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Juni 2017

Dialog zweier Fremden

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Dialog zweier Fremden

Zwei Menschen treffen sich zum ersten Mal – so weit, so bekannt. Doch wer sie sind,wie sie aussehen, welches Geschlecht sie haben, bleibt der Fantasie des_der Lesenden überlassen. Ein Experiment.

Nadia, 19   Schülerin aus Maur

Nadia, 19

Schülerin aus Maur

«And if I seem a little strange, that’s because I am.» – «Bitte was?» – «Die Band auf deinem Shirt.... The Smiths. Ich mag sie.» – «Soll ich dir ein Geheimnis verraten? Ich mag sie auch.» –«Und ich dachte schon, mensch trüge heute nur noch Shirts von Bands, die mensch absolut verabscheut.» – «Den Trend hab ich irgendwie voll verpasst. Tragisch.» – «Tut mir übrigens leid, dass ich dich so aus dem Nichts heraus überfallen habe... ich hoffe, ich störe nicht?» –«Gar nicht. Ich wollte in meiner Pause nur rasch ein paar Sonnenstrahlen tanken, aberhabe nichts gegen ein wenig Gesellschaft.» – «Gut. Es tut mir nämlich überhaupt nicht leid.» – «Diese Unverschämtheit! Bist du immer so?» – «Nur dienstags bis sonntags, am Montagversuche ich mich normal zu benehmen.» – «Ach, weisst du, Normalität wird doch massiv überbewertet.» – «Findest du?» – «Ja. Menschen, die anders sind, ecken zwar öfter anund verbrennen sich auch mal die Finger an den Sternen, die sie jagen, aber je vielfältigerund freier unsere Welt wird, desto schöner ist sie doch.» – «Du willst wohl die Weltverbessern, wie?» – «Wer will das nicht?» – «Naja, ich meine, die meisten Menschen würdendie Welt sofort ändern, solange sie sich dafür in ihrem Komfort nicht einschränkenmüssten und ihre Vorurteile nicht hinterfragen müssten und auf keinen Luxus verzichtenmüssten und einfach generell nichts verändern müssten.» – «FaulheitTM. Forminghuman minds since... seit es die Menschheit halt gibt.» – «Aber um fair zu sein, Faulheit hat auch Vorteile. Hätte ich heute Morgen nicht mit aller Macht versucht, meiner immernoch nicht fertigen Abschlussarbeit auszuweichen, wäre ich niemals spazieren gegangen und hätte dich nicht getroffen.» – «Welch schrecklicher Verlust das gewesen wäre! Ein Drama von Shakespeare’schem Ausmass!» – «Mindestens!» – «Hey, so langsam kriegich Hunger! Wollen wir zusammen was essen gehen?» – «Verdammt, mein Termin! Ich habe die Zeit komplett vergessen. Ich muss dringend los. Es war wunderbar, mit dirgemeinsam der Realität entfliehen zu können.» – «Sehen wir uns bald wieder?»

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FtWTF

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FtWTF

Karo:

Sascha, 24   Schüler_in aus Olten

Sascha, 24

Schüler_in aus Olten

«Female to WTF» stellt das Leben von sechs Transmännern in Ös- terreich dar. Die Protagonisten haben unterschiedliche Hintergründe und Lebensumstände, und für jede Person hat «männlich sein» eine eigene Bedeutung. Alle haben das Bedürfnis nach Akzeptanz, nicht nur als Transmenschen, sondern auch in ihren kompletten, manchmal auch wechselnden Identitäten. Jede Reise in die eigene Authentizität ist einzigartig, aber natürlich brauchen die Transmenschen Kommunikation miteinander.

Sascha:

Karo, 27   Informatikerin aus Zürich

Karo, 27

Informatikerin aus Zürich

Genau das macht FtWTF zu einem so tollen Film! Wie die Beschrei- bung dazu bereits sagt, fängt der Film dort an, wo andere Trans*Do- kumentarfilme aufhören – das habe ich den ganzen Film hindurch gespürt: Er interessiert sich unwesentlich für körperliche Anglei- chungen, er interessiert sich für das individuelle Verständnis der Identitäten, die diskutiert werden. Er zeigt Überschneidungen und Abweichungen, lässt die Darsteller_innen miteinander diskutieren, die Identitäten miteinander diskutieren. DAS macht diesen Film aus!

Karo:

So ist für mich auch eine der stärksten Szenen im Film eine, in der es um Kommunikation geht: Dorian redet mit Nick, der zuerst als Lesbe und danach als Mann in einer Polybeziehung mit einer queeren Frau durch das Leben gegangen ist. Nick war am Anfang mit seinem Leben als Butch-Lesbe ziemlich zufrieden und wurde dann während seiner Transition von seiner Partnerin unterstützt. Dorian stellt dem seine Erfahrung gegenüber, die anders gewesen ist: Er hat sich nie wirklich akzeptiert gefühlt, weder als Lesbe noch als schwuler Mann (wobei er noch stets auf der Suche ist, von welchem Geschlecht oder von welchen Geschlechtern er sich angezogen fühlt). Eine andere besondere Stelle von Dorians Geschichte war für mich diejenige, als er an einem Playfighting teilnimmt. Er kämpft da mit einem anderen Mann. Als ich den Film sah, hatte ich den starken Eindruck, dass diese Aktion, wo die beiden Männer ringen und ein paar andere Menschen zuschauen, eine Art gemeinsame Anerkennung von Kraft zwischen den Männern verkörpert. Und ich dachte, vermutlich war genau diese Anerkennung für Dorian ziemlich wichtig. Als nicht-binäre Person kann ich dieses Bedürfnis gut verstehen.

