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März 2018

Erste Hilfe für die Psyche

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Erste Hilfe für die Psyche

Hier sind einige Dinge, die helfen, wenn es mir nicht gut geht. Vielleicht findest du darunter etwas, das dir ebenfalls hilft. Manchmal ist es auch nötig, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Am Ende des Textes stehen einige Anlaufstellen, an die du dich wenden kannst.

Nadia, 20  Schülerin aus Maur

Nadia, 20

Schülerin aus Maur

•    Nimm ein heisses Bad, höre deine Lieblingsmusik, mach dir einen heissen Tee, geh raus spazieren oder male ein Bild – tu, was immer dir gut tut. Du kannst auch in einer Stunde noch auf den Test lernen. Das hier ist wichtiger.

•    Schreib alle Gedanken auf, die dir durch den Kopf gehen. Manchmal hilft es, wenn du sie auf dem Blatt sortierst. Wenn du willst, kannst du das Papier anschliessend symbolisch in Stücke reissen.

•    Zieh dir die Kleider an, in denen du dich am wohlsten fühlst. Wenn du sowieso schon gestresst und nervös bist, wird das ein kratzendes Shirt oder eine zu enge Hose nur noch verstärken.

•    Bei einer Angst­ oder Panikattacke hilft es, für 4 Sekunden einzuatmen, den Atem 7 Sekunden anzuhalten und dann für 8 Sekunden auszuatmen.

•    Wenn du dich niedergeschlagen fühlst, kann es helfen, wenn du zu deiner liebsten (Queer)­Hymne durchs Zimmer tanzt, hüpfst oder stampfst.

•    Versuch, genug zu essen und zu schlafen. Gerade in Zeiten, in denen es dir nicht gut geht, kommt das oft zu kurz – doch wenn deinem Körper diese essenziellen Dinge fehlen, fehlt auch die Energie, um das Tief zu überstehen.

•    Manchmal hilft es auch, wenn du dich ganz auf eine bestimmte Sinnes­wahrnehmung konzentrierst. Das kann dein Lieblingstee, das Fell deines Hundes oder eine gut duftende Handcreme sein – Hauptsache, es stimmt für dich.

•    Wenn du alleine sein willst, ist das okay. Aber hab keine Angst davor, um Hilfe zu bitten – egal ob von Freund*innen, deiner Familie oder auch von einer Fachperson. Deine Gefühle sind wichtig.

•    Erinnere dich daran – wenn alles, was du heute schaffst, ist, irgendwie den Tag zu überstehen, wenn du es nicht mal schaffst, aufzustehen, um zu duschen, dann ist das okay. Du gibst dein Bestes. Zur Hölle mit dem Rest.

•    In Notfällen kannst du dich jederzeit an das Beratungstelefon für Kinder und Jugendliche (Tel. 147) oder an die Dargebotene Hand (Tel. 143) wenden. Beide sind 24 Stunden erreichbar und du kannst anonym bleiben, wenn du das willst. Falls du nicht telefonieren magst, kannst du auch eine SMS an 147 oder eine Mail an www.u25­schweiz.ch schreiben, dort betreuen dich ausgebildete Peerberater*innen zwischen 17 und 25 Jahren.

Und was ich dir noch sagen wollte: Es wird bes­ser. Ich weiss, im Moment fühlt es sich so an, als würdest du es nicht schaffen, als hättest du kei­ne Kraft mehr, aber das geht vorbei. Du wirst das hier überstehen, und du wirst wieder frei atmen können. Das verspreche ich dir. Du bist wertvoll. Du wirst geliebt. Du bist genug.

 

Adressen

Der Checkpoint Zürich (Konradstrasse 1, Zürich) bietet jeden Monat am zweiten Donnerstagvon 18–21 Uhr persönliche Beratung ohne Voranmeldung. Ebenso kannst du dich für einen Termin ausserhalb dieser Zeiten anmelden (fachstelle­zh@transgender­network.ch).

Der Checkpoint Vaud (Rue du Pont 22, Lausanne) bietet persönliche Beratung nach Vereinbarung trans@profa.ch, 021 631 01 77  

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Queer Mental Health

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Queer Mental Health

CW: Der folgende Text behandelt psychische Krankheiten sowie Suizidalität.

