CW: Der folgende Text behandelt psychische Krankheiten sowie Suizidalität.

All die Lichter, die fabulösen Kleider, all die strah­lenden Gesichter: Der Milchball war so schön, es fühlte sich surreal an. Doch irgendwann nach Mitternacht spürte ich, wie mir alles zu viel wur­ de – zu viele Gerüche, Geräuschfetzen, Berüh­rungen, die ungefiltert auf mich einprasselten. Ich merkte, wie ich immer angespannter und nervöser wurde, und obwohl ich den Abend bis dahin genossen hatte, entschied ich mich, nach Hause zu gehen. Als ich einen Blick auf das Display eines Han­dys warf, blinkten mir drei Nachrichten von B. entgegen. B., der mir letzte Woche noch vorge­worfen hätte, ich könnte meine polyamourösen Partner_innen nicht wirklich lieben, weil wahre Liebe «exklusiv» sei. Plötzlich überkam mich eine enorme Leere, ich fühlte mich so erschöpft. Erschöpft davon, in einer Welt zu leben, in der meine queere Identität als «Phase» gilt, und in der ich mich oft fühle, als müsste ich mich ver­stellen, um wirklich dazugehören zu können. Diese Angst vor Ablehnung, die so viele von uns in sich tragen, das Gefühl, dass mensch sich verstellen muss, manchmal auch homo-­, bi­- oder trans*phobes Mobbing gehen nicht immer spurlos an uns vorbei. Falschsexuelle Menschen haben ein bis zu fünfmal höheres Risiko, Suizid zu begehen, als gleichaltrige cis-­heterosexuelle Menschen.

Die Thematik ist also ungemein wichtig, und doch habe ich das Gefühl, dass psychische Krankheiten in der ganzen queeren Szene im­mer noch tabuisiert, stigmatisiert und ignoriert werden. Wenn wir darüber sprechen, wie wir es geschafft haben, uns selbst zu akzeptieren, sprechen wir über «dunkle Zeiten» oder darüber, «ein bisschen down gewesen zu sein». Aber diese Probleme haben andere Namen – Depressi­on, Angst, Sucht – die wir konstant vermeiden, obwohl wir doch in einer Community sind, in der ein grosser Prozentsatz ähnliche Erfahrungen gemacht hat.

Aber ein Teil unseres Stolzes darauf, wer wir als queere Menschen sind, ist es, offen mit unseren Kämpfen umzugehen. Nur in dem wir die un­angenehmen Abzeichen von Depression, Angst oder Sucht tragen, können wir einen ersten Schritt dahin machen, psychische Krankhei­ten als einen Teil unserer kollektiven Identität zu verstehen, so wie es in den 90er­Jahren mit HIV geschah. Nur auf diese Weise können wir die Vorurteile und die Isolation um psychische Krankheiten durchbrechen.

Wir waren immer schon eine Community von Kämpfer*innen. Es ist an der Zeit, dass wir es wagen, unsere Narben zu zeigen.

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