Dieses Mal: Mit Rock raus

Erzählt von Lotti Viril, 17, aus Zürich

Der lustlose Blick in den Kleiderschrank. Tagtäglich, immer wieder: Ich führe den Kampf zwischen «mich schön fühlen» und «mich sicher fühlen». Heute bin ich mutig, heute will ich schön sein – natürlich. Ja, natürlich sollte es sein, dass mensch sich wohl und sicher gleichzeitig fühlt. Sollte, aber geht halt nicht, weil Hass und Angst Gesichter des Alltags sind. Der harmlose Akt des Bekleidens wird für mich in solchen Momenten zu einem ausweglosen Streitgespräch zwischen Vernunft und Emotion, bei dem Letztere meistens gewinnt.

Hmm, wie wäre es wohl, den Rock da anzuziehen, ihn zu tragen als wär’s nichts Besonderes? Szenarien in Pastell bis Dunkelgrau schiessen mir durch den Kopf. Behutsam steige ich in einen langen, schwarzen Rock mit Seitenschlitz bis übers Knie und noch bevor sich das Elaste um meine Taille schmiegen kann, liegt die Vernunft K.O. – Wow, der erste Triumph. Das passiert also wenn ich den Rock einfach anziehe.

Entgegen meiner Erwartung stolziere ich durch den wöchentlichen Flohmarkt an der Kanzleistrasse: wenige Blicke, ein überraschtes Grinsen hier, ein irritiertes Stirnrunzeln da. Die negativen Impulse prallen am verdammt geilen Selbstbewusstsein, das ich gerade zum ersten Mal so richtig erlebe, ab. – So fühlt es sich also an, den Rock einfach zu tragen.

Ich bin zum Essen eingeladen. Am Limmatplatz warte ich auf den Bus, der mich zur Stadtgrenze führen soll. Hier passiert viel: Eigentlich recht bunt hier und den meisten ist’s irgendwie eh egal, was um sie herum passiert. Die Person, die mit mir auf der Bank sitzt, nascht genüsslich knallrote Erdbeeren aus einer Plastiktüte. Mit einer wohlwollenden Geste bietet sie mir einige davon an. Ich greife dankend zu. Sie mustert meine Beine und kommentiert: «C’est beautiful»Wir lächeln beide und schmatzen die süssen Früchte. – Wenn mensch strahlt, strahlt mensch zurück. Des Rockes wegen?

Mein Selbstwertgefühl steigert sich ins Unermessliche. Dieser Rock ist magisch, denk’ ich mir. Noch heute Abend bevor ich ins Bett gehe, werde ich ihn mit Sekundenkleber an meine Hüfte heften, denn dieses Gefühl darf nicht vorübergehen. Ich reflektiere den Tag auf dem Heimweg bis mir aus kurzer Distanz «Stirb, Schwuchtel!» zugerufen wird. «Stirb!» – Sekunde später liege ich niedergedrückt auf einer Eingangstreppe, mein Rucksack wird entleert und ich werde mit den Worten verabschiedet: «Jetzt weisst du was passiert, wenn du einen Rock anziehst».

Ich versuche zu übersetzten: Jetzt weiss ich, was passiert – ja, was passiert denn? Was? Ich werde wahrgenommen, Das ist mal das erste. Ich nehme mich selbst wahr. Wichtig. Denn erst jetzt kann ich schreien. Mit Worten und mit Stoffen. Die Gewalt muss nicht übersetzt werden, es ist die Freiheit, die nicht verstanden wird.

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