Marian Lens führte von 1985 - 2002 die lesbisch-feministische Buchhandlung Artemys in Brüssel. Im Interview erzählt sie uns von dieser Zeit.

Im Jahr 1985 hast du die lesbisch-feministische Buchhandlung «Artemys» in Brüssel gegründet. Wie muss man sich die vorstellen? Ich nehme mal an ihr habt nicht nur Bücher verkauft...

  Laura, 29   Doktorandin aus Basel

Laura, 29

Doktorandin aus Basel

Mein Laden war in einer Einkaufsgalerie. Er hatte zwei Stöcke, der obere war nur für Frauen reserviert. Draussen gab es Ständer mit Postkarten und in den Schaufenstern Bücher und Fotos.

Ich hatte ein grosses Angebot an Büchern in verschiedenen Sprachen. Es gab damals auch viel, überall entstanden lesbische und feministische Verlage. Ich habe sehr viel gelesen. Die Leute kamen gerne, weil sie mit mir über die Bücher, die sie gekauft hatten, diskutieren konnten. Manchmal kam jemand und hat mich gefragt «Marian, ich habe das überhaupt nicht verstanden, was meinst du dazu?».

Anfang der 1980er gab es in Brüssel nicht viele Orte für Lesben. Die Community existierte fast nur nachts, in Hinterzimmern, die Informationen bekam man nur unter der Hand, manchmal hiess es, klingle da und da, der dritte Knopf von unten. Und ich? Ich habe ein Projekt am helllichten Tag aufgezogen, mit einem riesigen Schaufenster, mitten in der Stadt. Vielen Leuten hat das Angst gemacht und sie wollten, dass ich die Fenster zuklebe.

Der Buchladen ist schnell zu einem zentralen Ort für Lesben geworden. Man konnte andere Frauen treffen, sich austauschen und Informationen bekommen. Ich hatte ein Heft mit Adressen von allen lesbischen Orten und Dingen, die es gab. Die Leute deponierten bei mir ihre Visitenkarten, ich konnte alles vermitteln, von der lesbischen Künstlerin bis zur Handwerkerin.

Viele Frauen kamen zu mir, weil sie in einer Krise steckten. Ich habe jeden Tag etwa zwei Stunden damit verbracht, mit Kundinnen zu reden und zu erklären, dass sie nicht abnormal sind. Ich wusste auch, welche Psycholog_innen und Ärzt_innen nicht homophob waren, da musste man wirklich aufpassen, damals wurden ja noch viele Leute in Kliniken eingewiesen, weil sie homosexuell waren. Einmal habe ich ein lesbisches Mädchen aufgelesen, die von ihren Pflegeeltern auf die Strasse gesetzt wurde, weil sie «so» war. Das war sehr riskant für mich, weil das Schutzalter für gleichgeschlechtliche Sexualkontakte noch höher war.

Wir hatten verschiedene Selbsthilfegruppen, unter anderem eine zur weiblichen Sexualität, da haben wir uns zum Beispiel die Klitoris angeschaut. Viele wussten gar nicht, was es mit der auf sich hatte, niemand hat davon geredet. Ausserdem haben wir uns für gesetzliche Änderungen eingesetzt , Kurse an Schulen und Universitäten gegeben und immer wieder die Medien kontaktiert, damit sie etwas über Lesben schreiben. Wir haben wirklich Tag und Nacht gearbeitet.

Der Buchmarkt war schon damals sehr schwach, es haben fast nur grosse Unternehmen überlebt. Es war finanziell immer sehr schwierig. Ich habe zum Beispiel am Anfang lange keinen Kredit bekommen, weil ich mein Projekt als lesbisches Non-Profit -Unternehmen definiert habe. Aber es hat eine ganze Weile lang funktioniert. Wenn wir kein Geld bekommen haben, waren wir halt kreativ. Ich habe wahnsinnig viel Werbung gemacht, und bald wurde ich überallhin eingeladen, in Belgien und ins Ausland. Ich bin herumgefahren und habe meine Bücher an Ständen verkauft. Wir haben auch viele Partys gemacht, die haben Geld gebracht. Und natürlich Literatur- und Diskussionsabende.

