Der «Westen» sieht sich gerne als Vorreiter und Verteidiger von LGBT-Rechten. Aber ist das wirklich so?

Der gute, reiche, freie Westen?

  Balthasar, 23   Student aus Zürich  Illustration: Mia

Balthasar, 23

Student aus Zürich

Illustration: Mia

Man hört es immer wieder: Der Westen sei ein Hort des Fortschritts, des Friedens, des Wohlstands. Er sei Geburtsstätte und Verteidiger von aufgeklärten, freiheitlichen Werten – ganz im Gegensatz zum rückständigen Rest der Welt. Diesem liberalen Westen verdanke mensch auch seine LGBT-Rechte. Einflüsse, die diese Errungenschaften untergraben wollen, müssen wir abwehren!

Aber können wir diese Statements so stehen lassen? Sind LGBT-Rechte wirklich eine westliche Errungenschaft? Und warum ist es dem Westen überhaupt so wichtig, queer-freundlich zu sein? Nachfolgend ein Blick in die Geschichte.

Spoiler: Die Europäer_innen ruinieren alles!

Als erstes drehen wir das Rad der Zeit rund 140 Jahre zurück, zum Anfang der dritten Welle der Kolonialisierung, als viele europäische Staaten machtgierig die Welt wie einen Kuchen aufteilten. Dabei töteten Europäer_innen Millionen von Menschen und begingen unvorstellbare Grausamkeiten an den Kolonisierten. Im Kongo beispielsweise starben unter der eisernen Hand des belgischen Königs mehr als zehn Millionen Menschen.

Die Europäer_innen stahlen Rohstoffe und versklavten die Einwohner_innen der «entdeckten» Gebiete. Sie bereicherten sich auf blutigste Art und Weise an fremden Gütern. Dabei wurde viel Kultur zerstört und die Basis von vielen Konflikten gelegt. An deren Folgen leiden bis heute viele Menschen. Die Europäer_innen rechtfertigten die Gräueltaten durch die «primitive» und «unzivilisierte» Art der vorgefundenen «Lebewesen» – sie betrachteten die indigenen Bevölkerungen nicht als Menschen.

Der springende Punkt

In den kolonialisierten Gebieten fanden die Europäer_innen eine Vielzahl von Geschlechtsidentitäten und Sexualitäten vor, die teilweise offen gelebt und akzeptiert wurden. So war es etwa allbekannt, dass Mwanga der Zweite, der vor der Kolonialisierung über einen Teil des heutigen Ugandas herrschte, sich exklusiv zu Männern hingezogen fühlte. Ein weiterers Beispiel: Zeremonieller Sex mit Angehörigen des eigenen Geschlechts war in Teilen Afrikas im Rahmen der «spirituellen Wiederbewaffnung» gang und gäbe: Die Ndebele und Shona in Zimbabwe, die Azande im heutigen Sudan und im Kongo, die nigerianische Nupe und die Tutsi in Ruanda und Burundi erlangten so alle neue Kampfbereitschaft.

Das gefiel den Kolonialherren, die prüde religiöse Werte in sich trugen, gar nicht. Sie hielten Menschen mit queeren Geschlechtsidentitäten und Sexualitäten für unnatürlich, ihre «abweichende Art» wurde mit Gewalt unterdrückt. In vielen ehemaligen Kolonien stammen heutige homophobe Gesetzgebungen noch immer aus dieser Zeit. In anderen Ländern wurden solche Gesetze erst viel später eingeführt, als der Westen sich bereits für seine Queer-Freundlichkeit auf die Schultern klopfte. Diesmal wollten ehemals Kolonialisierte sich vom Westen abgrenzen, Unabhängigkeit und eigene Werte demonstrieren. Beides Mal hat es aber mit Kolonialismus zu tun.

W wie Westen, A wie «die Anderen»

«Der Westen» lässt Bilder einer Gemeinschaft mit gemeinsamen Werten in uns aufsteigen, von einem «Wir» und von «den Anderen». Die LGBT-Community wird heute als Teil des «Wirs» gesehen. Dem Westen wird die Befreiung von Falschsexuellen durch die Erschaffung von LGBT-Rechten zugeschrieben, als Befreier, als etwas Besseres. Wie wir gerade gesehen haben, trifft das nicht zu – an vielen Orten wurden queer-freundliche Haltungen vom «Westen» zerstört und müssen nun mühsam wiedererkämpft werden.

Ein «Wir» schliesst immer gewisse Personen aus und generiert ein «Die Anderen». Im «Westen» werden Falschsexuelle seit Neustem in dieses «Wir» eingeschlossen – ganz im Gegensatz zur Vergangenheit, als die LGBT-Gemeinschaft, wie etwa auch Angehörige des Judentums, jeweils zu den «Anderen» gezählt wurden.

Nationalisten dämonisieren also immer wieder neue, menschlich anscheinend weniger wertvolle Gruppen. Wir haben das Glück, dass wir heute nicht mehr dazu gehören. Aber der Mechanismus ist derselbe geblieben, es werden dafür andere ausgeschlossen. Der Zweck liegt stets im «Reinhalten» der Nation, die angeblich durch «die Anderen» bedroht wird.

Im aktuellen westeuropäischen Kontext zählen Muslim_Innen, Immigrant_ Innen, wie auch Flüchtlinge zu den Ausgeschlossenen. Das gilt auch für die Vereinigten Staaten – Donald Trumps Wahlkampagne argumentierte, die Falschsexuellen müssten vor dem «gewalttätigen» Islam beschützt werden. Der Anschlag auf den falschsexuellen Nachtklub «Pulse» sei eine «Attacke auf unsere westlichen Werte» gewesen.

Ein anderes Beispiel: Viele werfen dem israelische Staat vor, mit seinem Image als speziell LGBT-freundlicher Staat von seiner illegalen und gewaltsamen Besetzung der palästinensischen Territorien abzulenken und damit den Kampf gegen die «rückständigen» und «LGBT-feindlichen» palästinensischen politischen Kräfte zu rechtfertigen. Dass «der Westen» LGBT-Individuen beschützen möchte, hilft in diesem Zusammenhang natürlich nicht. Die symbolische Unterstützung bleibt weitgehend imaginär. Die nationalistischen «Verbündeten» wenden sich nach den Support-Statements in der Regel nämlich wieder ab. Israel behandelt die queere Palästinenser_innen nicht besser; diese leiden genauso unter der Besatzung wie der Rest der palästinensischen Bevölkerung.

Mensch kann guten Willens argumentieren, dass gewisse LGBT-Rechte in der jetzigen Form tatsächlich als erstes in Ländern des Westens etabliert wurden (wobei sich unter den Pionieren auch Länder wie Südafrika finden). Doch aus geschichtlicher Perspektive ist es falsch anzunehmen, dass «der Westen» Vorreiter bei der Akzeptanz einer Vielfalt von Geschlechtsidentitäten und sexueller Orientierung gewesen sein soll.

Es wäre absurd, wenn sich Falschsexuelle, die in der Vergangenheit vom «Westen» unterdrückt wurden, sich nun für die Unterdrückung und Ausgrenzung anderer Gruppen einspannen lassen würden. Wir haben die Pflicht, uns angesichts unserer eigenen Unterdrückung nicht für die Ausgrenzung Anderer einspannen zu lassen!

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