten mit der Regenbogenflagge zum richtigen Gleis lotsen. Aufgekratztes Diskutieren und Gestikulieren auf der Hinfahrt, Vorfreude, Gelächter. Welchen Workshop hatte wer noch einmal angeklickt? Wer geht mit wem in welches Zimmer? Der Zug hält an, die aufragenden Berge sind von erschreckender Schönheit. Koffer schleifen über Gras und Kies, die Harry Potter-Fans finden sich und fallen, ins Gespräch vertieft, zurück, holen die Gruppe erst ein, als sie gleichzeitig anhält, um eine einzelne Katze zu streicheln. Verwirrte Blicke von Vorbeigehenden. Das Haus kommt in Sicht. Wir beziehen unsere Zimmer, reissen die Fenster auf, lassen uns auf die Betten fallen. Dann geht es weiter zum Dachboden, um sich kennenzulernen.

Wir setzen uns mit den anderen Teilnehmer_innen unserer Workshops zusammen, machen Namensschilder aus Stoff und pinnen sie an unsere Kleider. Irgendwie sehe ich nach ein paar Stunden an der Milchreise immer aus wie ein queerer Weihnachtsbaum – mit Schleifchen aus Bastelmaterial, Stickern, Glitzer. Der Abend beginnt, die Küche, die rund um die Uhr zu rackern scheint, wartet mit Abendessen auf.

Danach beleben wir das Haus vom Giebel bis zum Keller, manche gehen schlafen, manche tanzen, manche sitzen ins Gespräch vertieft auf den Sofas und an den Tischen in den Gängen. Ein buntes, lebendes Wimmelbild. Auf einem Balkon wird gesungen und getrunken, vom Platz unten dringen Stimmen in die kalte Herbstluft. Mir ist warm, als sässe ich an einem Lagerfeuer. Ich habe Energie für drei, vielleicht spüre ich auch einfach die Müdigkeit nicht. Um etwa drei Uhr geht es tatsächlich ins Bett. Es fühlt sich an wie ein schöner Liebeskummer, für ein paar Stunden Abschied zu nehmen.

Samstag

Morgenmenschen scheinen auch unter falschsexuellen Leuten in der Minderheit zu sein. Der Tag ist voll: Wir haben vieles vor. Im Speisesaal treffen sich die Wissbegierigen zum Genderworkshop, im Keller machen sich die Kreativen daran, Neues zu erschaffen. Die Schauspieler_ innen gehen auf den Dachboden, die Out- door-Freaks verziehen sich nach draussen. Ich würde mich ab liebsten vierteilen, um überall dabei sein zu können.

So verstreichen der Vor- und der Nachmittag. Fehlt mir die Beschäftigung, schleiche ich mich in den Geschichtsworkshop. Ich lasse mich von der Begeisterung der Teilnehmenden für die Vergangenheit des Kampfs um die Rechte von Frauen und falschsexuellen Menschen anstecken. In diesem Kreis findet sich wohl niemensch, der nicht gern einmal mit Judith Butler einen Kaffee trinken möchte.

So ist der Abend plötzlich da. Draussen weht ein scharfer Herbstwind. Das Open Mic lässt mich sprachlos und tränenüberströmt zurück. Es ist fast unmöglich zu beschreiben, was in dir vorgeht, wenn du die Tanzfläche betrittst und jede Sorge vor ungewollten Berührungen oder verurteilenden Blicken zu Staub zerfällt. Ich und meine Lieblingsmenschen spielen auf dem Zimmer Tat oder Wahrheit wie hormonell verwirrte fünfzehnjährige. Der Abend wird im Zeitraffer zu einem atemlosen Gewirr aus Farben, Diskussionen, Gesichtern, Musik, Gelächter.

Sonntag

Der Abschied am nächsten Nachmittag ist schmerzhaft. Der Staat zerfällt in seine Puzzleteile, eine Art tonlose Fassungslosigkeit liegt in der Luft, weil dieses Wochenende unwiederbringlich vorbei ist. Wir haben neue Freundschaften geknüpft, uns verliebt, uns wurde der Kopf verdreht, unser Wissen erweitert. Wir können vielleicht gerade nicht darauf zurückgreifen, weil unser Puls sich normalisiert und uns der heteronormative Alltag entgegenschlägt, aber die Erlebnisse der Milchreise legen sich über das Jahr hinweg auf uns nieder wie ein warmes, schützendes Fell. Wir schwärmen aus, in alle Himmelsrichtungen, um die Welt ein Stück bunter zu machen.

Magie entsteht im Kopf. Sie ist alles, was wir nicht erklären können oder wollen. Ich habe bis jetzt noch niemenschen ausser mir gefunden, der mit dieser Aussage etwas anfangen konnte. Die Existenz von falschsexuellen Menschen ist wissenschaftlich bewiesen, es ist klar, dass wir uns unser Begehren und unser Empfinden nicht ausgesucht haben und uns nicht ändern könnten, selbst wenn wir wollten. Trotzdem ist für so viele die Frage, ob Queers alles verdienen, was nichtfalschsexuelle Menschen schon immer als selbstverständlich betrachten, vor allem eins: Ansichtssache. Wieso gibt es Menschen, die nicht hetero und cisgender sind? Braucht es uns? Die Wissenschaft sucht verzweifelt nach unserer Existenzberechtigung. Jemensch, der versteht, dass wir keine brauchen, zuckt die Schultern. Ich will einer dieser Menschen sein. Denn Magie ist real, auch wenn sie nur in unserem Kopf ist.

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