Wie ist es dazu gekommen, dass du die Buchhandlunggegründet hast?

Es hatte zwar zuvor in Brüssel schon zwei feministische Buchhandlungen gegeben, eine französische und eine niederländische, aber die hatten kaum lesbische Titel geführt, man fand vielleicht ein oder zwei Bücher. Wie viele feministische Projekte zu dieser Zeit hatten sie irgendwie Angst vor Lesben.

Ich habe Soziologie studiert, habe mich gegen vieles aufgelehnt und wollte die Welt verändern (lacht). So hat man das damals gesagt, «die Welt verändern». Ich war zuerst in der Linken aktiv, das war aber sehr hierarchisch und die Frauen hatten keinen Platz. Ich habe da und dort Fetzen aufgeschnappt, dass die Vorherrschaft der Männer nicht selbstverständlich sei und dass wir das nicht mehr wollen. So war das damals im katholischen Belgien: Im Gegensatz zu Frankreich und den USA waren lesbische Feministinnen noch nicht richtig organisiert, aber die Ideen waren da und sie waren wütend.

Während ich studiert habe, hat die erste feministische Buchhandlung in Brüssel aufgemacht, und ich habe mir da sofort Bücher gekauft. Aber irgendwie fand ich die zu konservativ, die Leute dort meinten, man soll nicht zu sehr kritisieren, es gäbe ja auch nette Männer und so weiter. Wie soll man so eine politische Analyse machen? Diese Generation hat noch gedacht, dass wir Frauen einfach Anerkennung brauchen, und dann würde sich die Welt schon ändern. Heute klingt das vielleicht naiv, es reicht ja nicht, einen guten Abschluss zu haben und gut auszusehen, um beruflich Erfolg zu haben. Aber es gibt ja auch heute noch Frauen, die daran glauben.

Die Generation kurz danach – meine Generation – hat die Krise zu spüren bekommen. Als ich mit der Uni fertig war, gab es kaum Arbeit. Bei mir kam noch dazu, dass ich von meinen Professoren viel Gegenwind bekam. Meine Abschlussarbeit trug den Titel «Perspectives d’analyse de l’idéologie de la différence comme fondement de l’hétéropatriarchat ». Schon nur das Wort « Patriarchat » zu benutzen, hat viele Leute aufgescheucht. Aber dann auch noch die Heteronormativität infrage zu stellen! Das war neu. Normalerweise kommen zur Präsentation der Abschlussarbeit drei Professoren. Bei mir waren es 13! Alle wollten sich dieses «revolutionäre Gedankengut» anhören. Sie waren fasziniert, aber sehr aggressiv und feindselig. Ich wollte doktorieren, aber mein Professor hat mir gesagt, dass er mich mit diesem Thema nicht unterstützen würde. In Paris oder London hätte es zwar progressivere Leute gegeben, aber ich hatte kein Geld, dort hinzufahren.

Am Anfang war es für mich schwierig, das zu akzeptieren, aber ich habe dann recht schnell mit Artemys angefangen. Mein Plan war, Bücher zu schreiben, sodass ich irgendwann als Vortragende an die Uni eingeladen werde. Ich wollte ausserdem einen Beruf haben, in dem ich mich vollständig meinem Ziel widmen konnte, die Welt zu verändern. Also musste ich meinen eigenen Job kreieren.

Welche Leute haben deinen Laden besucht?

Am Anfang sind vor allem Lesben gekommen. Aber die Postkarten draussen und die Fotos in den Schaufenstern haben auch andere Menschen angezogen. Manchmal sind Grossmütter reingekommen, weil sie eine Karte kaufen wollten, und haben erst später gemerkt, dass es ein lesbischer Buchladen ist. Mit einigen kam ich ins Gespräch und sie sind wiedergekommen. Viele mochten den Ort einfach, weil er so offen und künstlerisch war, und er hat generell kritische und alternative Leute angezogen.

