Wie es sich anfühlt, als Transfrau zum zweiten Mal die Pubertät durchzumachen.

Varda, 42   Chemikerin aus Wimmis

Varda, 42

Chemikerin aus Wimmis

Aktuell fühle ich mich wie 14 – eher unerfahren also, jung irgendwie auch, und inmitten eines noch ungewohnten, zuweilen verwirrenden Hormonrausches. Kecker Pagenschnitt, nach pinkfarbenem nun türkisblaues Haar, mensch duzt mich. Zwei Jahre ist es her, seit ich ich geworden bin. Und immer mal wieder diese Fragen wie: „Stehst du jetzt auf Männer? Sonst wärst du ja jetzt lesbisch, oder?“, und ich erröte vor Verlegenheit. Weil ich es selbst nicht recht weiss. Meistens werde ich im binären Geschlechtssystem als „Tränseli von nebenan“, bestenfalls als falschsexuell verortet. Erst seit wenigen Monaten überhaupt kann ich meine neuen Sexualorgane selber erkunden. Bis- heriges Fazit: Eindeutig Frau, und ich liebe Menschen. Das hört sich fantastisch an (ist es auch!), und anfühlen tut es sich banalerweise genau so wie ich es mir schon immer vorgestellt und in Träumen erlebt hatte. Klitoris, Vagina, stolze kleine und grosse Lippen, alles da, so von aussen her gesehen. Alles ganz normal, für mich zumindest. Ich habe sogar meine Tage. Also nicht die Periode, das kann die Medizin noch nicht (soll ich sagen schade, oder vielleicht auch – zum Glück?) – es sind eher gleich einige Wochen aufs Mal, in denen ich mich unendlich müde undvöllig verpeilt fühle. Eben mal wieder ein bisschen ander Hormonersatztherapie herumgeschraubt, in der Hoffnung, dass diese Pubertät 2.0 voll abgehen würde und ich irgendwann auf einigermassen natürliche Art und Weise stolze Trägerin von KörbchengrösseC werden möge. Und etwas Hüfte, bitte. Taille inklusive. Und bitte kein Heisshunger nach Schokolade, Burger, Chips, Nüsschen und Essiggurken. Der Sex war auch fantastisch, werde ich schwanger? Der Wecker rasselt, aus der Traum, dafür Realität an der Bettkante, frierend und nassgeschwitzt. Östrogene sind der Inbegriff hormoneller Instabilität. Sie suchen geradewegs nach dem Zyklus, dem mensch heutzutage nur ansatzweise mit den Errungenschaften der Chemie nacheifern kann. Mamipapi könnte ich noch werden, Cispartnerin vorausgesetzt und etwas Retortenbefruchtungs-Nachhilfe? Mein Gemüt schwimmt wie ein Fettauge auf der Bouillon. Schon beim Gedanken an romantische Filmszenen kommen mir die Tränen, schon beim Kopfkino lustiger Memes muss ich im Zug unvermittelt loskichern. Damals, als mich wenige Tage nach meinem Outing jemensch im Ausgang als Frau anbaggerte, da überkam mich pure Panik und ich ergriff die Flucht. Das wurde kurze Zeit danach ganz trefflich in „The Danish Girl“ verfilmt. Dreimal täglich verliebe ich mich spontan in Fremde, dreimal täglich weine ich ein bisschen. Während der Pubertät 1.0 mussten mir wohl einige Erfahrungen entgangen sein. Normalerweise lernt frau von klein an, mit Anmache umzugehen und wie vielfältig sich gendering äussert. Ich versuche mich mit Jahrgang 1975 in eine jüngere Teenagerin zurückzuversetzen und zu ergründen, wie dieser kleine Unterschied, der in den glücklichen Kinderjahren vor der Schulzeit nie eine Rolle zu spielen schien, dazu führte, dass meine Pubertät 1.0 fürchterlich schiefgelaufen ist. Der 24/7-Kampf gegen das ungewollte Mannwerden eines glücklichen Kindes begann, der nach rund 27 Jahren in einem eindrücklichen emotionalen und körperlichen Scherbenhaufen kulminieren sollte. Angst und Unwissen haben die Transidentität verdrängt, das Outing aufgeschoben. Täglich stand ich vor meinem mit hübschen Frauenkleidern prallgefüllten Kleiderschrank und hatte nichts mehr anzuziehen für hinaus, weil ich nicht mehr Mann spielen mochte. Mensch hat doch schon immer was geahnt, warum hast du nie darüber gesprochen, dein Outfit wurde aber schon seit längerem zunehmend spezieller. Es ist eh immer ein Zwangsouting – Trans* ist eine öffentliche und hochoffizielle Angelegenheit, denn es steht ein Buchstabe im Pass, und der begrenzt deine Gewinnchancen. Als mir das klar war, zog ich die richtigen Konsequenzen daraus: Somit bin ich seit zwei Jahren wieder ein glückliches, zumal noch etwas naives Kind, dass jetzt das Frauwerden erfahren darf. Aber das Erwachsenwerden, das ist eine Falle – tut es nicht! Ich geniesse jetzt meine Pubertät 2.0 in vollen Zügen.

Möge sie noch lange andauern!

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