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Dezember 2016

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DER JUGEND ERSTE MALE

Dieses Mal: Mit Rock raus

Erzählt von Lotti Viril, 17, aus Zürich

Der lustlose Blick in den Kleiderschrank. Tagtäglich, immer wieder: Ich führe den Kampf zwischen «mich schön fühlen» und «mich sicher fühlen». Heute bin ich mutig, heute will ich schön sein – natürlich. Ja, natürlich sollte es sein, dass mensch sich wohl und sicher gleichzeitig fühlt. Sollte, aber geht halt nicht, weil Hass und Angst Gesichter des Alltags sind. Der harmlose Akt des Bekleidens wird für mich in solchen Momenten zu einem ausweglosen Streitgespräch zwischen Vernunft und Emotion, bei dem Letztere meistens gewinnt.

Hmm, wie wäre es wohl, den Rock da anzuziehen, ihn zu tragen als wär’s nichts Besonderes? Szenarien in Pastell bis Dunkelgrau schiessen mir durch den Kopf. Behutsam steige ich in einen langen, schwarzen Rock mit Seitenschlitz bis übers Knie und noch bevor sich das Elaste um meine Taille schmiegen kann, liegt die Vernunft K.O. – Wow, der erste Triumph. Das passiert also wenn ich den Rock einfach anziehe.

Entgegen meiner Erwartung stolziere ich durch den wöchentlichen Flohmarkt an der Kanzleistrasse: wenige Blicke, ein überraschtes Grinsen hier, ein irritiertes Stirnrunzeln da. Die negativen Impulse prallen am verdammt geilen Selbstbewusstsein, das ich gerade zum ersten Mal so richtig erlebe, ab. – So fühlt es sich also an, den Rock einfach zu tragen.

Ich bin zum Essen eingeladen. Am Limmatplatz warte ich auf den Bus, der mich zur Stadtgrenze führen soll. Hier passiert viel: Eigentlich recht bunt hier und den meisten ist’s irgendwie eh egal, was um sie herum passiert. Die Person, die mit mir auf der Bank sitzt, nascht genüsslich knallrote Erdbeeren aus einer Plastiktüte. Mit einer wohlwollenden Geste bietet sie mir einige davon an. Ich greife dankend zu. Sie mustert meine Beine und kommentiert: «C’est beautiful»Wir lächeln beide und schmatzen die süssen Früchte. – Wenn mensch strahlt, strahlt mensch zurück. Des Rockes wegen?

Mein Selbstwertgefühl steigert sich ins Unermessliche. Dieser Rock ist magisch, denk’ ich mir. Noch heute Abend bevor ich ins Bett gehe, werde ich ihn mit Sekundenkleber an meine Hüfte heften, denn dieses Gefühl darf nicht vorübergehen. Ich reflektiere den Tag auf dem Heimweg bis mir aus kurzer Distanz «Stirb, Schwuchtel!» zugerufen wird. «Stirb!» – Sekunde später liege ich niedergedrückt auf einer Eingangstreppe, mein Rucksack wird entleert und ich werde mit den Worten verabschiedet: «Jetzt weisst du was passiert, wenn du einen Rock anziehst».

Ich versuche zu übersetzten: Jetzt weiss ich, was passiert – ja, was passiert denn? Was? Ich werde wahrgenommen, Das ist mal das erste. Ich nehme mich selbst wahr. Wichtig. Denn erst jetzt kann ich schreien. Mit Worten und mit Stoffen. Die Gewalt muss nicht übersetzt werden, es ist die Freiheit, die nicht verstanden wird.

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SINNBILDER DES BEGEHREN

FANTASIEN KÖNNEN VIEL ÜBER UNS UND UNSERE IDENTITÄT AUSSAGEN.

Lena, 20   Automatikerin aus Boningen

Lena, 20

Automatikerin aus Boningen

Sind Fantasien dazu da, uns kurzzeitig zu beflügeln – nur, damit wir danach doch wieder enttäuscht werden? Macht mensch sich Hoffnungen, die niemals wahr werden können? Nicht unbedingt: Es gibt Fantasien, die durchaus wahr werden und die uns antreiben können. Oder solche, von denen wir etwas über uns selbst lernen können.

Eine häufige Form der Fantasie ist die Sexfantasie. Daran ist gar nichts verwerflich, ganz im Gegenteil, es gehört einfach dazu. Viele Sexfantasien sind unrealisierbar oder haben zumindest nur geringe Chancen. Mensch kann aber auch aufgrund der vorkommenden Aktionen in solch einer Fantasie Rückschlüsse auf sich selbst ziehen.

Immer dann, wenn sich mensch zum Beispiel Sex mit einem Promi oder an einem sehr unüblichen Ort vorstellt, ist die Fantasie schwierig oder unmöglich realisierbar. Oft hat diese Unmöglichkeit einen zusätzlichen Reiz. Eine andere Form von Fantasie ist diejenige, die sich sehr echt anfühlt. Diese Fantasien können vorbereitend wirken, so dass mensch nach dem Fantasieren fast das Gefühl bekommt, etwas wirklich erlebt zu haben. Ein Beispiel dafür ist: Wer noch nie Sex hatte und sein_ihr erstes Mal akribisch durchdenkt, kann sich unter Umständen besser darauf vorbereiten, was bei ersten sexuellen Erfahrungen passieren könnte. Das kann helfen, sich auf Ungewohntes einzustellen. Natürlich können solche Fantasien nie zu hundert Prozent dem entsprechen, was einen erwarten wird. Aber immerhin wird mensch zu einem Teil geistig darauf vorbereitet, vergleichbar mit Sportler_innen, welche sich auf einen Kampf, einen Tanz, eine Abfahrt oder Ähnliches vorbereiten: Kurz bevor es ernst wird, gehen sie die Abläufe nochmals durch und stellen sich dabei die Handlung vor.

1989 stellte der Psychologe Ray Blanchard sein Modell zur Erklärung der Transidentität vor. Ein Teil seines Modells war die «Autogynphil- bzw. Autoandrophil-Transsexualität». Seine Theorie beschreibt das Phänomen, dass manche Menschen sich selbst während des sexuellen Akts oder auch bei der Masturbation nicht als ihr Geburtsgeschlecht, sondern als Angehörige_r eines anderen Geschlechts vorstellen. Das Wort Autogynophilie leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet übersetzt selbstfrauliebend und Autoandrophylie selbstmannliebend. Das bedeutet, dass sich zum Beispiel eine Person, der bei der Geburt das Geschlecht des Mannes zugeordnet wurde, vorstellt, in einer sexuellen Situation im Körper und der sozialen Rolle einer Frau zu sein – und umgekehrt.

