Zwei Identitäten im Interview

Das Geschlecht einer Person ist nicht immer Mann oder Frau. Wie bei vielem gibt es auch hier ein Spektrum. Manche Menschen ordnen sich auch gar nicht auf diesem Spektrum ein. Zwei Menschen erzählen über ihre Labels genderless und cisgenderless.

Robert, 23   Student aus Liebefeld

Robert, 23

Student aus Liebefeld

Genderless

Erzähl ein wenig über dich (Pronomen, Hobbies, was du sonst noch so sagen magst).

Mein Name ist Riley Alexis, meine Pronomen sind dey, deren und denen oder they/them im Englischen. Meine Hobbys sind vor allem Katzen­videos im Internet anzuschauen und mich mit allen Hunden in der Nachbarschaft zu befreunden. Ich schaue gerne Cartoons, Anime, Filme und Netflix, und sitze dabei meistens auf meinem Bett und stricke oder häkle was.

Was bedeutet genderless (für dich)?

Genderless bedeutet für mich, frei ausdrücken zu können (und zu dürfen) wie ich mich fühle. Ohne mich auf soziale Geschlechter­Ideale beschrän­ken zu lassen. Es gibt mir Kraft, einfach mich selbst zu sein, statt ständig Menschen zu erklä­ren, ob ich Mann oder Frau bin, und auch frei von dem sozialen Druck mit Kleidern oder Schminke es beweisen zu müssen. Egal wie ich mich präsentiere oder kleide, ich bin immer noch ich.

Seit wann identifizierst du dich mit diesem Label? Wie kamst du dazu?

Seit mehr als 4 Jahren identifiziere ich mich spezi­fisch als agender bzw. geschlechtslos. Davor habe ich mich eher auf den Überbegriff non­binary be­zogen, um mehr Platz zu haben für Fluidität, und Raum zu lassen, um mich noch zu entdecken. Das Label androgyne (und alles was für Androgynität steht), habe ich schon früh, als Kind, kennenge­ lernt und gemerkt wie passend dieses Wort ist.

Warum ich mich aber mehr mit agender identifi­ziere, ist vor allem aus der Frustration gekommen: Ähnlich wie bei meiner Sexualität waren Mit­menschen zwar verständnisvoll, aber konnten es nicht lassen, permanent zu fragen, ob ich heute eher Mann bin oder wie viel Frau ich bin. Oder warum ich mich nicht wie eine Frau kleide und wenn ich dann einmal ein Kleid trage, ob ich nicht wirklich eine Frau sein möchte. Ständig den Druck zu spüren, mich zu rechtfertigen, als müsse ich mein Geschlecht ganz genau in Pro­zent angeben und kontinuierlich aktualisieren – damit cis­ Menschen auch ganz genau sehen auf welche Seite ich im Moment eher neige, um mich dann definitiv in eines ihrer Böxchen zu quet­schen und zu urteilen, was ich anhand dieses Böxchen tun soll, sagen soll und wie ich auszu­ sehen habe. So fand ich: «Nö, die können mich Mal, ich muss mich nicht rechtfertigen.» Anstelle zu sagen: «Ich bin irgendwie zwischen Mann und Frau», fing ich an zu sagen: «Ich bin einfach we­der noch und keins von denen».

Das Wort agender genau wie queer gab mir wie­ der Kraft, über mich selbst zu bestimmen, ohne ständig meine Sexualität oder mein Geschlecht zu erklären und rechtfertigen. Dass ich einfach so sein kann, wie ich gerade Lust habe und wie ich gerade bin.

Wie wichtig sind Labels für dein Wohlsein?

