Dieses Mal: Mein erstes Mal mit einer Frau

Erzählt von Tim, 25

Für mich war schon immer total klar, dass ich auf Männer stehe. Ich hatte das Glück, dass ich mich früh outen und mein Schwulsein ausleben und in vollen Zügen geniessen konnte. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals Sex mit einer Frau haben würde – warum auch? Ich habe es mir sehr bequem eingerichtet in meiner schwulen Identität und entsprach gerne den vielen Gay-Klischees. Gut, manchmal habe ich mit guten Freundinnen im Ausgangauf der Tanzfläche geknutscht. Aber das hätte nie zu mehr geführt – bis sich letzten Sommer etwas änderte. Ich war mit meiner besten Freundin – sie ist lesbisch – auf einer Gartenparty von Freund_innen eingeladen. Die Stimmung war sowieso schon sehr ausgelassen, die Bowle hat dann wohl ihren Rest dazu beigetragen. Als wir uns dann irgendwann spät in der Nacht (oder früh am Morgen?) zu Fuss auf den Nachhauseweg machten, küssten wir uns plötzlich. Und es fühlte sich so selbstverständlich, so natürlich an. Wahrscheinlich, weil wir beide sowieso schon eng befreundet waren. Als wir dann bei mir zuhause ankamen, haben wir uns gemeinsam auf Entdeckungsreise begeben. Und schliesslich miteinander geschlafen. Es fühlte sich überhaupt nicht so an, wie ich mir Sex zwischen einem Mann und einer Frau immer vorgestellt habe – sondern eher irgendwie queer. Wir haben seither noch ein paar Male miteinander geschlafen. Es blieb immer sehr freundschaftlich. Auch danach. Es gab keine seltsame Stille und auch keine unangenehmen Momente. Es hat viel mehr unsere Freundschaft vertieft. Mich verwundert unsere Nähe manchmal immer noch, auf eine schöne Art und Weise. Sex mit meiner besten Freundin ist nicht wie der Sex, den ich mit Männern, mit Affären und One-Night- Stands habe. Sondern anders. Nicht besser oder schlechter. Aber schön. Nichtsdestotrotz bezeichne ich mich weiterhin als schwuler Mann. Denn schwul sein ist so viel mehr, als mit Männern zu schlafen, da steckt eine ganze Kultur dahinter. Aber ich glaube, dass wir uns viel zu oft eigene Grenzen setzen, um uns in Sicherheit über unsere Identität zu wiegen, anstatt mit Neugier Dinge auszuprobieren, die eigentlich so gar nicht zu dem Bild passen, das wir von uns selber haben. Und ich bin froh, habe ich die Grenzen meines Schwulseins ein wenig gedehnt – das hat mir neue Sichtweisen eröffnet.

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