Natürlich ist dies keine Kategorisierung, welche aussagen soll, dass jeder Mensch mit einer Trans*identiät automatisch solche Gefühle oder Fantasien hat. Auch bedeutet das nicht, dass jemensch, der_die sich so etwas vorstellt, eine Trans*identiät hat. Die Fantasie ist schliesslich ein wundersames und beinahe unverständliches Ding, das nur von dem betreffenden Menschen selbst – und manchmal nicht einmal von diesem – verstanden werden kann. Aber vielleicht beflügelt diese Fantasie jemenschen und regt dazu an, sich selbst besser kennenzulernen.

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VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN – SIBYLLE BERG (2012)

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VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN – SIBYLLE BERG (2012)

Jov_in, 20   Praktikant*in aus Zürich

Jov_in, 20

Praktikant*in aus Zürich

Kein Mädchen und kein Junge, der Kopf zu rund, die Beine zu lang, die Stimme zu hoch. Toto hat Pech, könnte mensch meinen. Pech, das hässlich ist. Das Pech, das nur durch den Ekel der Gesellschaft existieren kann. Der Ekel, der das Andere als abnormal darzustellen versucht.

Im Roman «Vielen Dank für das Leben» schickt Sibylle Berg ein ganz eigenartiges Wesen von Osten nach Westen, von der Armut in den Reichtum, von der Vergangenheit in die Zukunft. Überall tönt dieselbe Melodie in Totos Ohren: Die Symphonie des Hasses und des Ausgrenzens.

1966 aus dem Dunst des Alkohols entstanden, in der Ausweglosigkeit eines grauen Staates, in dem den Menschen Elend und Hass als Grundnahrungs- mittel serviert wird, beginnt das jämmerliche Leben eines_r Held_in, der_die so gar keine_r sein kann.

Toto aber ist es. Die unendlichen Gemeinheiten und der Sadismus, die Toto widerfahren, prallen an Toto ab wie Wasser an lackiertem Blech. Toto kennt nichts anderes und deshalb ist Toto froh, überhaupt zu sein. Eine unvorstellbare Provokation für all jene, die sind wie sie sein sollen und somit eigentlich nur frustriert sein können. Im Kinderheim wurde Toto misshandelt, von der Gastfamilie ausgenutzt, von ihrem Liebhaber vergiftet und die letzten Worte einer Frau, die Toto beim Sterben begleitete, waren: «Geh weg, du ekliger Freak.» Toto aber grinst – beim Singen, bei Freude, Mitleid, Traurigkeit, Vergewaltigung und Atomkatastrophen. Das Grinsen als Geste einer sehnsüchtigen Hoffnungslosigkeit verliert Toto nie. Es ist das einzige, um das sie_ihn niemand berauben kann. Das Andere kann unmöglichen hassen, wenn dies der ganze Rest bereits ununterbrochen tut. Ein furios geschriebenes Plädoyer für Andersartigkeit, das zeigt, dass wir dem Anderen zuliebe anders sein müssen.

 

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LES AMOURS IMAGINAIRES (HERZENSBRECHER) – XAVIER DOLAN (2010)

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LES AMOURS IMAGINAIRES (HERZENSBRECHER) – XAVIER DOLAN (2010)

Luzia, 19  Buchhändlerin aus Zürich

Luzia, 19

Buchhändlerin aus Zürich

„Wenn ich in der Liebe einen Blick verlange, so ist es zutiefst unbefriedigend und ein immer schon verfehltes, dass du mich nie da erblickst, wo ich dich sehe“, zitiert der blondgelockte, gut aussehende Junge, tritt aus dem Buch- laden und überlässt die Protagonisten ihren überdrehten Gedanken. Das ist eine der eher sporadisch vorkommenden Szenen, in denen in Xavier Dolans zweitem Meisterwerk, 'Les Amours Imaginaires', tatsächlich gesprochen wird. Sentimental ist dieser Film, und manchmal schwer nachvollziehbar, ein Strudel aus Emotionen, Farben und Stimmungen.

Dolan ist gerade einmal 27 Jahre alt, schwul und der Shooting Star an Kanadas Kinohimmel. Seine Filme sind intensiv, farbenfroh und kommen nie zur Ruhe.

Gefühle unter der Lupe

Die Situation: Bei einer Party lernen Marie (Monia Chokri) und Francis (Xavier Dolan) Nicolas (Niels Schneider), einen leichtfüssigen Adonis, kennen und verlieben sich beide in ihn. Über Monate hinweg führt der Film uns durch eine problematische Dreiecksbeziehung, in der keine_r der Involvierten be- reit ist, die eigenen Gefühle preiszugeben. Dabei ist ein roter Faden in der Geschichte zweitrangig, sie wird eher locker durch Bilder und Schauplätze erzählt. Dafür protzt der Film mit ungewöhnlichen Stilmitteln, Zeitlupe und Farbfilter werden gejagt von Strobo und plötzlich eingeblendeten Bleistift- zeichnungen und machen den Film zu einem einzigen Musikvideo. Dazwischen sind da noch die wunderschönen Interviews, in denen namen- lose Mittzwanziger von ihren romantischen Fiaskos erzählen und damit die Dreiecksbeziehung in der Hauptstory in einen Kontext setzen.

Dolan will das reine, unverfälschte Gefühl der Verliebtheit aus seiner Materie lösen und es den Zusehenden unter die Haut spritzen, sie zwingen, die eigenen Erfahrungen nochmals zu durchleben.

Der Regisseur macht Filme für die Leute seiner Generation, Filme, die sich mit starken Gefühlen und Eskapismus beschäftigen und deren Charaktere noch mit dem Leben zu kämpfen haben, zu jung, um Fuss zu fassen. Sie werden nie bei der Arbeit dargestellt, viel eher in schicken Kleidern vor Theatern, in Bars und in Landhäusern, gern mit einer Zigarette in der Hand. Dass dies manchen nur ein Gähnen entlocken mag, ist nachvollziehbar. Was Dolan aber geschafft hat, ist, die überlebensgrossen Gefühle der Oper fürs Kino salonfä- hig zu machen. Und das macht ihm so schnell niemensch nach.

