Trans*menschen sind so vielfältigwie Cismenschen. Ein paar Erfahrungen, wie ich zu mir selber fand.

Antonia, 47  Aus Baden

Antonia, 47

Aus Baden

Ich wuchs zusammen mit meinen Eltern und zwei Brüdern, also in einem etwas männlich dominierten Umfeld, auf. Wie alle spielte ich Fussball, und doch unterschied ich mich da von den anderen. Ich war kein guter Spieler und machte nicht mit, weil es mir Spass machte, sondern weil alle es taten. Lieber verbrachte ich die Tage im Sandkasten. Und wenn es die Mädchen zuliessen, schloss ich mich lieber ihnen an. Aber eigentlich gab es für mich keinen grossen Unterschied zwischen den Geschlechtern.

Gut mag ich mich erinnern, dass mir meine Mutter erzählte, sie habe vor meiner Geburt gedacht, ich werde ein Mädchen. Oder wie sie sagte: «An dir ist ein Mädchen verloren gegangen.» Aber auch daran, wie sie sich vorwurfsvoll fragte: «Was habe ich falsch gemacht?»

Ich ging gern zur Schule. Später waren wir eine der ersten Klassen, die wählen durften, ob wir den Handarbeitsunterricht oder das Werken besuchen wollten. Für mich war da sofort klar, dass ich nähen und stricken wollte und nicht mit der Säge Holz bearbeiten. Wenn ich heute Fotos aus dieser Zeit sehe, fällt mir auf, wie auffällig bunt ich mich kleidete.

In einer Zeit vor dem Internet

Das Internet gab es noch nicht. Literatur zum Thema Transsexualität bestenfalls auf Englisch. Trans*menschen wurde Schizophrenie oder Borderline diagnostiziert. Mein Interesse an Frauenkleidern, Kosmetika und Schmuck wuchs trotzdem. Über den beginnenden Bartwuchs freute ich mich hingegen weniger. So zog ich eines Tages im Zug mitleidige Blicke auf mich, nachdem ich mir zuvor aus Verzweiflung mit einem Rasierer das Gesicht blutig gekratzt hatte. Mit der Zeit begriff ich, dass mit Rasieren immer ein Bartschatten übrig bleibt, und ich begann mir die Haare zu zupfen. Irgendwann kaufte ich mir den ersten Epilierer, an die Reaktion des Verkäufers, der sich über mich lustig machte, mag ich mich noch gut erinnern.

Ohne Internet gab es auch keine Onlineshops. Es gab zwar diese Versandkataloge, die auf Wunsch nach Hause sandten. Meine Eltern hätten so aber etwas über meine Einkäufe mitgekriegt, was ich partout nicht wollte. Also blieb nichts anderes übrig, als direkt in den Geschäften einzukaufen. Anfangs ging ich möglichst weit weg von zu Hause und zu schlecht frequentierten Zeiten Kleider kaufen. Ich schlich mich durch die Gänge, als hätte ich mich in die Abteilung verirrt. Mein Herz klopfte, der Schweiss floss mir von der Stirn. Ich kämpfte mit mir selber: Soll ich es mir jetzt kaufen? Oder lasse ich es sein? Doch das Verlangen nach dem Rock, der kurz geschnit- tenen Hose, dem so viel schöneren Pullover als dem aus der Herrenkollektion war schliesslich grösser als die Scham. Also packte ich das Kleidungsstück, versicherte mich nochmals, dass mich niemensch erkannte und steuerte auf direktem Wege zur Kasse. Meist ist gar nichts passiert, aber ich weiss nicht, ob ich vor lauter Angst überhaupt etwas bemerkt hätte. Erinnern mag ich mich, wie mich eine Verkäuferin nach dem Bezahlen fragte: «Möchtest du einen Sack?» Spontan antwortete ich: «Nein, der stört mich im Moment mehr, als dass er mir nützt.» Wie zweideutig die Antwort war und dass ich nicht an eine Tasche, sondern an meine Geschlechtsteile dachte, realisierte ich erst, als ich das Geschäft längst wieder verlassen hatte.

