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Dezember 2016

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DER JUGEND ERSTE MALE

Dieses Mal: Mit Rock raus

Erzählt von Lotti Viril, 17, aus Zürich

Der lustlose Blick in den Kleiderschrank. Tagtäglich, immer wieder: Ich führe den Kampf zwischen «mich schön fühlen» und «mich sicher fühlen». Heute bin ich mutig, heute will ich schön sein – natürlich. Ja, natürlich sollte es sein, dass mensch sich wohl und sicher gleichzeitig fühlt. Sollte, aber geht halt nicht, weil Hass und Angst Gesichter des Alltags sind. Der harmlose Akt des Bekleidens wird für mich in solchen Momenten zu einem ausweglosen Streitgespräch zwischen Vernunft und Emotion, bei dem Letztere meistens gewinnt.

Hmm, wie wäre es wohl, den Rock da anzuziehen, ihn zu tragen als wär’s nichts Besonderes? Szenarien in Pastell bis Dunkelgrau schiessen mir durch den Kopf. Behutsam steige ich in einen langen, schwarzen Rock mit Seitenschlitz bis übers Knie und noch bevor sich das Elaste um meine Taille schmiegen kann, liegt die Vernunft K.O. – Wow, der erste Triumph. Das passiert also wenn ich den Rock einfach anziehe.

Entgegen meiner Erwartung stolziere ich durch den wöchentlichen Flohmarkt an der Kanzleistrasse: wenige Blicke, ein überraschtes Grinsen hier, ein irritiertes Stirnrunzeln da. Die negativen Impulse prallen am verdammt geilen Selbstbewusstsein, das ich gerade zum ersten Mal so richtig erlebe, ab. – So fühlt es sich also an, den Rock einfach zu tragen.

Ich bin zum Essen eingeladen. Am Limmatplatz warte ich auf den Bus, der mich zur Stadtgrenze führen soll. Hier passiert viel: Eigentlich recht bunt hier und den meisten ist’s irgendwie eh egal, was um sie herum passiert. Die Person, die mit mir auf der Bank sitzt, nascht genüsslich knallrote Erdbeeren aus einer Plastiktüte. Mit einer wohlwollenden Geste bietet sie mir einige davon an. Ich greife dankend zu. Sie mustert meine Beine und kommentiert: «C’est beautiful»Wir lächeln beide und schmatzen die süssen Früchte. – Wenn mensch strahlt, strahlt mensch zurück. Des Rockes wegen?

Mein Selbstwertgefühl steigert sich ins Unermessliche. Dieser Rock ist magisch, denk’ ich mir. Noch heute Abend bevor ich ins Bett gehe, werde ich ihn mit Sekundenkleber an meine Hüfte heften, denn dieses Gefühl darf nicht vorübergehen. Ich reflektiere den Tag auf dem Heimweg bis mir aus kurzer Distanz «Stirb, Schwuchtel!» zugerufen wird. «Stirb!» – Sekunde später liege ich niedergedrückt auf einer Eingangstreppe, mein Rucksack wird entleert und ich werde mit den Worten verabschiedet: «Jetzt weisst du was passiert, wenn du einen Rock anziehst».

Ich versuche zu übersetzten: Jetzt weiss ich, was passiert – ja, was passiert denn? Was? Ich werde wahrgenommen, Das ist mal das erste. Ich nehme mich selbst wahr. Wichtig. Denn erst jetzt kann ich schreien. Mit Worten und mit Stoffen. Die Gewalt muss nicht übersetzt werden, es ist die Freiheit, die nicht verstanden wird.

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SINNBILDER DES BEGEHREN

FANTASIEN KÖNNEN VIEL ÜBER UNS UND UNSERE IDENTITÄT AUSSAGEN.

Lena, 20   Automatikerin aus Boningen

Lena, 20

Automatikerin aus Boningen

Sind Fantasien dazu da, uns kurzzeitig zu beflügeln – nur, damit wir danach doch wieder enttäuscht werden? Macht mensch sich Hoffnungen, die niemals wahr werden können? Nicht unbedingt: Es gibt Fantasien, die durchaus wahr werden und die uns antreiben können. Oder solche, von denen wir etwas über uns selbst lernen können.

Eine häufige Form der Fantasie ist die Sexfantasie. Daran ist gar nichts verwerflich, ganz im Gegenteil, es gehört einfach dazu. Viele Sexfantasien sind unrealisierbar oder haben zumindest nur geringe Chancen. Mensch kann aber auch aufgrund der vorkommenden Aktionen in solch einer Fantasie Rückschlüsse auf sich selbst ziehen.