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Fragestunde

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Fragestunde

In letzter Zeit höre ich immer wieder den Begriff «Pan» beziehungsweise «Pansexuell». Was ist der Unterschied zwischen Pan und Bi – oder bedeuten beide dasselbe? Luca (17)

 

Lieber Luca

Nein, die Begriffe pan- und bisexuell beschreiben nicht dieselbe Orientierung. Bisexuelle Menschen fühlen sich zu beiden Geschlechtern hingezogen. Bisexualität setzt Zweigeschlechtlichkeit voraus (bi=beide), beschreibt also die sexuelle Anziehung zu beiden binären Geschlechtern, wobei dieses natürlich nicht 50:50 sein muss. Pansexuelle Personen unterscheiden in ihren Präferenzen nicht zwischen binären Geschlechtern, sondern fühlen sich potenziell zu allen Formen von Geschlechtsidentität hingezogen (pan=alle), also zum Beispiel auch zu genderqueeren Personen. Daneben gibt es auch noch den Begriff polysexuell: Gemeint ist die Anziehung zu manchen Geschlechtsidentitäten (also inklusiver als bi) aber nicht zu allen (exklusiver als pan), wobei poly=viele beutetet.

Auch wenn es sicherlich gut tut für die eine oder andere Form der Anziehung einen Begriff bereit zu haben, solltest Du Dir dennoch nicht zu viele Gedanken darüber machen, ob Du mit deiner eigenen Sexualität in eine bestimmte Kategorie passt. Schließlich ist Sexualität und Anziehung (übrigens auch romantische) vielfarbig, vielschichtig und muss nicht immer definiert werden.

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Fragestunde

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Fragestunde

Einer meiner Freunde hat sich vor kurzem als asexuell geoutet, nun weiss ich nicht, was das genau ist. Ich habe im Internet ge- lesen, es sei eine psychische Störung. Der Freund ist sich aber sicher, dass er nicht krank ist und ihm nichts fehlt.

Bitte helft mir weiter. Sarina (18)

 

Liebe Sarina,

Was du mir erzählst, ist leider ein hartnäckiges Ammenmärchen. Asexuelle Menschen sind nicht psychisch gestört; es ist einfach so, dass manche Menschen nur wenig oder gar keine sexuelle Lust spüren – ebenso wie sich manche Menschen nur von dem einen oder dem anderen, nur von manchen oder von allen Geschlechtern sexuell angezogen fühlen.

Ein weiteres Klischee ist auch, dass asexuelle Menschen nicht in der Lage wären eine Beziehung zu führen. Sexualität und Romantik (also Verliebt-Sein) sind aber zwei verschiedene Dinge. Dies bedeutet, dass eine asexuelle Person nicht gleich aromantisch sein muss. Das heisst, sie wünscht sich vielleicht eine Beziehung und manchmal auch körperliche Nähe, aber keinen Sex.

Zu guter Letzt: Es hilft asexuellen Menschen oft, wenn sie nicht dauernd mit ihrer Sexualität konfrontiert werden. Frag sie also nicht unnötig aus, solange sie nicht von selbst über diese Thematik zu sprechen beginnen.

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Cis-Schwule solidarisiert euch!

 
Ruben, 31   Lehrperson aus Baden

Ruben, 31

Lehrperson aus Baden

«Wie, Ihr arbeitet mit den Lesben zusammen?» Schlagartig war ich mindestens genauso erstaunt, wie der Herr aus einer Schwulenorganisation, der mir vor zehn Jahren diese Frage stellte. Ein Freund und ich präsentierten gerade unsere neue lesbischwule Schülerinnen- und Schülerorganisation. Offenbar wirkte es damals progressiv, sich in einer gemischtgeschlechtlichen Gruppe zu engagieren. Dass der gemeinsame Kampf von Schwulen und Lesben überhaupt hinterfragt werden könnte, war mir dermassen fremd, dass sich die Erinnerung an diese Frage bis heute hält. Ich konnte mir auch keinen vernünftigen Grund vorstellen, weshalb die Trennung der Lesben- und Schwulenorganisation Sinn machen könnte. (Das Transgender Network gab es noch nicht.)

Unterdessen bin ich schlauer geworden. Während ich früher von einer Fusion der Dachverbände überzeugt war, erkenne ich heute: Es ist enorm wichtig, dass es mit LOS und dem TGNS eigenständige Organisationen für lesbische Frauen und eine für Transmenschen gibt, die nicht von uns Cis-Schwulen dominiert werden. Trotzdem möchte ich aber an Pink Cross appellieren: Bleibt Schwulen-Organisation, aber solidarisiert Euch und öffnet Eure Vereinsziele.

Männliche Privilegien sind schwule Privilegien

Als Cis-Männer sind wir gegenüber Frauen* in unserer Gesellschaft vielfältig privilegiert. So reden Männer* z.B. häufiger einfach drein und ergreifen das Wort. Frauen* werden hingegen eher zur Zurückhaltung erzogen und trauen sich weniger zu. Unsere Welt ist männerdominiert, und das ist in der queeren Community leider nicht anders. Eher im Gegenteil. Daher ist es wichtig, dass mit der LOS eine starke Stimme für Frauen* immer präsent bleibt und Frauen* einen Raum bietet. Aber auch innerhalb der Schwulenorganisation brauchen wir mehr Rücksichtnahme auf die Stimmen, die vielleicht nicht so laut sind.

Geld ist Macht

Diese Privilegierung zeigt sich auch in den grösseren finanziellen Mittel von Pink Cross gegenüber der LOS oder dem TGNS. Ob dies (auch) eine Aus- wirkung der Lohnungleichheit von Frauen und Männern ist oder mit den Formen typisch männlichen Netzwerkens zusammenhängt, darüber lässt sich streiten. Wahrscheinlich nehmen wir Schwule es jedoch auch lockerer mit unserer Mitgliedschaft beim Verband, während eine potentielle Mitfrau für die LOS wiederum genauer überlegt. «Bin ich mit der Arbeit und den Positionen der LOS einverstanden? Finde ich den Mitfrauenbeitrag zu hoch?» Wer mehr Macht und Mittel hat, kann sich leichter bemerkbar machen. Wir Schwule kämpfen um Gleichstellung und Anerkennung in der Gesellschaft. Doch was können wir tun, damit wir mit unserer Stärke nicht andere sexuelle Orientierungen oder Geschlechtsidentitäten unsichtbar machen?

Teilt eure Macht!

Ich wünsche mir, dass Pink Cross seine Ziele anpasst. Mit unseren Ressourcen und unserem Einfluss können wir mehr, als nur für homosexuelle Cis-Männer zu kämpfen. Solidarisieren wir uns und teilen unsere Mittel mit den anderen!