Sascha:

Diese Szene hat mich auch beeindruckt, auch wenn gerade Dorian derjenige war, mit dem ich mich am wenigsten identifizieren konnte. In FtWTF geht es aber nicht darum, sich mit allem und jedem identifizieren zu können (und diese Frage wird im Film sogar von Nick und Dorian diskutiert), es geht vielmehr darum, ein queeres Verständnis von Geschlecht aus verschiedenen Perspektiven, durch unterschiedliche Akteur_innen zu gestalten. Der grösste gemeinsame Nenner dabei ist, dass alle gezeigten Personen bei Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesen worden sind und wunderbar zu beobachten ist, wie alle daraus etwas ganz Unterschiedliches ge- macht haben. Diese Zuschreibung ist quasi nur noch im Titel, nämlich in «Female to», vorhanden.

Karo:

Ich fand den Film spannend und auch aufschlussreich, weil er für mich eine Vertiefung des Themas Trans-Sein anbot. Menschen, die sich bereits damit beschäftigt haben, haben die Gelegenheit, neue Nuancen des Trans- und Männlich-Seins zu entdecken und auch einer Vielfalt von Menschen und Lebenswegen zu begegnen, die mensch gut nachvollziehen kann. Sehr empfehlenswert!

 

-Karo und Sascha haben den Film «Female to WTF» am Coming Out Day 2016 in Zürich im Kino Xenix gesehen. Es ist das erste Mal, dass ein Trans*thema im Hauptact der Coming Out Days gezeigt wurde und es war auch der bestbesuchte Film des diesjährigen Events.

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IN EINEM JAHR BIN ICH...

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IN EINEM JAHR BIN ICH...

Daria, 22   Studentin aus Zürich

Daria, 22

Studentin aus Zürich

Wer bist du in einem Jahr? Wie fühlt sich dann dein Leben an: Es ist Juni, in der Nacht riecht die Luft nach Fluss und Sommer, du sitzt das erste Mal wieder mit deinen Freund_innen draussen. Ist dann alles noch genau gleich, in einem Jahr? Oder ist alles ganz anders?

Wenn wir an die Zukunft denken, kann das verwirrend, beunruhigend, aber auch sehr schön sein. Wenn wir gemeinsam in die Zukunft blicken, ist das leichter – weil wir uns gegenseitig Mut machen können. Wir haben zwei junge falschsexuelle Menschen gefragt, wer sie in einem Jahr sein werden.

Ewa, 19   Studentin aus Zürich

Ewa, 19

Studentin aus Zürich

 

 

 

Wer bist du?

Ich bin Flavia, ein Katzenmensch, dreiundzwanzig, ich studiere Informatik und etwas Gender Studies. Ich rede gerne über Labels, mag mich aber selbst nicht auf ein Gender oder eine Sexualität festlegen. Am ehesten bin ich genderfluid – irgendwo im weiblichen Bereich. Ich bezeichne mich gerne als Demigirl und trans. Und irgendwie lesbisch, aber auch irgendwie offen – einfachheitshalber benutze ich aber das Label lesbisch. Ich engagiere mich ab und zu bei TGNS.

Wer bist du in einem Jahr?

In einem Jahr will ich wissen, was ich ungefähr sein werde – ich will mir meine Zukunft vorstellen können. Das klingt seltsam: In der Zukunft will ich über meine Zukunft Bescheid wissen... Aber ein Jahr ist nun mal nicht besonders lange.

Ich will in einem Jahr nicht erwachsener sein als jetzt. Am liebsten möchte ich später von mir sagen können: Richtig erwachsen geworden bin ich nie. Ich hoffe, dass ich mich nie in dieses hetero- oder homonormative Schema zwängen werde: Einen sicheren Job haben, Kinder planen, in ein Einfamilienhaus ziehen. Viel lieber will ich in einer WG mit vielen Katzen leben. Auch wenn es nicht leicht ist, will ich nie versuchen, gleich zu sein wie andere, so im Sinne von: «Ich bin zwar lesbisch, schwul, trans, was auch immer – aber ich bin doch wie ihr, bitte akzeptiert mich.»