Was waren eure Anliegen? Wofür habt ihr gekämpft?

Ich wollte die Meinungen der Leute ändern. Denn erst wenn du in den Köpfen der Menschen etwas änderst, kannst du die Gesellschaft verändern. Mein Slogan war «Bücher zu verkaufen bedeutet, Ideen zu verkaufen».

Ich war wirklich sehr radikal, als ich mit 20, 21 mit meinem Aktivismus angefangen habe. Meine erste Gruppe nannte sich «Le Féminaire» und bestand aus Lesben, die sich als «revolutionäre Feministinnen» verstanden, ein Ausdruck, der damals sehr in Mode war. Ich habe mich sehr dafür eingesetzt, dass wir unsere lesbische Identität stärken und sichtbarer machen, so haben wir uns in «Les Lesbianaires» umbenannt. Wir haben die Heterosexualität als soziale Konstruktion infrage gestellt und analysiert, wie sie Frauen unterdrückt. Wir fanden prinzipiell, dass der Zwang, eine Frau oder ein Mann zu sein, eine Zumutung ist.

In die Statuten meiner Buchhandlung habe ich geschrieben, dass die Buch- handlung von Lesben geführt wird, also nicht einfach von Frauen, sondern von Lesben. «Lesbe» – das war für uns ein Kampfbegriff. Und um Mitglied zu sein, musste man eine Frau sein. Das hat natürlich viele Leute ein bisschen geschockt und verärgert, einige warfen mir vor, Männer zu diskriminieren. Aber wir haben halt einfach gemacht, was wir wollten. Männer durften in den ersten zwei Jahren gar nicht in den Buchladen, später nur ins Erdgeschoss. Der Grund dafür war, dass wir so auch Polizisten den Einlass verweigern konnten. Ich habe ausführlich die Gesetze studiert und mich für diese Lösung entschieden. Die Polizei war damals sehr aggressiv gegen Lesben und Schwule und hat immer wieder unsere Veranstaltungen und Feste gesprengt.

Wie haben eigentlich damals junge Falschsexuelle Informationen und eine Community gefunden? So ganz ohne Internet?

Es gab eigentlich nur die Mund-zu-Mund-Propaganda. Man musste aktiv danach suchen. Auf dem Land war es schwierig, man musste schon nach Brüssel gehen, um etwas zu finden. Die Buchhandlung und unsere dreimal jährlich erscheinende Zeitung «Artemys» hat dabei eine wichtige Rolle gespielt. Bei uns sind alle Fäden zusammengelaufen, ich konnte immer Tipps geben.

Wir hatten für vieles Geheimcodes, meistens Ausdrücke, die ein bisschen zweideutig waren, so dass man im Notfall die Unwissende spielen konnte. Zum Beispiel «ein Ort für Frauen» oder «Frauenliebe» – da weiss man ja erstmal nicht, ist da einfach die Liebe einer Frau für irgendjemanden gemeint?

Du bist schon sehr lange Aktivistin. Was hat sich in denJahren verändert?

Es hat sich Vieles verändert, zum Positiven wie zum Negativen. Es gibt lange nicht mehr so viele lesbisch-feministische Projekte wie in den 1980ern. Jetzt erst wo ich dir von damals erzähle, fällt mir wieder auf, wie viel wir damals gemacht haben.

Heute kommen viele Gesellschaftsanalysen von der Uni. Wir hätten uns niemals von einer solchen elitären Institution etwas vorschreiben lassen! Was heute die Professor_innen erzählen, das haben wir schon viel früher gesagt und geschrieben, aber in der Bewegung, nicht in der Uni. Ich finde es schade, dass das nicht anerkannt wird.

Auf den lesbischen Stadtrundgängen, die ich anbiete, merke ich aber, dass die jüngeren Leute sehr interessiert sind. Sie wollen alles wissen, vor allem über die Konflikte. Das ist neu für mich, früher hatte niemand Lust, über sowas Anstrengendes zu reden. Die junge Generation stellt alles infrage und ist sehr kritisch.

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