Natürlich müssen wir uns untereinander austauschen, die Probleme und Bedürfnisse der anderen kennenlernen. Natürlich kann ich auch als Individuum versuchen, weniger zu mansplainen. Und ich korrigiere Menschen, die für jemensch ein falsches Pronomen verwenden.

Doch als finanziell stärkste Organisation haben wir mit Pink Cross eine besondere Verantwortung gegenüber den anderen Verbänden. Es muss unser Ziel und Wille sein, diese wahrzunehmen. Darum, liebe 2200 Pink Cross Mitglieder, teilt Euer Geld mit den anderen Falschsexuellen. Solidarisiert Euch!

 

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Mit Strapsen und Burlesque-Show zum Sieg

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Mit Strapsen und Burlesque-Show zum Sieg

Bereits zum dritten Mal suchte der Heaven Club in Zürich die beste Drag Queen des Landes. Sechs Kandidatinnen kämpften mit Lipsync, Tanz und fabulösen Kostümen um die Krone.

Philipp, 22   Zivildienst

Philipp, 22

Zivildienst

Odette Hella’Grand begeisterte mit ihrer stilvollen Performance sowohl die Jury wie auch das Publikum und wurde von der letztjährigen Gewinnerin Vicky Goldfinger zur Miss Heaven 2016 gekrönt. Wir trafen Odette Hel- la’Grand kurz nach ihrem Sieg am 24. September.

Guten Abend Odette, wie geht es Dir nach der Krönung?

Hervorragend, wenn auch ein bisschen gestresst. In diesem Jahr wird Vie- les auf mich zukommen. Aber hauptsächlich bin ich überglücklich!

Alexander, 21   Indogermanistik Student*

Alexander, 21

Indogermanistik Student*

Wie hast Du Dich auf den Auftritt an diesemAbend vorbereitet?Hartes Training – da ich mich erst seit kurzem mit Drag befasse. Ich habe mich besonders mit alten Filmklassikern wie Der Blaue Engel, Cabaret, Vic- tor/Victoria auseinandergesetzt. Anschliessend habe ich aus dieser Epoche passende Musik ausgewählt und dazu dann eine Choreographie entwickelt. Zwei bis vier Stunden täglich für ein paar Wochen, mit und ohne High Heels, um sicherzustellen, dass auch alles klappt. Das Make-Up entstand dann wegen Zeitmangel im Auto von Basel nach Zürich (lacht).

Wie waren die Proben im Vorfeld?

Ich bin nur einmal ins Heaven gereist, damit die Organisator_innen sehen konnten, was ich drauf habe. Sonst habe ich zuhause geprobt, dann gab es kurz eine Generalprobe im Neumarkt Theater, und dann stand ich auch schon auf der Bühne.

Wer war deine grösste Konkurrenz?

(lacht) Wenn ich so zurückdenke, dann war es Mia mit ihrer Adele-Perfor- mance, sie macht ja auch schon länger Drag und dann Ali Scha, die tolles Make-up hatte und auf der Bühne ihre Perücke wechselte.

Wie lange machst Du selber schon Drag?

Seit Januar habe ich als Maskottchen von Break the Chains bei der AIDS-Hil- fe gelernt in Heels zu gehen und wie ich mich verhalte, wenn ich in Drag auftrete. Aber angefangen ernsthaft Drag zu machen, habe ich erst in diesem Jahr nach dem Drag Race in der Gay Ski-Week in Arosa. Da habe ich gewon- nen und von da an habe ich mich mit Travestie auseinandergesetzt.

Hattest Du noch Auftritte ausserhalb dieses Rahmens?

Bis Mai war ich wie gesagt Mitarbeiterin bei der AIDS-Hilfe. Unter anderem trat ich bei Queens of the Night und mehrheitlich in kleinen Schwulenbars in Basel auf und dann kam schon das Heaven Drag Race.

Wie beschreibst Du deinen Stil?

Da ich Travestie als Kunstform sehe und Liza Minneli eines meiner grossen Vorbilder ist, habe ich Burlesque-Elemente, Pelz und Glitzer eingebaut. Es war ein gewagter Schritt für mich, in Strapsen dort oben zu stehen!

Wo sieht man Dich demnächst?

Dass ich jedes Wochenende in Zürich anzutreffen sein werde, wird relativ schwierig, da ich in Basel zuhause bin. Doch sicherlich werde ich dieses Jahr ab und zu im Heaven sein. Was im Zusammenhang mit dem Sieg alles auf mich zukommen wird, ist noch nicht ganz sicher, denn ich bin ja gerade frisch gekürt worden.

Was sind deine Ziele in deinem Amtsjahr?

Ich habe nicht damit gerechnet, zu gewinnen. Ich möchte diese Verant- wortung nutzen, um Menschen zu unterhalten, sie aber gleichzeitig zum Nachdenken herauszufordern. Ich möchte gesellschaftliche Grenzen über- schreiten und den Menschen einen Spiegel vor das Gesicht halten.

Ich möchte nicht nur ein Aushängeschild fürs Heaven sein (lacht).

Wäre es denn für Dich vorstellbar, mit Drag durchzustartenund davon zu leben?Ich bin hier eher Realistin. Die Travestieszene in der Schweiz ist dafür zu klein. Wenn es aber doch so kommen sollte, dann würde ich mich natürlich auf Drag fokussieren. Diese Erwartung habe ich aber nicht. Wenn ich aber mithelfen kann, gewisse politische Botschaften zu transportieren, reicht mir das.

Welche Tipps kannst Du jungen Menschen auf den Weg geben, die auch Drag machen wollen?Ich glaube, mensch muss unterscheiden, ob man Drag spasseshalber und zur Unterhaltung anderer machen will, oder ob mensch Travestie machen will und sich mit der Kunstform intensiv auseinandersetzen möchte. Tra- vestie wird ja noch heute in unserer Szene belächelt. Es wird behauptet, dass du halt ein Mann bist, der sich gerne als Frau verkleidet oder gar gerne eine sein möchte. Das Letztere stimmt nicht und das interpretieren viele Leute falsch. Aber denen, die sich für diese Kunstform begeistern können, rate ich, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Wie sieht die Gesichte aus, was hat Drag un- serer Community gebracht, wer waren die grossen Künstler_innen vor uns. Jede_r soll aber das machen, was er_sie gern macht. Mensch muss glück- lich damit werden, also go for it!

