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Der Jugend erste Male

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Der Jugend erste Male

Dieses Mal: Sich zum ersten Mal wohlfühlen in Schale

Erzählt von Lucien, 21

Irgendwann in der Pubertät wurde mir unwohl, wenn ich Röcke oder lange Kleider trug. Ich tat es trotzdem, zum Beispiel an meiner Diplomfeier und am Abschlussball der Schule. Ich erinnere mich gut daran, wie ich vor dem Garderobenspiegel im Kleidergeschäft stand – in einem violetten Kleid, das eigentlich ganz schön war, aber nicht für mich. Rückblickend war es falsch, das Kleid zu kaufen, weil es jetzt in meinem Schrank hängt und darauf wartet, weggegeben zu werden (will jemand ein wirklich schönes violettes Kleid, Grösse M/L?). Die Fotos von diesen Abenden schaue ich mir nicht mehr gerne an, weil die Person auf dem Bild nicht ich bin. Aber damals habe ich mir nicht überlegt, dass es auch anders gegangen wäre. Irgendwie gehörte es dazu. Als ich realisierte, dass ich trans bin, konnte ich endlich meinen eigenen Stil finden und damit aufhören, in die Norm Frau passen zu wollen. Mit kurzen Haaren und anderen Kleidern geht es mir seither viel besser. Ein wirklich tolles Erlebnis war, als ich mich zum ersten Mal seit meinem Stilwechsel wieder in elegante Kleidung schmeissen musste. Denn seit letzten Sommer spiele ich Bratsche in einem Laienorchester, und wie es sich an klassischen Konzerten gehört, müssen wir uns jeweils elegant kleiden. Eigentlich finde ich das ganze Drumherum bei klassischen Konzerten etwas übertrieben – aber es gab mir die Gelegenheit, meinen neuen Stil auszuprobieren. Ich lieh mir die Anzughosen meines Bruders, kaufte mir schöne Schuhe und ein schwarzes Hemd aus der Männerabteilung und trug meinen Binder. Zwar wurde ich immer noch als Frau gelesen, aber ich fühlte mich wie befreit – selbstsicherer und irgendwie schön. Das blieb nicht unbemerkt: Eine Freundin meiner Familie, die mich schon kannte, als ich noch nicht einmal krabbeln konnte, sagte zu mir: «Du strahlst echt etwas aus!», und fragte mich, wie ich mich fühlte. «Super», antwortete ich über beide Ohren grinsend. Sie weiss nicht, dass ich trans bin, deshalb freute ich mich umso mehr über ihre Reaktion. Ähnlich ging es mir im Orchester: Zuerst warich unsicher, ob die Leute komisch reagieren würden, da viele schon älteren Semesters sind. Aber ihnen ist mein Stil egal, sie akzeptieren mich so wie ich bin. Das hat mir gezeigt, dass ich mir früher viel zu stark einen Kopf darum gemacht habe, was ich trage und was nicht und was andere denken könnten. Aber jetzt weiss ich: Es ist nie zu spät, aus den Normen auszubrechen und herauszufinden, was zu einem passt – ob trans oder nicht. Es zu machen kann befreiend und wunderschön sein.

