Queerness und Metal - völlig unvereinbar? Einige Gedanken zum Spagat zwischen zwei Subkulturen.

Cora, 22   Studentin aus Olten

Cora, 22

Studentin aus Olten

Musik war schon immer ein wichtiger Teil der falschsexuellen Szene. Und so vielfältig queere Musik ist, es gibt ein Genre, das kaum jemensch mit «Queerness» verbinden würde: Heavy Metal.

Als queerer Metalfan fühle ich mich in beiden Communities oft nicht so am richtigen Ort. In der einen geht meine Identität unter, in der anderen meine erste grosse Liebe: die Musik. Und ich stelle mir (und meinen Freund_innen aus der queeren Szene) immer wieder die gleiche Frage:

Warum mögt ihr Metal nicht?

Klar, über Geschmack lässt sich streiten. Ich glaube aber, die Metalszene hat unter queeren Menschen vor allem ein Imageproblem - vermeintlich geprägt von Aggressivität, Queerphobie und Hypermaskulinität. Das alles gibt es, wie überall in unserer Gesellschaft, aber dieses Bild wird der Metalszene nicht gerecht. Denn eigentlich findet sich im Inneren dieser harte Musikszene ein weicher Kern aus offenen, toleranten, liebevollen Menschen, die sich im Moshpit gegenseitig aufhelfen, Schwächere beschützen und von denen sich der Rest der Gesellschaft gern eine Scheibe abschneiden könnte. Viele sind kreative Seelen, die ihre Gefühle in Form von Musik ausdrücken und gesellschaftlichen Normen oft nicht entsprechen. Die nach aussen gezeigte, oft absichtlich überspitzte, stereotype Maskulinität wird durch Texte und Philosophie, durch das Offenbaren von Gefühlen, Aussenseiter_innentum, dem Spielen mit Geschlechterrollen und Genderbending (z.B. Marilyn Manson) über den Haufen geworfen.

Warum interessiert ihr euch nicht für queere Metalheads?

Offensichtlich sind denmeisten Metalheads gesellschaftliche Normen also egal. Und wer du bist, interessiert die Wenigsten, solange du die Musik liebst und ab und zu mal ein Bier ausgibst. Entsprechend wird auf Outings von Musiker_innen wie Mina Caputo (Life of Agony), Laura Jane Grace (Against Me!), Gaahl (Gorgoroth) oder Paul Masvidal und Sean Reinert (Cynic) meist positiv bis desinteressiert reagiert. Desinteresse ist das, was sich der Metalszene auch wirklich vorwerfen lässt. Sexualität, Geschlecht und Identität werden in der Musik kaum thematisiert, es geht (je nach Genre) eher um Tod, Verderben, Drogen, Satan, Drachen, Horror, Alkohol oder um die Musik selbst. Die fehlende Auseinandersetzung mit diesen Themen ist problematisch, denn es führt im schlimmsten Fall zu einer reflexartigen Ablehnung dieser unbekannten Dinge, im besten Fall macht es falschsexuelle und andersgeschlechtliche Menschen innerhalb der Metalszene unsichtbar, weil unsere Identitäten «egal» sind. Deshalb verbindet die meisten queeren Metalheads auch kaum etwas mit ihrer Queerness und sie beteiligen sich selten an falschsexuellen Räumen oder Aktivismus. Dabei wäre Sichtbarkeit für uns als Individuen aber auch als Community, für unser Selbstbild und unsere Rechte, von zentraler Bedeutung.

Und was machen wir jetzt?

Mehr Bewusstsein und Bemühungen um Sichtbarkeit für und von queeren Musiker_innen und Fans wäre deshalb, was ich mir von der Metalszene wünsche. In der falschsexuellen Community würde ich hingegen gerne mehr Offenheit und Raum für Fans anderer Musikstile sehen. Denn eigentlich sind sich diese Communities näher, als mensch denkt. Heavy Metal, wie wir ihn heute kennen, würde ohne die queere Szene gar nicht existieren. Die erste Metal Band der Geschichte war Judas Priest, deren Sänger Rob Halford ist der bekannteste schwule Musiker der Metalszene. Seine Outfits aus Lack, Leder, Jeans und Nieten, die er aus der Londoner BDSM- und Schwulenszene übernommen hatte, legten den Grundstein für den Kleidungsstil der Metalheads. Basis für die Musik von Judas Priest waren neben Bands wie Black Sabbath und Deep Purple übrigens auch Queen – wer jetzt ungläubig den Kopf schüttelt, soll sich mal «Stone Cold Crazy» oder «White Man» anhören. Und wenn Freddie Mercury, einer der bekanntesten bisexuellen Männer aller Zeiten, den Spagat zwischen queerer Ikone und Heavy-Metal-Urgestein geschafft hat, dann können wir bestimmt dafür sorgen, dass sich queere Metalheads in beiden Communities zu Hause fühlen.

Comment