Wer sind denn deine Vorbilder und/oderliebsten Dragmenschen?Sicherlich Liza Minelli als Schwulenikone, natürlich Julie Andrews in Victor/ Victoria, Bianca del Rio weil sie ihre Kunst als Gesellschaftskritik nutzt. Ich find sie super deswegen. Das heisst zwar nicht, dass ich genau wie sie sein möchte, aber ich will mithelfen die Geschlechterrollen zu demontieren.

Was für Reaktionen erfährst du, wenn du ausserhalbder Community unterwegs bist?Es ist ganz unterschiedlich. Einige sind begeistert, finden es cool und laden dich zu Events ein. Dann gibt es andere, die dir vor die Füsse spucken. Körperlich angegriffen worden bin ich bis jetzt aber noch nicht. Das könnte auch an meiner Grösse liegen.

Wieso denkst du, hört mensch nicht so viel von Dragkings?

Ich weiss es nicht, da bin ich überfragt. Es ist vielleicht eine Kunstform, die nicht so weit verbreitet ist. Es kann auch sein, dass sie auftreten, aber einfach an den Orten an denen wir nicht feiern.

Selber kenne ich nur wenige, vielleicht zwei, die sich ab und zu als Männer verkleiden.

Am Heaven Drag Race sind meines Wissens nur Drag Queens erlaubt. Das heisst, Drag Kings oder Faux-Drags (das sind Frauen die ein übertriebe- nes Frauenbild darstellen) sind nicht zugelassen. Ich hätte nichts dagegen, wenn sie auch teilnehmen dürften. Trotzdem ist es die Sache der Veranstal- ter_innen. Vielleicht ändert sich ja auch die Popularität der Drag Kings in den nächsten Jahren.

Was willst du unseren Leser_innen noch auf den Weg mitgeben?

Macht, was ihr möchtet und wobei ihr euch wohl fühlt, so findet ihr auch euer Glück.

Auf Englisch klingt das alles besser: Stay true to yourself and keep finding happiness in you. Egal wer mensch ist und was mensch tut, das ist die Quintessenz.

 

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Nichtgeschlechtsverkehr

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Nichtgeschlechtsverkehr

Bei erogenen Zonen denken die Meisten nur an Geschlechtsteile, dabei gibt es so viel mehr: eine Erkundungstour.

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Sandro, 29   Ingenieur

Sandro, 29

Ingenieur

Gründe zum Spielen mit den erogenen Zonen abseits der primären und sekundären Geschlechtsteile gibt es viele: Du sehnst dich nach Intimität und Berührungen, hast aber keine Lust auf Sex. Ihr fühlt euch miteinander verbunden, aber noch nicht genug für Geschlechtsverkehr. Du willst Spass, ohne dir Gedanken zu machen bezüglich sexuell übertragbarer Krankheiten oder Verhütung. Ihr wollt euer Vorspiel intensiver gestalten, euch einfach etwas Gutes tun oder mehr über eure Körper lernen.

Die erogenen Zonen sind bei jedem Mensch verschieden – dies ist zugleich eine Herausforderung wie auch eine riesige Chance! Im Allgemeinen sind erogene Zonen dort, wo viele Nervenenden sind. Weitere gute Kandidaten sind nur knapp unter der Haut liegende Knochen und grosse Muskelgruppen. Welche Berührungen ihr an diesen Stellen mögt, kann sehr unterschiedlich sein. Vom sanften Streicheln mit nur einem Finger über Kratzen mit den Nägeln, mit wenig oder viel Druck, Kneifen, Lecken oder Beissen: Schlussendlich führt kein Weg am Ausprobieren vorbei. Grosse Muskelpartien sind nahezu unverwüstlich und vertragen ein kräftiges Zugreifen. Bei Knochen und Gelenken solltest du aber vorsichtig sein, dort kann es leicht wehtun. Auch bei der Länge der Bewegungen gibt es Varianten, von kleinen lokalen Streicheleinheiten bis Rückenkratzen über die gesamte Länge der Wirbelsäule vom Haaransatz bis unter die Pobacken.

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Falls ihr (mindestens) zu zweit seid, gebt euch Rückmeldungen. Geschlossene Augen, der leicht geöffnete Mund, ein kräftiger Atemzug kombiniert mit einem «Ah» oder «Oh» oder Gänsehaut am ganzen Körper sind zwar Zeichen, aber ein konkretes «ja, genau dort!» oder «weniger Fingernägel» kann nie schaden. Du kannst auch jederzeit nachfragen: «Ist das gut so?» und «Magst du das?»

Auch bei der Stellung gibt es viele Varianten, welche sich je nach Körperteil mehr oder weniger eignen. Bei gegenseitigen Interaktionen an Kopf, Hals und Rücken ist es eine gute Option, sich einander gegenüber aufs Bett zu knien, da alle vier Arme zur Verfügung stehen. Für einseitige Streicheleinheiten kann eine Person auf den Bauch liegen und einfach geniessen, während sich der_die Andere_n der gesamten Rückseite von oben bis unten widmen.

Ich werde hier von Kopf bis Fuss erläutern, wo du am besten anfängst zu suchen. Diese Empfehlungen sind zum Teil stark subjektiv. Sehr wahrscheinlich gibt es an deinem Körper ganz andere, völlig unerwartete Stellen, welche sich super anfühlen – also nach dem Abarbeiten dieser Liste nicht aufhören, sondern weitersuchen! Und noch etwas: lasst euch gaaanz viel Zeit dabei. Es gibt nichts Unentspannteres als nervöse, hastige Bewegungen.

Beim Kopf kannst du kaum etwas falsch machen, da ist alles voller Nerven. Ganz besonders empfehlenswert sind die Lippen (eventuell vorher den Finger mit etwas Speichel anfeuchten) und der gesamte Haaransatz. Je nach Haarlänge kannst du dich in einen Büschel Haare verkrallen und leicht daran ziehen. Manche mögen Berührungen an den Ohren: Mit dem Finger hinter dem Ohr oder durch die Ohrmuschel durchfahren, das Ohr kneifen, am Ohrläppchen ziehen oder sogar leicht zubeissen. Bei den Knochen sind der Kiefer bis unter die Ohren und die oberen Wangen gute Kandidaten.

Weiter geht es mit dem Hals. Hier solltest du eher vorsichtig sein, da zu kräftiger Druck am Kehlkopf und den Halsschlagadern schnell schmerzhaft sein kann. Leichtes streicheln und vorsichtiges Knabbern auf allen Seiten kommt aber fast immer sehr gut an.

