FANTASIEN KÖNNEN VIEL ÜBER UNS UND UNSERE IDENTITÄT AUSSAGEN.

  Lena, 20   Automatikerin aus Boningen

Lena, 20

Automatikerin aus Boningen

Sind Fantasien dazu da, uns kurzzeitig zu beflügeln – nur, damit wir danach doch wieder enttäuscht werden? Macht mensch sich Hoffnungen, die niemals wahr werden können? Nicht unbedingt: Es gibt Fantasien, die durchaus wahr werden und die uns antreiben können. Oder solche, von denen wir etwas über uns selbst lernen können.

Eine häufige Form der Fantasie ist die Sexfantasie. Daran ist gar nichts verwerflich, ganz im Gegenteil, es gehört einfach dazu. Viele Sexfantasien sind unrealisierbar oder haben zumindest nur geringe Chancen. Mensch kann aber auch aufgrund der vorkommenden Aktionen in solch einer Fantasie Rückschlüsse auf sich selbst ziehen.

Immer dann, wenn sich mensch zum Beispiel Sex mit einem Promi oder an einem sehr unüblichen Ort vorstellt, ist die Fantasie schwierig oder unmöglich realisierbar. Oft hat diese Unmöglichkeit einen zusätzlichen Reiz. Eine andere Form von Fantasie ist diejenige, die sich sehr echt anfühlt. Diese Fantasien können vorbereitend wirken, so dass mensch nach dem Fantasieren fast das Gefühl bekommt, etwas wirklich erlebt zu haben. Ein Beispiel dafür ist: Wer noch nie Sex hatte und sein_ihr erstes Mal akribisch durchdenkt, kann sich unter Umständen besser darauf vorbereiten, was bei ersten sexuellen Erfahrungen passieren könnte. Das kann helfen, sich auf Ungewohntes einzustellen. Natürlich können solche Fantasien nie zu hundert Prozent dem entsprechen, was einen erwarten wird. Aber immerhin wird mensch zu einem Teil geistig darauf vorbereitet, vergleichbar mit Sportler_innen, welche sich auf einen Kampf, einen Tanz, eine Abfahrt oder Ähnliches vorbereiten: Kurz bevor es ernst wird, gehen sie die Abläufe nochmals durch und stellen sich dabei die Handlung vor.

1989 stellte der Psychologe Ray Blanchard sein Modell zur Erklärung der Transidentität vor. Ein Teil seines Modells war die «Autogynphil- bzw. Autoandrophil-Transsexualität». Seine Theorie beschreibt das Phänomen, dass manche Menschen sich selbst während des sexuellen Akts oder auch bei der Masturbation nicht als ihr Geburtsgeschlecht, sondern als Angehörige_r eines anderen Geschlechts vorstellen. Das Wort Autogynophilie leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet übersetzt selbstfrauliebend und Autoandrophylie selbstmannliebend. Das bedeutet, dass sich zum Beispiel eine Person, der bei der Geburt das Geschlecht des Mannes zugeordnet wurde, vorstellt, in einer sexuellen Situation im Körper und der sozialen Rolle einer Frau zu sein – und umgekehrt.

Natürlich ist dies keine Kategorisierung, welche aussagen soll, dass jeder Mensch mit einer Trans*identiät automatisch solche Gefühle oder Fantasien hat. Auch bedeutet das nicht, dass jemensch, der_die sich so etwas vorstellt, eine Trans*identiät hat. Die Fantasie ist schliesslich ein wundersames und beinahe unverständliches Ding, das nur von dem betreffenden Menschen selbst – und manchmal nicht einmal von diesem – verstanden werden kann. Aber vielleicht beflügelt diese Fantasie jemenschen und regt dazu an, sich selbst besser kennenzulernen.

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