Schwierige Frage. Ich wünsche mir schon, dass mensch mein Geschlecht anerkennt. Aber ich muss auch nicht jedem x­beliebigen Menschen einen sechsstündigen TED­talk über das Geschlechterkonstrukt, Queer und Gender Studies halten. Ich bin froh, wenn ich weder als Mann, noch als Frau gesehen werde und auch so be­handelt werde. Doch ich werde jetzt niemensch den Kopf umdrehen, nur weil er_sie agender nicht aussprechen kann. =}

Was würdest du jemensch sagen, der sich seiner Labels unsicher ist?

Es ist völlig okay unsicher zu sein, auch ich habe heute noch Momente, wo ich unsicher bin. Lasst euch Zeit euer Label zu finden. Bezieht euch vorerst auf allgemeinere Labels, wie queer oder questioning, bevor ihr euch mit Labels selbst einschränkt. Es ist auch voll okay mehrere Labels zu haben und über die Jahre neue oder andere Labels für sich zu bestimmen. Do you. It’s gonna be fine. You define your label your label doesn't define you (Du definierst dein Label, dein Label definiert nicht dich).

Cis­-Genderless

Erzähl ein wenig über dich (Pronomen, Hobbies, was du sonst noch so sagen magst).

Ich heisse Henrik, meine bevorzugten Pronomen sind er und they, ich spiele viel Theater, singe und tanze, schreibe leidenschaftlich gerne Texte und mag unheimlich gerne Gesellschaftsspiele. Pla­ton hat mal gesagt: «Beim Spiel kann m[ensch] einen Menschen in einer Stunde besser kennen­ lernen, als im Gespräch in einem Jahr.»

Was bedeutet cis­-genderless (für dich)?

Cis­-genderless bedeutet, im Grunde keine eige­ne Geschlechtsidentität zu haben und sein bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht als Identi­tät anzunehmen. Für mich bedeutet es, meinem Geschlecht gegenüber indifferent zu sein, ich fühle mich nicht verbunden mit Konzepten von Männlichkeit oder Weiblichkeit, habe aber auch irgendwie kein Problem als Frau oder Mann an­ gesehen zu werden. Am liebsten bin ich einfach nur Mensch, ohne weitere Kategorisierung.

Seit wann identifizierst du dich mit diesem Label? Wie kamst du dazu?

Vor einem Jahr war ich auf einem Seminar, wo es eine Männer­ und eine Frauenrunde gab. Ich fühlte mich irgendwie wohl Teil der einen Gruppe zu sein, doch ein Teil von mir fühlte sich fehl am Platz. Seither drücke ich in solchen Seminaren den Wunsch aus als Mensch und nicht als Mann oder Frau betrachtet zu werden. Ich konnte mich aber nicht recht mit dem Label genderless identi­fizieren, da ich ja kein Problem hatte, als Frau oder Mann angesehen zu werden. Erst als ich kürzlich einen Forenpost auf asexuality.org über das The­ma cis­-genderless fand, hatte ich ein Label ge­funden, um auszudrücken, wie ich mich fühle.

Wie wichtig sind Labels für dein Wohlsein?

Als ich ein Label für mein Empfingen hatte und las, wie andere sich ebenso damit identifizierten, fühlte ich mich irgendwie geborgen. Es stärk­te mich in dem Kampf gegen die willkürlichen Geschlechterrollen und liess mich wissen, dass ich nicht verrückt bin. Für mich sind Labels sehr wichtig, denn sie geben mir ein Werkzeug, um mich gegen die Heteronormativität aufzuleh­nen, um zu sagen: «He, wir sind nicht alle gleich imfall!» Ich glaube, dass durch die Vielzahl der Labels, die Menschen irgendwann verstehen, dass Geschlecht und Sexualität von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist.

Was würdest du jemensch sagen, der sich seiner Labels unsicher ist?

Lass dir Zeit! Die einzige Person, die weiss, wer du bist und wie es sich anfühlt du zu sein, bist du. Keine_r kann dir einreden «so und so» zu sein, niemensch hat das Recht dich zu katego­risieren. Sei einfach du, auch wenn das nicht im­ mer so einfach ist.

Comment