Was sind deine Wünsche, Hoffnungen für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass der queere und feministische Aktivismus grösser und zugänglicher wird. Klar ist es cool, sich in Hinterhöfen und alternativen Cafés zu treffen – ich hoffe aber, dass wir es irgendwann nicht mehr nötig haben. Ich will, dass wir nicht als «speziell» angesehen werden, sondern als eigenen, bereichernden Teil der Gesellschaft. Gewissermassen das Umgekehrte von dem, was die SVP geschafft hat: Wegen ihnen ist es inzwischen normal, ausländer_innenfeindliche Gedanken öffentlich zu teilen. Ich will, dass es völlig normal ist, dass mensch sich für queere und feministische Anliegen einsetzt. Dass mensch stolz darauf sein kann, ein Gutmensch zu sein. Was ich mir auch wünsche, ist, dass wir unser Konzept von Liebe hinterfragen. Dass wir nicht mehr so darauf getrimmt werden, die eine Person zu finden und alles mit ihr teilen, und wenn wir sie nicht finden, sollten wir gleich auf alles verzichten. Das hat fast religionsartige Züge – ich merke das an mir selbst. Für mich persönlich hoffe ich, dass ich in einem Jahr mehr Energie dafür haben werde, mich zu engagieren. Dass meine Depressionen weniger Platz in meinem Leben einnehmen.

Was gibt dir Hoffnung?

Trump! Trump gibt mir wirklich Hoffnung. Diese neue, junge, feministische Bewegung, die Women's Marches, dass so viele Menschen aufstehen und sagen: So geht es nicht. Es gibt mir Hoffnung, dass diese Gegenbewegung so stark geworden ist. Ich hoffe, dass das, wofür Trump steht, auch in einem Jahr nicht normal sein wird. Dass wir uns nie an ihn gewöhnen werden. Und dass wir in vier Jahren eine schwarze Transfrau als US-Präsidentin haben.

 

 

Wer bist du?

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Ich bin Jasmin, im Sommer werde ich achtzehn und erreiche somit endlich die Volljährigkeit. Momentan habe ich noch gut ein Jahr Kanti vor mir. In meiner Freizeit mache ich gerne Sport, zeichne und schreibe. Ich bin ausserdem im Vorstand von whatever, einer Jugendgruppe für LGBTIQA* in Chur, für welche ich die Stadt zuplakatiere und damit möglichst viele Leute auf uns aufmerksam mache. Ich identifiziere mich als lesbisch, aber falls ich mich mal in einen Mann* oder in eine nicht-binäre Person verliebe, dann bin das genauso Ich.

Wer bist du in einem Jahr?

Ich würde gar nicht gross etwas ändern. Ein Traum wäre es, Ärztin zu sein bei Ärzt_innen ohne Grenzen. Und das ist nicht nur ein Traum, ich werde auch darauf hinarbeiten. Das heisst: Nach der Kanti werde ich wohl Medizin studieren.

Wo siehst du dich in einem Jahr?

In Bern an der Uni beim Medizinstudium, ich hab mir das auch schon angeguckt. Sowohl das Studium wie auch die Stadt gefallen mir sehr.

Was sind deine Wünsche, Hoffnungen für die Zukunft?

Für mich persönlich: Ich möchte irgendwann einen Hund haben. Ich liebe diese Dinger. Ausserdem hoffe ich, dass unser Jugendtreff whatever weiterwächst. Momentan sind es 10 Personen, aber ich hätte schon gerne so 20, bis ich mit der Kanti fertig bin.

Die Ehe für alle erhoffe ich mir auch. Und selbst wenn ich mich persönlich nicht kirchlich trauen lassen würde, sollte es jede_r machen dürfen. Auch Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Paare oder Einzelpersonen sollten erlaubt sein. Mensch muss doch die Möglichkeit haben, Kinder zu haben, unabhängig von Sexualität oder Beziehungsstatus, und zudem kommt das ja auch den Kindern zugute.

In der Zukunft, die ich mir wünsche, hört auch die Welle von Rassismus und Hass auf. Es kostet ja nichts, Menschen gut zu behandeln.

Gibt es konkrete Dinge, Ereignisse, Veränderungen, auf die du dich speziell freust?

Ich freu mich auf das Uni-Leben, wo ich wirklich machen kann, was ich möchte. Und dass ich dann endlich nicht mehr Geografie lernen muss. Vielleicht habe ich dann auch mal die Richtige an meiner Seite. Ich möchte glücklich sein und nach Hause kommen können zu der Person, die ich liebe.

Was gibt dir Mut, Freude, Hoffnung für die Zukunft? Was stimmt dich optimistisch?

Zu sehen, dass es Veränderungen gibt, vor allem die positiven. Die gleichgeschlechtliche Ehe wird in immer mehr Ländern erlaubt, Transmenschen erhalten immer mehr Rechte et cetera. Es sind kleine Veränderungen, aber viele kleine Veränderungen machen eine Grosse aus. Und all die positiven Rückmeldungen bezüglich unserer Jugendgruppe stimmen mich optimistisch. Es zeigt mir, dass auch andere Leute bereit sind für Veränderung.

Gibt es etwas, was du in einem Jahr sein wirst, jetzt aber noch nicht bist?

Rundum glücklich und zufrieden vielleicht, zumindest ist das eine schöne Vorstellung.

 

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