Nicht immer, aber immer öfter

Ich freute mich jeweils auf die Fasnacht und die Street Parade, weil Menschen mit Frauenkleidern dort nicht auffielen. Das dachte ich zumindest. Meist war ich dann eher ein heulendes Elend, weil ich gerade dort realisierte, dass ich mich nicht verkleiden wollte. Nein, ich wollte einfach so sein, wie ich fühlte.

Ich wollte als Frau erkannt werden, nicht so tun als ob. Einfach eine Frau sein. Nicht grundlos wagte ich mich zuerst nur nachts «en femme» nach draussen. Es war und ist leider immer noch Realität, dass sich Betroffene schrägen Blicken, Beschimpfungen wie «Transe», «Schwuler», «Homo», «Schwuchtel» und dergleichen aussetzen, wenn sie sich in die Öffentlichkeit wagen. Manchmal gelang es mir, das alles zu ignorieren. Meist habe ich die Menschen gemieden und suchte stille Orte in der Natur. Gern ging ich im Jura wandern. Und ich fuhr mit dem Velo hunderte Kilometer quer durch die Schweiz. Unterwegs am Neuenburgersee rief mir einmal eine Frau entgegen: «Vous êtes très coura- geuse». Was vielleicht als Kompliment gemeint war, löste bei mir nur Angst aus, weil ich vor lauter Beschimpfungen vor jedem_r floh.

Glück im Unglück

Das Leben wurde so immer mehr zur Qual. Immer mehr zog ich mich zurück – weil das Bedürfnis, als Frau zu leben, immer stärker wurde, ich aber nicht wollte, dass irgendjemensch etwas bemerkte. 2002 starb dann meine Mutter an Krebs. Als ich etwas später einen wachsenden Knoten hinter meinem Ohr ertastete, war ich überzeugt davon, ich hätte kein langes Leben mehr vor mir. Bereit zu sterben, erzählte ich niemenschem davon. Nach über zehn Jahren ging es nicht mehr anders, der Tumor war inzwischen faustgross. Ich musste zum Arzt.

Es war Krebs. Es folgten drei Operationen. Doch ich hatte Glück, der Tumor war zwar invasiv in das umliegende Gewebe gewachsen, hatte sich aber im Körper nicht weiter ausgebreitet. Die starken Schmerzen, die grosse, nur langsam heilende Wunde am Kopf und die Angst davor, wie es jetzt weitergehen würde, stürzten mich in eine tiefe Krise. Ich landete schliesslich in der Psychoonkologie. Das erste Mal realisierte ich, dass ich immer wieder an Depressionen litt.

Eigentlich wollte ich nur wegen dem Krebs in die Therapie. Doch die Psychologin liess nicht locker, und nach etlichen Stunden begann ich dann über mein Gefühl, nicht im richtigen Körper zu sein, zu sprechen. Endlich war da jemensch, der ich mich anvertraute, die mir Verständnis entgegen brachte. Die mir zeigte, dass ich mich dafür nicht zu schämen brauche.

Ich fand Kontakt zu anderen Trans*menschen. Heute gehe ich gerne Kleider kaufen und ich fühle mich so was von falsch in der Herrenabteilung. Noch lebe ich ein Doppelleben, doch ich bin fest entschlossen, meinen Weg zu gehen.

Mein persönliches Fazit

Gestern wie heute gibt es Menschen mit Verständnis und solche, die Trans*menschen mit Hass und Ablehnung begegnen. Was sich verändert hat, ist die Fülle der Informationen, von Literatur übers Internet bis zu den Medien, die das Thema längst für sich entdeckt haben. Dank Organisationen wie TGNS oder der Milchjugend gibt es Orte, wo Menschen sich treffen und austauschen können und sich dabei sicher fühlen. Doch es braucht noch viel Aufklärung. Aber damit meine ich jetzt nicht sensationsgeile Bilder über gelungene und misslungene Operationen. Sondern Aufklärung darüber, dass es für uns keine Geschlechtsumwandlung, sondern eine An- passung an unser gefühltes Geschlecht ist. Oder dass die sexuelle Identität von Trans*menschen nichts mit ihrer sexuellen Präferenz zu tun hat.

 

 

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