Immer wieder werden LGBTQ-Menschen fremdgeoutet. Gibt es Situationen in denen Fremdoutings gerechtfertigt sind?

Leandro, 20   Student aus Bern

Leandro, 20

Student aus Bern

Vor gut 25 Jahren machte der schwule, deutsche Regisseur Rosa von Praunheim in Deutschland Schlagzeilen: Er outete in einer Fernsehsendung den Moderator Alfred Biolek und den Komiker Hape Kerkeling als schwul. Er bezeichnete seine Tat hinterher als „Verzweiflungsschrei auf dem Höhepunkt der AIDS-Krise“ und sagte, dass er sie nicht wiederholen würde.

Diese Fremdoutings waren daraufhin sehr präsent in den deutschen Medien. Dabei wurde aber nicht so sehr auf die Homosexualität der geouteten Personen eingegangen, sondern darauf, dass Rosas Tat nicht in Ordnung war. Über diese Frage kann viel debattiert werden, heute aber scheint es, dass Rosas Fremdoutings längerfristig zur Akzeptanz von Homosexuellen in Deutschlands Gesellschaft beigetragen haben.

Gute Gründe...

Ist es in Ordnung, einen anderen Menschen bezüglich Gender oder sexueller Orientierung ohne dessen Einverständnis zu outen? Spontan würde ich sagen: Nein, da ich finde, dass es eine zu grosse Verletzung der Privatsphäre dieser Person darstellt. Aber was, wenn wie bei Rosa von Praunheim die Fremdoutings längerfristig zu besserer gesellschaftlicher Akzeptanz führen? Es war keine schöne Tat, aber sie hatte einen schönen Effekt. Besonders wenn mensch sieht, dass Rosa es auch nicht ganz einfach ergangen ist damit (besonders hinterher), und er selber zugibt, dass es nicht richtig war, können wir vielleicht versuchen, seine Gründe nachzuvollziehen.

Es ist aus meiner Sicht absolut nicht in Ordnung, dass so vielen falschsexuellen Menschen noch immer grundlegende Rechte verweigert werden. Und sicher wäre es schön, mehr Repräsentation überall zu haben, damit die Vorurteile weniger werden.

...oder schlechte Ausrede?

Dennoch stellt sich für mich die Frage, ob es jemals gerechtfertigt ist, die Privatsphäre derart zu verletzen, wie mensch es mit einem Fremdouting tut. Egal, welche positiven Veränderungen es womöglich bewirken könnte. Kann Repräsentation Grund genug sein, eine Person ohne ihr Einverständnis und gegen ihren Willen blosszustellen und zur Repräsentationsfigur zu machen?

Zumal es heute auch schon einige berühmte LGBTQ-Menschen gibt, die sich selbst freiwillig geoutet haben, so wie die Schauspielerin Ellen Page oder die Talkmasterin Ellen Degeneres. Es ist nicht im- mer einfach, geduldig zu sein. Aber wenn wir unseren Blick darauf lenken, was wir schon erreicht haben und wo wir überall sichtbar sind, können wir auf solche Fremdoutings verzichten.

Sind nicht schlussendlich die geschlechtliche Identität und die sexuelle Orientierung eine Sache, die jemensch nur jenen mitteilen muss, denen er_sie es mitteilen will? Welches Licht wirft es auf unsere Community, wenn wir andere falschsexuelle Menschen fremdouten, obwohl doch gerade wir wissen, dass es nicht in Ordnung ist und wir selber auch nicht so blossgestellt werden möchten?

Trotzdem endet dieser Artikel mit einer Frage, weil es wohl keine abschliessende Antwort dazu gibt: Sind Gründe wie die oben genannten triftig genug, anderen Menschen ihre Selbstbestimmung zu entziehen, ob und wann sie sich outen?

 

Was ist ein Fremdouting?

Als Fremdouting bezeichnet mensch wenn eine falschsexuelle Person von einer anderen Person geoutet wird, ohne dass der geoutete Mensch damit einverstanden ist. In manchen Fällen rechtfertigt die outende Person ihre Tat damit, dass die geoutete Person 1. öffentlich eine queerfeindliche Meinung vertritt und/oder 2. ein_e Sympathieträger_in ist und der LGBTQIA- Community nach dem Fremdouting zu mehr Sichtbarkeit verhelfen kann.

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