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Der Jugend erste Male

Dieses Mal: Mein erstes Mal mit einer Frau

Erzählt von Tim, 25

Für mich war schon immer total klar, dass ich auf Männer stehe. Ich hatte das Glück, dass ich mich früh outen und mein Schwulsein ausleben und in vollen Zügen geniessen konnte. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals Sex mit einer Frau haben würde – warum auch? Ich habe es mir sehr bequem eingerichtet in meiner schwulen Identität und entsprach gerne den vielen Gay-Klischees. Gut, manchmal habe ich mit guten Freundinnen im Ausgangauf der Tanzfläche geknutscht. Aber das hätte nie zu mehr geführt – bis sich letzten Sommer etwas änderte. Ich war mit meiner besten Freundin – sie ist lesbisch – auf einer Gartenparty von Freund_innen eingeladen. Die Stimmung war sowieso schon sehr ausgelassen, die Bowle hat dann wohl ihren Rest dazu beigetragen. Als wir uns dann irgendwann spät in der Nacht (oder früh am Morgen?) zu Fuss auf den Nachhauseweg machten, küssten wir uns plötzlich. Und es fühlte sich so selbstverständlich, so natürlich an. Wahrscheinlich, weil wir beide sowieso schon eng befreundet waren. Als wir dann bei mir zuhause ankamen, haben wir uns gemeinsam auf Entdeckungsreise begeben. Und schliesslich miteinander geschlafen. Es fühlte sich überhaupt nicht so an, wie ich mir Sex zwischen einem Mann und einer Frau immer vorgestellt habe – sondern eher irgendwie queer. Wir haben seither noch ein paar Male miteinander geschlafen. Es blieb immer sehr freundschaftlich. Auch danach. Es gab keine seltsame Stille und auch keine unangenehmen Momente. Es hat viel mehr unsere Freundschaft vertieft. Mich verwundert unsere Nähe manchmal immer noch, auf eine schöne Art und Weise. Sex mit meiner besten Freundin ist nicht wie der Sex, den ich mit Männern, mit Affären und One-Night- Stands habe. Sondern anders. Nicht besser oder schlechter. Aber schön. Nichtsdestotrotz bezeichne ich mich weiterhin als schwuler Mann. Denn schwul sein ist so viel mehr, als mit Männern zu schlafen, da steckt eine ganze Kultur dahinter. Aber ich glaube, dass wir uns viel zu oft eigene Grenzen setzen, um uns in Sicherheit über unsere Identität zu wiegen, anstatt mit Neugier Dinge auszuprobieren, die eigentlich so gar nicht zu dem Bild passen, das wir von uns selber haben. Und ich bin froh, habe ich die Grenzen meines Schwulseins ein wenig gedehnt – das hat mir neue Sichtweisen eröffnet.

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Der Jugend erste Male

Dieses Mal: Das erste Coming-Out als trans*

Erzählt von Kim, 23

Meine ersten Kontakte mit dem Thema «Trans», und «Transmännlichkeiten» waren nicht wirklich positiv. In den Medien wurden Trans*Menschen fast immer als unglücklich portraitiert– und nur einer war glücklich, nämlich Balian Buschbaum, mit der Begründung das sei er nur, weil er vorher intensiv Sport betrieben habe und darum einen athletischen Männerkörper bewohne. Als ich das erste Mal mit einem Trans* Mann im Internet schrieb, wurde ich von ihm nicht ernst genommen, weil ich mein eigenes Transsein erst am Andenken war und mich noch nicht klar positionierte.

Auf mein erstes inneres Outing folgte deshalb erstmal Verdrängung. Dann aber hatte ich ein unerwartet positives Erlebnis: Eine Lehrperson an meiner Schule outete sich als Trans*Mann. Das führte auch zu meinem zweiten inneren und ersten äusseren Outing. Ich war begeistert davon, dass er trans* sein kann und darf und das auch macht. Und ich sah eine reale Chance darin, dass ich auch trans* sein kann und darf und das machen möchte. Und das machte ich dann auch!

Ich outete mich als trans*, empowert, glücklich. Als ich recherchierte, fand ich auch andere Trans*Menschen, die empowert und glücklich sind. Und ich war froh, dass dieser Lehrer mir Mut gemacht hatte, seine Sichtbarkeit meine Sichtbarkeit förderte, und meine Sichtbarkeit vielleicht zur Sichtbarkeit Anderer führt.

Ich freue mich jeden Tag über die Sichtbarkeit von Trans*Menschen. Dicken und dünnen, traurigen und glücklichen, schwarzen, schwulen, behindert werdenden, religiösen und atheistischen und allen anderen. Und bin froh, dass ich inzwischen nicht mehr nur negative Bilder im Kopf habe.

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