Alle freuen sich schon aufs lila. Doch woher kommt dieser Nameund welche Bedeutung hat er für uns?

Cyril, 18   Student aus Bassersdorf

Cyril, 18

Student aus Bassersdorf

Bald schon ist das lila., unser bisher grösstes, tollstes und glitzerigstes Projekt. Drei Tage voller Musik, tollen Menschen und wenig Schlaf. Doch wieso heisst das lila. eigentlich so? Um diese Frage zu beantworten, benötigt es eine klitzekleine historische Szene: Dutzende Pärchen, jung und alt, schlendern durch die laue Nacht Berlin Schönebergs. Nachtklubs, Bars und Restaurants glitzern vor sich hin und laden ein, einzutreten. Viele der Pärchen sind nicht Mann und Frau, son- dern Mann und Mann, Frau und Frau und alles dazwischen.

Eine Szene, welche das heutige Berlin beschreiben könnte. Tatsächlich fand sie aber schon vor über neunzig Jahren statt. Im Berlin der Zwanzigerjahre erlebten Falschsexuelle eine wahre – wenn auch nur kurze – Blütezeit. Nachdem Ersten Weltkrieg herrschte in liberalen Zirkeln plötzlich eine neue Offenheit gegenüber falschsexuellen Menschen, die von Wissenschaft, Musik und Kunst mit Freude aufgenommen wurden. Auch eine gewisse öffentliche Akzeptanz war vorhanden. Angepöbelt auf der Strasse oder in den Bars, wie es zu dieser Zeit in fast der ganzen westlichen Welt üblich war, wurde mensch selten. Auch Polizeirazzien auf queere Lokale waren eine Rarität.

Ein eigenes Institut

Viele der damaligen Fortschritte wurden durch das 1919 gegründete «Institut für Sexualwissenschaften» vorangetrieben. Das war eine Organisation, welche sich nicht nur mit Biologie, Medizin und den frühen Gender Studies befasste, sondern sich auch stark sozialpolitisch engagierte. Der Gründer des Instituts, Magnus Hirschfeld, hatte sich schon ab Ende des 19. Jh. als einer der ersten im europäischen Raum offen (und auch relativ erfolgreich) für Falschsexuelle eingesetzt. Schon früh hatte er erkannt, dass auch unter widrigsten Bedingungen effektive Kämpfe zur Befreiung von Falschsexuellen geführt werden können. Ganz nach dem Motto «per scientiam ad iustitiam — Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit», organisierte er Sensibilisierungsarbeit, lieferte rechtliche Hilfe vor allem für die damals besonders stark stigmatisierten Trans*-Menschen und kreierte mit seinem Institut einen rechtlich geschützten und finanziell abgesicherten Rahmen, in dem queere Menschen sich kulturell und akademisch ausleben konnten.

Unsere Hymne

Aber was hat das alles nun mit unserem Festival zu tun? Nun, wir Falschsexuellen hatten während dieser Zeit sogar eine Hymne! Nämlich das Lila-Lied. Komponiert von Mischa Spoliansky, einem Filmmusikkomponisten und Freund Hirschfelds, ist es ein hoffnungsvolles und kämpferisches, aber auch etwas trauriges Lied. Ein Lied, in dem es um den Traum auf eine bessere Zukunft geht. Ein Lied, das voraussagt: «Dann haben wir das gleiche Recht erstritten, wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten!» Es war eines der ersten deutschsprachigen Lieder, das sich emanzipatorisch und offen mit Falschsexualität befasste und in weiten Kreisen bekannt war – es war nicht im geringsten unüblich, dieses Lied im Radio zu hören.

Doch leider währte diese Tauwetterperiode nicht sehr lange. Bald machte dann schon die braune Flut alles das zunichte, was 15 Jahre Wissenschaft, Toleranz und Lebensfreude zu schaffen vermochten. Am 3. März 1933, nur wenige Wochen nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, wurden die vierzehn bekanntesten falschsexuellen Treffpunkte Berlins teils gewaltsam geschlossen.

Aus der Geschichte lernen

Doch genau dem wollen wir mit dem Namen gedenken. Wir wollen die Erinnerung an diese fröhliche, viel zu kurze und unbeachtete Zeit hochleben lassen. Es muss festgehalten werden, dass der Kampf der Falschsexuellen in der westlichen Welt um Akzeptanz eine enorm lange, spannende und komplexe Geschichte hat, die keineswegs mit Stonewall anfing. Zu wissen, was in der Vergangenheit passiert ist, kann uns animieren, unsere heutigen Kämpfe kompromisslos und stolz weiterzuführen, so dass wir auch in Zukunft noch behaupten können: «Und dennoch sind die meisten stolz, dass sie von ander’m Holz!»

 

Das lila Lied

Was will man nur? Ist das Kultur, daß jeder Mensch verpönt ist, der klug und gut, jedoch mit Blut von eigner Art durchströmt ist, daß grade die Kategorie vordem Gesetz verbannt ist, die im Gefühl bei Lust und Spiel und in der Art verwandt ist? Und dennoch sind die meisten stolz, daß sie von anderm Holz! Wir sind nun einmal anders, als die andern, die nur im Gleichschritt der Moral geliebt, neugierig erst durch tausend Wunder wandern, und für die's doch nur das Banale gibt. Wir aber wissen nicht, wie das Gefühl ist, denn wir sind alle andrer Welten Kind; wir lieben nur die lila Nacht, die schwül ist, weil wir ja anders als die andern sind. Wozu die Qual, uns die Moral der andern aufzudrängen? Wir, hört geschwind, sind wie wir sind, selbst wollte man uns hängen. Wer aber denkt, daß man uns hängt, den müßte man beweinen, doch bald gebt acht, es wird über Nacht auch unsre Sonne scheinen. Dann haben wir das gleiche Recht erstritten, wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten. Wir sind nun einmal anders.

Comment