Ricarda, 19  Studentin aus Uster

Ricarda, 19

Studentin aus Uster

Zärtlich Unausgesprochenes waltet,

Wo Sehnsüchte stossweise wallend

Den empfindenden Liebenden

Unberechenbar schubsen.

Kürzlich offenbarten zwei mir nahestehende Menschen mir ihr Verlangen nach der Beziehung zu einer Person des gleichen Geschlechts. Bald konnte ich allerdings feststellen, dass dieses Lieben, während es die eine bestärkte, die andere verunsicherte. Die Liebe nahm in diesen beiden Fällen sehr unterschiedliche Gestalt an.

Die Feststellung, homosexuell zu begehren und eine Beziehung mit einer Frau zu wollen, war für die eine die Bestätigung einer inneren Gewissheit: Ihre auftauchenden Fragen strebten nicht nach Klärung und der Festsetzung einer sexuellen Identität. Sie drehten sich vielmehr um den Eintritt in genau diese Beziehung mit genau diesem Menschen in seiner individuellen Wesensart. Will ich diese Beziehung überhaupt eingehen, sind meine Gefühle stark genug? Ist die Person, die mich liebt und begehrt, auch die Person, die ich liebe oder begehre? Die natürlichen Zweifel, die häufig Hand in Hand mit Zugeständnis und Verbindlichkeit, Vertrauen und Verantwortung, Verständnis und Bedingungslosigkeit gehen, entstanden. Die Angst loszulassen, zuzulassen und sich einzulassen, kam auf. Zunächst schwirrten diese Gedanken, die sich unbequem in das sorglos Zwischenmenschliche drängten, nur in ihrem eigenen Kopf herum, bis sie dann zum Gegenstand einer Auseinandersetzung zwischen dem fragenden Selbst und seinem Gegenüber wurden. Aufrichtige und ehrliche Gespräche in Zweisamkeit klärten die Bedenken.

Für die andere trat die Feststellung, Frauen zu begehren, Lawinen los: Sie rüttelte an dem Grundverständnis und den Grundfesten ihres Selbst. Dieses aufflammende unbekannte Begehren tastete sich noch vorsichtig an unausgesprochene Vorstellungen heran, es suchte den eigenen Umgang mit der sexuellen Orientierung. Die urplötzliche Infragestellung einer unhinterfragten Prägung – die heteronormative Vorstellung von Liebe – forderte dazu auf, die sich zuvor zugeschriebene Sexualität neu zu denken. Fragen nach der eigenen Zugehörigkeit, der Integrität, der Verletzlichkeit, der Identität reihten sich auf: Wie verändert sich der Umgang anderer mit mir dadurch, dass ich auf diese Weise begehre? Macht dieses Begehren eine andere Person aus mir, bin ich glücklicher, meinem Selbst näher? Fühlen sich andere Frauen durch meine Präsenz möglicherweise belästigt? Oder sind sie in ihrer Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit gehemmt, um mir nicht zu nahe zu treten, um mich nicht zu verletzen? Woher soll ich wissen, ob ich freundschaftlich, romantisch oder sexuell begehrt werde? Und wo, wie und wann kann ich die Grenze ziehen zwischen Freundschaft, Anziehung oder Beziehung?

Mit der Erkenntnis darüber, homosexuell zu begehren, wird verschieden umgegangen. Dies unter anderem auch, weil die Gesellschaft vorschreibt, wer oder wie geliebt werden soll. Fällst du aus diesem Rahmen, wirst du implizit dazu aufgefordert, dich zum Anderssein zu bekennen. Der Erwartungshaltung, eine genormte Liebe zu erfüllen, sollte niemensch entsprechen müssen. Es muss einem gesellschaftlichen Miteinander zumutbar sein, dass es anerkennt und versteht, wie vielschichtig und verschieden das Lieben seiner Menschen ist, ohne zu kategorisieren. Das wünschenswerte Ziel der Liebe ist das Wesen an sich, und nicht eine gesellschaftliche Projektion. Und während ich so weltabgewandt reflektiere, ist diese Liebe für die eine bereits Realität geworden. Die andere sucht gelassen weiter danach, was für sie richtig ist.

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