Die Schultern haben einen knochigen Teil (Schultergelenke, Schlüsselbein) und einige oft verspannte Muskeln. Falls du massieren kannst, darfst du gerne kräftiger zugreifen. Lange, zusammenhängende Streichelbewegungen von den Schultern bis hinauf ins Gesicht oder in die Haare sind ein guter Versuch.

Die Arme sind vor allem auf der Innenseite sensibel. Der eigentliche Geheimtipp sind aber die Hände – mehr Nerven haben wirklich nur die Geschlechtsteile. Halte die Hand mit der Handfläche zu dir und streichle mit den Fingern ganz leicht über die Handfläche und die Finger, danach zwischen den Fingern. Stecke deine Finger ganz zwischen den Fingern der anderen Person durch und fahre in alle Richtungen. Auf dem Handrücken machst du weiter, falls es kitzelt, nimmst du mehr Nägel zu Hilfe. Nimm die Fingerspitzen in deine Hand und drücke sie etwas zusammen oder ziehe leicht daran.

Beim Torso sind der gesamte Rücken inklusive Pobacken und die Seiten von der Hüfte bis hinauf zu den Achseln eine Empfehlung, mit einem speziellen Hinweis auf den seitlichen Brustansatz. Der obere Rücken ist dank dem Brustkorb und starken Muskeln sehr robust, hier kannst du richtig fest drücken; der Übergang zu einer Massage ist sowieso fliessend. Die Pobacken ertragen auch einiges, hier kannst du sogar den Ellenbogen oder das Knie zu Hilfe nehmen für mehr Druck. Auf der Vorderseite sind die Brustwarzen, welche bei vielen Männern erogener sind als gemeinhin angenommen. Achtung, sie können sehr empfindlich sein oder bei entsprechender Behandlung schnell überreizt werden. Bei Gefallen kannst du kräftig kneifen und daran ziehen oder vorsichtig reinbeissen.

An den Beinen gibt es nicht so viele Nerven, aber dafür umso grössere Muskeln. Besonders die Wade lässt sich sehr gut greifen: Fasse möglichst viel davon mit einer Hand und drücke etwas zu, während du mit den Fingernägeln der anderen Hand die angespannte Haut kratzt, oder mit dem Daumen den Grenzen der einzelnen Muskelgruppen entlang fährst.

Ein weiterer Geheimtipp sind die Füsse, welche ebenfalls sehr viele Nerven haben. Dies kann schon oberhalb des Knöchels beginnen. Im Grossen und Ganzen empfiehlt sich ein ähnliches Vorgehen wie bei den Händen, mit dem Unterschied, dass die Ferse und der Fussballen wegen der sehr dicken Haut stärkere Stimulation ertragen. Punktuell starker Druck ist für den Fuss kein Problem und ergibt eine ausgezeichnete Fussmassage.

Das Empfinden all dieser Berührungen hängt immer von der Tagesform ab. Es lohnt sich also, ab und zu wieder neue Körperstellen auszuprobieren; vielleicht kommen sie ja plötzlich besser an als in der Vergangenheit. Ausserdem können die Empfindungen mit einfachen Spielzeugen variiert werden, zum Beispiel mit einer Feder oder einem Eiswürfel. Mit einer Augenbinde oder sogar einem Gehörschutz kann der Berührungssinn stärker in den Vordergrund gerückt werden.

Und nun wünsche ich euch viel Spass beim Erkunden und Geniessen!

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Intersex im Sport

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Intersex im Sport

BEI OLYMPIA TRETEN FRAUEN GEGEN FRAUEN AN UND MÄNNER GEGEN MÄNNER. WAS, WENN PLöTZLICH EIN MENSCH AUS DEM RAHMEN FÄLLT?

Natalia, 23   Studentin aus Zürich

Natalia, 23

Studentin aus Zürich

Die Welt des Spitzensports ist ein hartes Pflaster. Ein Pflaster, auf dem sich Athlet_innen mit hartem Willen und noch härteren Körpern messen. Auf dem eben diese Körper von unterschiedlichen Prüfungskommissionen ge- nau unter die Lupe genommen und von Tausenden von Fernsehzuschauern penibel beäugt werden.

Für Gesprächsstoff sorgte an der diesjährigen Olympiade in Rio der Fall der südafrikanischen Leichtathletin Caster Semenya. Die 25-Jährige gilt als Intersex: Ihr Testosteronwert ist dreimal so hoch wie derjenige ihrer Mit- streiterinnen, dreimal so hoch wie der von 99% der als weiblich geltenden Population. Ein anderer geläufiger Begriff dafür ist hyperandrogyn. Testos- teron steigert den Muskelaufbau, die Schnelligkeit und Leistungskraft. Es wird als Grund aufgeführt, Sport nach Männer- und Frauensport zu trennen. „Klarer Wettbewerbsvorteil!“, schrien Medien und die üblichen Verdächti- gen, als Semenya diesen Sommer bei den 800m in Rio Gold erlief. Sofort wurden Stimmen laut, die forderten “nur richtige Frauen dürften bei den Frauen mitlaufen” – alles andere sei Doping. Semenya ist nicht gedopt, ihr Körper IST einfach so. Muss ihr deswegen der Zugang zum Spitzensport verweigert werden? Soll die Intersexfrau aufgrund ihrer Hormonwerte bei den Cis*-Männern mitrennen oder soll ihr die Teilnahme am Spitzensport gar gänzlich verwehrt werden?

Vor etwas über einem Jahr fällte der Sportgerichtshof CAS in Lausanne den in der Branche umstrittenen Entscheid, dass hyperandrogyne Athletinnen bei den Wettkämpfen für Frauen teilnehmen dürfen, ohne ihre Testosteron- werte künstlich senken zu müssen. Das ist neu, und für Caster Semenya sehr erfreulich: Nachdem sie bei den olympischen Sommerspielen in Berlin 2009 Weltmeisterin über 800m geworden war, wurde der Vorwurf laut, die,

im Vergleich zu ihren Mitstreiterinnen deutlich kräftigere, 18-Jährige sei “gar keine richtige Frau”. Semenya musste sich einem sogenannten “Weiblich- keitstest” unterziehen, der ihre erhöhten Testosteronwerte zum Vorschein brachte. Fortan durfte Semenya nur noch mit künstlich gesenkten Werten an den Start gehen.

