Dieses Mal: Sein erstes Mal

Erzählt von Henrik aus Zug

Seit ich denken kann, habe ich Beziehungen mit Menschen geführt, die mehr wussten als ich. Sei es, weil sie mehr Verantwortung trugen, spezialisiert auf ein Thema waren oder ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hatten. Ich dagegen war immer der junge Unwissende, der mit ihnen lernt und erfährt. Natürlich hatte ich auch meine Wissensspektren, aber wenn ich ehrlich bin, mochte ich es, mich anzulehnen und zu vertrauen. Nicht die Verantwortung zu übernehmen und mich einfach treiben zu lassen. Manche Menschen können sich dabei auf dich einlassen, sie verstehen deine Entdeckungslust und deine Verantwortungsscheue. Andere hingegen ziehen einfach ihr Ding durch und wenn du nicht mithältst, bleibst du auf der Strecke. Bis du irgendwann aus ihrem Schatten herausspringst und dich behauptest.

Doch mit diesem einen Menschen, damals, war ich nicht der Unerfahrene, der lernt. Ich war auch nicht der Erfahrene, der sein Ding durchzieht. Ich war derjenige, der ihn in meine Welt einführte; der seine Ängste ernst nehmen und verjagen durfte. Ich übernahm etwas, dem ich zuvor aus dem Weg gegangen war und es fühlte sich gut an.

Während dem Erkunden seines Körpers, währendem ich ihm näherbrachte, wie er meinen erkunden konnte, wurde es ruhig in mir. Und friedlich. Ungewohnt. Normalerweise fühle ich mich bei sexuellem Körperkontakt seltsam triebgesteuert. Ein anderes Ich kommt hervor und holt sich was es braucht. Der Orgasmus steht im Vordergrund und das Küssen bekommt eine merkwürdige Dringlichkeit. Unwohl fühle ich mich dann zumeist, aber erst hinterher. Schmutzig und unmenschlich.

Aber damals, in meinem Bett, mit ihm um 6 Uhr morgens nach einer abenteuerlichen Nacht; damals lag keine Dringlichkeit in der Luft. Ich erkundete seinen Körper, ich war fasziniert und angezogen zugleich. Natürlich war ich erregt, aber es spielte keine Rolle. Es war gar nicht so wichtig, denn es ging nicht um mich. Es ging nicht um meine Triebe, meine Erfahrungen. Sondern nur um ihn. Ich wollte ihn nicht überfordern; ich überliess es ihm zu erkunden, tasten, horchen. Es ging auch nicht darum, einen Höhepunkt zu erreichen. Es ging um die gemeinsame Reise und ich fühlte mich gross und klein zugleich. Erfahren und seltsam unerfahren, als hätte ich sowas noch nie gemacht. Körperkontakt. Als wäre dieser Moment auch mein erstes Mal, einen Menschen zu berühren und zu erforschen.

Als wir nach gefühlten 3 Stunden Erkunden aufstanden und Frühstück machten, war ich so glücklich wie selten zuvor. Ich merkte, wie ein Höhepunkt nur ein Nebenprodukt einer schönen Verbindung ist. Ich merkte, wie ich jeden Menschen neu entdecken kann, wenn ich es nur will. Ich merkte, wie mensch einfach offen sein muss. Ich liess meine Lust einfach mal links liegen und ich küsste ihn noch einmal, bevor ich ihn losliess. Denn sein Weg führte ihn woanders hin als mich. Und so gehen wir beide unsere Wege, nicht wissend, ob wir jemals wieder eine gemeinsame Reise erleben werden.

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