Immer dann, wenn sich mensch zum Beispiel Sex mit einem Promi oder an einem sehr unüblichen Ort vorstellt, ist die Fantasie schwierig oder unmöglich realisierbar. Oft hat diese Unmöglichkeit einen zusätzlichen Reiz. Eine andere Form von Fantasie ist diejenige, die sich sehr echt anfühlt. Diese Fantasien können vorbereitend wirken, so dass mensch nach dem Fantasieren fast das Gefühl bekommt, etwas wirklich erlebt zu haben. Ein Beispiel dafür ist: Wer noch nie Sex hatte und sein_ihr erstes Mal akribisch durchdenkt, kann sich unter Umständen besser darauf vorbereiten, was bei ersten sexuellen Erfahrungen passieren könnte. Das kann helfen, sich auf Ungewohntes einzustellen. Natürlich können solche Fantasien nie zu hundert Prozent dem entsprechen, was einen erwarten wird. Aber immerhin wird mensch zu einem Teil geistig darauf vorbereitet, vergleichbar mit Sportler_innen, welche sich auf einen Kampf, einen Tanz, eine Abfahrt oder Ähnliches vorbereiten: Kurz bevor es ernst wird, gehen sie die Abläufe nochmals durch und stellen sich dabei die Handlung vor.

1989 stellte der Psychologe Ray Blanchard sein Modell zur Erklärung der Transidentität vor. Ein Teil seines Modells war die «Autogynphil- bzw. Autoandrophil-Transsexualität». Seine Theorie beschreibt das Phänomen, dass manche Menschen sich selbst während des sexuellen Akts oder auch bei der Masturbation nicht als ihr Geburtsgeschlecht, sondern als Angehörige_r eines anderen Geschlechts vorstellen. Das Wort Autogynophilie leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet übersetzt selbstfrauliebend und Autoandrophylie selbstmannliebend. Das bedeutet, dass sich zum Beispiel eine Person, der bei der Geburt das Geschlecht des Mannes zugeordnet wurde, vorstellt, in einer sexuellen Situation im Körper und der sozialen Rolle einer Frau zu sein – und umgekehrt.

Natürlich ist dies keine Kategorisierung, welche aussagen soll, dass jeder Mensch mit einer Trans*identiät automatisch solche Gefühle oder Fantasien hat. Auch bedeutet das nicht, dass jemensch, der_die sich so etwas vorstellt, eine Trans*identiät hat. Die Fantasie ist schliesslich ein wundersames und beinahe unverständliches Ding, das nur von dem betreffenden Menschen selbst – und manchmal nicht einmal von diesem – verstanden werden kann. Aber vielleicht beflügelt diese Fantasie jemenschen und regt dazu an, sich selbst besser kennenzulernen.

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VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN – SIBYLLE BERG (2012)

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VIELEN DANK FÜR DAS LEBEN – SIBYLLE BERG (2012)

Jov_in, 20   Praktikant*in aus Zürich

Jov_in, 20

Praktikant*in aus Zürich

Kein Mädchen und kein Junge, der Kopf zu rund, die Beine zu lang, die Stimme zu hoch. Toto hat Pech, könnte mensch meinen. Pech, das hässlich ist. Das Pech, das nur durch den Ekel der Gesellschaft existieren kann. Der Ekel, der das Andere als abnormal darzustellen versucht.

Im Roman «Vielen Dank für das Leben» schickt Sibylle Berg ein ganz eigenartiges Wesen von Osten nach Westen, von der Armut in den Reichtum, von der Vergangenheit in die Zukunft. Überall tönt dieselbe Melodie in Totos Ohren: Die Symphonie des Hasses und des Ausgrenzens.

1966 aus dem Dunst des Alkohols entstanden, in der Ausweglosigkeit eines grauen Staates, in dem den Menschen Elend und Hass als Grundnahrungs- mittel serviert wird, beginnt das jämmerliche Leben eines_r Held_in, der_die so gar keine_r sein kann.

Toto aber ist es. Die unendlichen Gemeinheiten und der Sadismus, die Toto widerfahren, prallen an Toto ab wie Wasser an lackiertem Blech. Toto kennt nichts anderes und deshalb ist Toto froh, überhaupt zu sein. Eine unvorstellbare Provokation für all jene, die sind wie sie sein sollen und somit eigentlich nur frustriert sein können. Im Kinderheim wurde Toto misshandelt, von der Gastfamilie ausgenutzt, von ihrem Liebhaber vergiftet und die letzten Worte einer Frau, die Toto beim Sterben begleitete, waren: «Geh weg, du ekliger Freak.» Toto aber grinst – beim Singen, bei Freude, Mitleid, Traurigkeit, Vergewaltigung und Atomkatastrophen. Das Grinsen als Geste einer sehnsüchtigen Hoffnungslosigkeit verliert Toto nie. Es ist das einzige, um das sie_ihn niemand berauben kann. Das Andere kann unmöglichen hassen, wenn dies der ganze Rest bereits ununterbrochen tut. Ein furios geschriebenes Plädoyer für Andersartigkeit, das zeigt, dass wir dem Anderen zuliebe anders sein müssen.

 

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