Der Entscheid des CAS scheint lobenswert und progressiv, doch nicht alle sind damit einverstanden: Zwar kommt Intersexualität statistisch nur bei einer von 20.000 Frauen vor, unter Hochleistungssportlerinnen ist der re- lative Prozentsatz jedoch vergleichsweise hoch. Gerade im cis-normativen Leistungssport-Establishment kommen diesbezüglich Fragen auf: Manche befürchten, dass als Folge der neuen Gesetzeslage in Zukunft gezielt In- tersexfrauen für gewisse Sportarten rekrutiert werden. Einige Cis-Sportle- rinnen und deren Management fühlen sich im Hinblick darauf vor unfaire Wettbewerbsbedingungen gestellt.

Einen Weg zur allseitigen Befriedung hat bisher auch der CAS nicht gefun- den. Wohl auch, weil der Fall von Caster Semenya und der darauf basie- rende Entscheid nur die Spitze des Eisbergs ist: Darunter liegen Fragen, die viel tiefer gehen als auf die Hormonebene. Es sind grundsätzliche Fragen nach rigiden Kategorien im Sport, nach Normierung und vor allem danach, was Fairness überhaupt bedeutet in einer binär aufgeteilten Welt, in der es manche Privilegierte scheinbar immer noch vorziehen, Inter- und Transmen- schen einfach auszuschliessen, anstatt neue, integrative Wege zu begehen.

*“Cis“ meint Menschen, die im selben Geschlecht leben, wie sie geboren sind. Das Gegenteil davon ist Trans*.

 

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Ich rede ganz selten über Sex

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Ich rede ganz selten über Sex

Erika Knoll ist seit elf Jahren Geschäftsführerin der Condomeria im Zürcher Niederdörfli. Was sie da alles erlebt, erzählte sie Milusch und Tobi in ihrem Laden.

Selfie: Erika Knoll

Selfie: Erika Knoll

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Tobi: Wie ist es eigentlich zur Condomeria gekommen?

Tobi, 22   Student aus Zürich    Fotos: Cora

Tobi, 22

Student aus Zürich

Fotos: Cora

Erika: Die Condomeria ist in den Achtzigerjahren entstanden, als HIV ein grosses Thema und vieles noch unklar war. Kondome gab es damals nur als Nebenprodukt in der Apotheke. Deshalb ist die Condomeria entstanden.

Milusch: Wie bist du an diesen Laden geraten?

Erika: Heinz, der die Condomeria gegründet hat, ist ein extrem guter Freund von mir, seit immer und ewig. Ich habe in der damaligen Zeit angefangen, Safe Sex-Workshops für Frauen* zu machen, weil das unter den Frauen* und Lesben nicht so ein Thema war – und doch haben auch Frauen* und Lesben Vorgeschichten wie Drogenkonsum oder eine heterosexuelle Ver- gangenheit. Durch diese Workshops hatte ich immer mit der Condomeria zu tun. Ich war nicht von Anfang an dabei, aber immer wieder... und seit elf Jahren bin ich Geschäftsführerin.

Tobi: Was antwortest du den Leuten, wenn sie fragen, wo du arbeitest?

Erika: In der Condomeria.

Tobi: Sehr gut.

(alle lachen)

Milusch: Was gefällt dir besonders an deiner Arbeit?

Milusch, 27   Chemiker aus Zürich

Milusch, 27

Chemiker aus Zürich

Erika: Was mir extrem gefällt, ist, dass es hier kunterbunte Menschen hat. Einerseits vom Alter her, welches von kichernden Zwölfjährigen bis zu meiner meines Wissens ältesten Kundin reicht, die 84 Jahre alt ist. Die Leute hier sind extrem verschieden, Männer*, Frauen*, hetero, gay, einfach alles, und es macht mir ungeheuer Spass.

Tobi: Bekommst du auch Widerstand zu spüren?

Erika: Nein, da haben wir überhaupt kein Problem. Ich glaube, es herrscht in der Nachbarschaft eine gewisse Akzeptanz. Sehr selten sind die Schaufenster bespuckt. Aber solche Aktionen sind wirklich, wirklich selten. Gelegentlich finden Leute draussen den Laden igitt und eklig. Oder Mütter, die ihre Kinder wegreissen vom Schaufenster, anstatt kindergerecht kurz etwas dazu sagen. Aber massiven Widerstand erfahren wir nicht.

Milusch: Haben sich die Kund_innen über die Jahre verändert oder sind sie etwa gleich geblieben?

Erika: Ich glaube, die Situation hat sich verändert. Eure Generation ist mit Safer Sex und Prävention aufgewachsen. Bei meiner Generation war alles neu und die Informationen waren kunterbunt; Küssen sei ansteckend, hiess es zum Beispiel. Mensch hat es nicht gewusst. Heute ist eine andere Selbst- verständlichkeit da: dass es HIV gibt, genauso wie es Schwangerschaften oder Tripper geben kann. Davon abgesehen ist auch eine Entwicklung bei den Spielsachen zu beobachten: Es gibt schöne, sinnliche Toys. Da sind die Leute sicher offener geworden.

Tobi: Wie meinst du das, die Spielsachen seien schöner geworden?

Erika: Ein heutiger normaler Vibrator ist nicht mehr der fleischfarbene, geäderte Penis von schlechter Qualität, den die wenigsten Frauen schön finden. Es sind edle, nahezu Lifestyle-Produkte geworden.

Milusch: Kommt es oft vor, dass du intimere Gesprächemit Kund_innen führst?

Erika: Ja, ganz klar ja. Weil es halt ein kleiner Laden ist, ist mensch oft zu zweit. Das ist sehr persönlich. Einerseits haben wir ein gutes, fundiertes Wissen, sodass das Gespräch weiter gehen kann als in einem klassischen Sex- shop. Ich frage auch nach und die Leute erzählen viel. Ein weniger lustiges Beispiel sind Krebspatientinnen, die eine verengte Vagina haben und diese weiten. Ich weiss relativ viel darüber, merke es relativ schnell und frage nach. Die Frauen sind dann erleichtert und sagen, was sie brauchen. Ich kriege aber auch Beziehungsgeschichten mit. Ich muss allerdings ganz klar sagen: Ich rede ganz selten direkt über Sex.

Milusch: Du sagst, du sprichst in der Regel nicht direkt über Sex. Aus Prinzip?

Erika: Ich berate zu Kondomen und Gleitmittel und Sextoys. Aber ich bin keine Sexberaterin. Natürlich gibt es Grenzbereiche, aber das bestimme ich mit: Erzähle ich etwas mehr oder nicht? Erkläre ich zum Beispiel, wo der ominöse G-Punkt ist? Aber grundsätzlich rede ich in dieser Form nicht über Sex. – Es klingt so komisch, wenn ich das hier drin sage.

