Niklaus Flütsch ist ein Trans*mann und Gynäkologe, der sich für die Rechte von Transmenschen einsetzt. Er hat ein Buch («Geboren als Frau, glücklich als Mann») über sein Leben und seine Erfahrungen geschrieben.

Annika, 23   Studentin aus Zürich

Annika, 23

Studentin aus Zürich

Annika Berchtold: Wie ist die Situation von Trans* Menschen in der Schweiz?

Niklaus Flütsch: Die Situation ist sehr im Wandel. Einerseits geschieht vieles in Richtung Liberalisierung, z.B. bezüglich der Personenstands- und Namensänderung. Gleichzeitig sieht mensch andere Strömungen, z.B. die WC- Debatte in Amerika. In Europa sind diese Strömungen auch vorhanden. Konservative Verbände schiessen gegen diese Liberalisierung.

Wo gibt es Verbesserungspotential und wie erreichen wir das?

In der nächsten Umgebung durch Aufklärung. Indem das Phänomen ein Gesicht bekommt, werden Vorurteile abgebaut; In den Schulen und Medien, wie z.B. die Student*innenvereinigung «Achtung Liebe». Potenzial gibt es natürlich auch auf parlamentarischer Ebene.

Wie ist die Gesetzgebung in der Schweiz?

In der Schweiz gibt es bezüglich Transgender kein spezielles Gesetz. Es gibt einen individuellen Umgang, sei es auf Ebene des Gerichts oder der Krankenkasse. Mensch muss zwar mehr kämpfen, aber es gibt nur einzelne Gerichtsurteile.

Was halten Sie von einem dritten Geschlecht?

Wir machen dadurch eine zusätzliche Schublade auf. Wir haben einen biometrischen Pass, in dem wir durch die Iris und die Fingerabdrücke sehr gut registriert sind. So ist der Geschlechtseintrag überflüssig. Ich finde das sogar übergriffig vom Staat, dass ein intimes Detail des Körpers einfach so auf dem Pass präsentiert wird. Dass mensch ein drittes Geschlecht einführt, finde ich problematisch, weil dann Trans*Menschen wieder stigmatisiert werden. Darf mensch die Menschen überhaupt nach äusserlichen und körperlichen Merkmalen einteilen? Wir haben die Rassenfrage überwunden. Da könnte mensch einen Schritt weitergehen und sagen: Es ist auch diskriminierend die Menschheit in Männer und Frauen einzuteilen.

Was ist die Schwierigkeit, wenn Trans* Menschen den Vornamen ändern möchten?

Jetzt hätte ich fast gesagt: Den eigenen Namen auswählen (lacht). Nein, es gibt nicht mehr viele Schwierigkeiten. Ein Gesuch stellen, ein Beurteilungsschreiben eines Arztes_einer Ärztin, dass mensch trans* ist und vielleicht schon mit der Hormontherapie angefangen hat.

Und was ist mit dem Geschlechtseintrag in offiziellen Dokumenten, zum Beispiel dem Pass?

Da müssen Sie klagen, dass Ihnen bei der Geburt das falsche Geschlecht zugeteilt wurde. Dadurch gibt es viele, die den Geschlechtseintrag gar nicht ändern, sondern nur den Vornamen. Für andere ist das elementar und sie identifizieren sich mit dem Geschlecht im Pass. Ich habe mir auch schon überlegt, das zu machen. Aber ich habe keine Zeit momentan und grundsätzlich bin ich für die Abschaffung des Geschlechtseintrags. Vielleicht kommt ja mal der Staat und fragt mich, ob ich nicht mein Geschlecht ändern möchte (lacht).

Wie geht es Ihnen als einer der wenigen Männer der Schweiz, der mit einem Mann verheiratet ist?

Viele nehmen das gar nicht wahr. Wenn ich sage, ich sei verheiratet, denken die meisten, das ist eine eingetragene Partnerschaft. Es fällt erst auf, wenn mensch ins Detail geht. Wir mussten angeben, welchen Nachnamen die Kinder hätten. Das Eheverständnis ist sowieso ein bisschen schräg. Wenn die Ehe in erster Linie wegen der Kinder da ist, dürften Personen mit weiblichen Sexualorganen ja ab Alter 50 nicht mehr heiraten, da mensch dann keine Kinder mehr haben kann. Die Ehe ist aus einer Zeit, in der sie noch als Institution für Familie angesehen wurde. Die Debatte läuft dann immer auf das Kindeswohl hinaus. Schwule und Lesben gefährden das Kindeswohl bzw. können gar keine Kinder haben.

Welchen Rat können Sie Trans* Menschen mit Wunsch nach Nachwuchs geben?

Alle Trans* Menschen sollten sich Gedanken zum Kinderwunsch machen. Sie können nach der Transition noch Kinder haben. Eizellen oder Spermien einzufrieren und zu einem späteren Zeitpunkt zu nutzen, ist möglich. Aber die Gesetzgebung in der Schweiz erlaubt vieles nicht. Mensch muss ins Ausland gehen. Kinder haben ist auch ein Menschenrecht. Die Möglichkeiten der Fortpflanzungsmedizin sind zwar gross, aber teuer. In der Regel zahlt die Krankenkasse nichts.

Was ist das häufigste Anliegen von Trans* Menschen?

Die Hormontherapie. Speziell zu mir kommen sie, da ich viel Erfahrung habe. Meine Beratung geht weiter, wir unterhalten uns auch über weitere körperliche Veränderungsmöglichkeiten wie z.B. Operationen, die Personenstandsänderung. Aber auch wo mensch Informationen darüber einholen kann und dass sie sich in den Selbsthilfegruppen austauschen können.

Welche medizinischen Schritte nehmen Sie vor?

Anpassungen haben Grenzen, bedingt durch die Genetik oder das Alter. Als erstes steht in der Regel die Hormontherapie auf dem Plan. Danach kommen die Operationen. Viele haben eine Vorstellung, eine Transition sei ein Weg von A nach B. Der Weg braucht Zeit. Gewisse wollen nur die Hormontherapie. Andere wollen nur eine gesellschaftliche Transition im Sinne einer Personenstandsänderung und Vornamensänderung. Einige gehen so weit, dass sie möglichst alles Geschlechtliche an ihrem Körper ändern wollen.

Auf was muss mensch vorbereitet sein?

Ganz wichtig ist der Unterschied zwischen den Traumvorstellungen des eigenen Körpers und dem, was zu realisieren ist. Es ist immer ein Zusammenspiel zwischen den Hormonen und dem eigenen Körper. Mensch muss auf dem Boden bleiben und für sich selbst entscheiden. Ich denke, das Ziel sollte sein, zu sich selbst finden.

Comment