 

 

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Falschsexualität im Unterricht

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Falschsexualität im Unterricht

Anna, 18  Schülerin aus Zürich

Anna, 18

Schülerin aus Zürich

Aufgeklärt sind wir. Schliesslich nahmen wir es in der Schule durch: Penis plus Vagina ergibt Babys. Mensch kann die Babys notfalls auch mit einem Kondom verhindern. Zumindest ist das so ungefähr das, was uns zusammen mit einigen biologischen Details in der Schule beigebracht wird. Viel mehr nicht. Ich wurde zweimal „aufgeklärt“, weiss, wie ein Zyklus funktioniert und wie Sperma produziert wird und ja, ich weiss sogar, wie ein Kondom angewendet wird. Das ist schön und gut, das ist wichtig, aber dass das nicht alles sein kann, ist klar. Alles, was nicht in die rein biologische Juhu-wir-pflanzen-uns-fort-Idee passt, wird vernachlässigt. Ja, wir haben in der Schule über Geschlechtskrankheiten gesprochen und wie sie übertragen werden und das ist definitiv richtig, aber es ist nicht genug. Wir haben nie über andere sexuelle Orientierungen als Heterosexualität gesprochen, sie könnten genauso gut nicht existieren. Oder über Gender und Gendernonkonformität. Nicht einmal ganz grundlegende Dinge wie Konsens wurden erwähnt.

Homo- und Transphobie entstehen dort, wo Unwissenheit herrscht. Unwissenheit ist der Nährboden für Vorurteile und dass Angst vor dem „Unbekannten“ zu nichts Gutem führt, sieht mensch ja auch in der aktuellen Flüchtlingspolitik. Es gibt Schulen, an denen Schulbesuche von queeren Aufklärungsgruppen (wie GLL oder ABQ) organisiert werden. Aber erstens geht es dabei nur um die sexuelle Orientierung und dabei wird dann auch nur auf Homo- und Bisexualität fokussiert. Zweitens wird ein solcher Schulbesuch längst nicht allen Schüler_innen zugänglich gemacht, nur an einigen Schulen bei einigen Lehrer_innen. Und das ist nicht okay. Wenn mensch in die Schule geht, dann ist mensch dort, um ein breites, objektives Wissen vermittelt zu bekommen und alle Schüler_innen haben das Recht darauf, den gleichen Zugang zu Wissen über Falschsexualität zu erhalten! Wir müssen beginnen, an den Schulen über sexuelle Orientierungen und Genderidentitäten zu sprechen. Und wir müssen dafür sorgen, dass das nicht ein Zusatz ist, der an einigen guten Schulen bei einigen guten Lehrpersonen erhältlich ist. Es kann nicht sein, dass wir uns unser Wissen über Falschsexualität und Gender von YouTube holen müssen.

Was wir brauchen, ist ein Platz in der Schule, der uns garantiert wird. Ob uns die Schulen versprechen, Schulbesuche zu organisieren oder ob wenigstens sonst ein Paar "basic facts" über Falschsexualität und Gender vermittelt werden, ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass jetzt etwas geschieht, das alle Schüler_innen erreicht. Es geht nicht nur darum, falschsexuellen Schüler_innen Zugang zu Wissen zu verschaffen, das ihnen hilft und Sicherheit gibt, sondern auch darum, dass Cis-Hetero-Schüler_innen etwas über Falschsexualität und Gender wissen, damit es ihnen nicht fremd vorkommt und damit sie nicht bloss in Stereotypen, die uns ja überall in den Kopf gepflanzt werden, denken.

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Ein Wochenende voller Liebe, Glitzer und Aktivismus

AM 3. NOVEMBER WAR ES WIEDER SOWEIT. EINES DER HIGHLIGHTS UNSERES MILCHJUGEND-JAHRES HATTE BEGONNEN: DIE MILCHREISE.

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Lou, 20   Student_in aus Zürich

Lou, 20

Student_in aus Zürich

Siebzig junge queere Menschen reisten an die Milchreise und wurden am Bahnhof Aarburg von einem fröhlichen und mit Regenbogenflaggen ausgestatteten Empfangsteam begrüsst.
In unserem Wochenendlager bezogen die Teilnehmenden Zimmer, dekorierten Räume, begrüssten die langjährigen Bewohner_innen der Milchjugend-Welten und lernten Neue kennen. Alle schrieben Namen und Pronomen auf ihre Namensschildchen, die die anderen mit einer in der restlichen Welt leider unbekannten Selbstverständlichkeit respektierten und benutzten.
Die Milchreise stand dieses Jahr ganz im Zeichen der Intersektionalität: Nach einem Vortrag über Queer-History und verschiedenen Grundlagen- workshops zu falschsexuellen Identitäten und Lebensweisen wurde eine «Menschenbibliothek» im Haus verteilt. Mensch konnte sich dort andere Menschen mit unterschiedlichsten Erfahrungen, Identitäten und Lebensweisen «ausleihen» und sich zu allen möglichen Facetten von sexuellen, romantischen und Geschlechts-Identitäten informieren. Falschsexuell kann nämlich unglaublich Vieles bedeuten, das wurde uns an der ganzen Reise in wunderbarer Farbenpracht vorgelebt. Mensch konnte alles fragen, was er_sie schon immer übers Trans- oder Non-Binary-Sein, über Polyamorie, Asexualität, Pan- und Bisexualität wissen wollte.
In verschiedensten Diskussionen und Workshops heckten wir schliesslich aus, wie wir die Weltherrschaft übernehmen – oder zumindest mit der Milchjugend unser Umfeld ein bisschen bunter und offener machen können. Es war ein Wochenende voller Liebe, Akzeptanz und Lernen. Wir haben unseren Kampfgeist erfrischt und versucht, uns gegenseitig Sicherheit zu geben und unser wunderschönes falschsexuelles Selbstbewusstsein zu stärken. Wenn’s doch einmal zu viel wurde oder Schwierigkeiten gab, war ein Care-Team mit offenen Ohren und Armen unterwegs, um weiterzuhelfen.
Ausserdem sorgte unser grossartiges Küchenteam mit ihren Menus und die vielgenutzte Kaffeemaschine dafür, dass mensch trotz wenig Schlaf die nöige Energie hatte, zwischen den Workshops Musik zu machen, Spiele zu spielen, Einhorn-Rennen und -Kämpfe zu veranstalten und sich natürlich ganz viel auszutauschen.

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