All die Lichter, die fabulösen Kleider, all die strah­lenden Gesichter: Der Milchball war so schön, es fühlte sich surreal an. Doch irgendwann nach Mitternacht spürte ich, wie mir alles zu viel wur­ de – zu viele Gerüche, Geräuschfetzen, Berüh­rungen, die ungefiltert auf mich einprasselten. Ich merkte, wie ich immer angespannter und nervöser wurde, und obwohl ich den Abend bis dahin genossen hatte, entschied ich mich, nach Hause zu gehen. Als ich einen Blick auf das Display eines Han­dys warf, blinkten mir drei Nachrichten von B. entgegen. B., der mir letzte Woche noch vorge­worfen hätte, ich könnte meine polyamourösen Partner_innen nicht wirklich lieben, weil wahre Liebe «exklusiv» sei. Plötzlich überkam mich eine enorme Leere, ich fühlte mich so erschöpft. Erschöpft davon, in einer Welt zu leben, in der meine queere Identität als «Phase» gilt, und in der ich mich oft fühle, als müsste ich mich ver­stellen, um wirklich dazugehören zu können. Diese Angst vor Ablehnung, die so viele von uns in sich tragen, das Gefühl, dass mensch sich verstellen muss, manchmal auch homo-­, bi­- oder trans*phobes Mobbing gehen nicht immer spurlos an uns vorbei. Falschsexuelle Menschen haben ein bis zu fünfmal höheres Risiko, Suizid zu begehen, als gleichaltrige cis-­heterosexuelle Menschen.

Die Thematik ist also ungemein wichtig, und doch habe ich das Gefühl, dass psychische Krankheiten in der ganzen queeren Szene im­mer noch tabuisiert, stigmatisiert und ignoriert werden. Wenn wir darüber sprechen, wie wir es geschafft haben, uns selbst zu akzeptieren, sprechen wir über «dunkle Zeiten» oder darüber, «ein bisschen down gewesen zu sein». Aber diese Probleme haben andere Namen – Depressi­on, Angst, Sucht – die wir konstant vermeiden, obwohl wir doch in einer Community sind, in der ein grosser Prozentsatz ähnliche Erfahrungen gemacht hat.

Aber ein Teil unseres Stolzes darauf, wer wir als queere Menschen sind, ist es, offen mit unseren Kämpfen umzugehen. Nur in dem wir die un­angenehmen Abzeichen von Depression, Angst oder Sucht tragen, können wir einen ersten Schritt dahin machen, psychische Krankhei­ten als einen Teil unserer kollektiven Identität zu verstehen, so wie es in den 90er­Jahren mit HIV geschah. Nur auf diese Weise können wir die Vorurteile und die Isolation um psychische Krankheiten durchbrechen.

Wir waren immer schon eine Community von Kämpfer*innen. Es ist an der Zeit, dass wir es wagen, unsere Narben zu zeigen.

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Der Jugend erste Male

Dieses Mal: Mein erstes Mal mit einer Frau

Erzählt von Tim, 25

Für mich war schon immer total klar, dass ich auf Männer stehe. Ich hatte das Glück, dass ich mich früh outen und mein Schwulsein ausleben und in vollen Zügen geniessen konnte. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals Sex mit einer Frau haben würde – warum auch? Ich habe es mir sehr bequem eingerichtet in meiner schwulen Identität und entsprach gerne den vielen Gay-Klischees. Gut, manchmal habe ich mit guten Freundinnen im Ausgangauf der Tanzfläche geknutscht. Aber das hätte nie zu mehr geführt – bis sich letzten Sommer etwas änderte. Ich war mit meiner besten Freundin – sie ist lesbisch – auf einer Gartenparty von Freund_innen eingeladen. Die Stimmung war sowieso schon sehr ausgelassen, die Bowle hat dann wohl ihren Rest dazu beigetragen. Als wir uns dann irgendwann spät in der Nacht (oder früh am Morgen?) zu Fuss auf den Nachhauseweg machten, küssten wir uns plötzlich. Und es fühlte sich so selbstverständlich, so natürlich an. Wahrscheinlich, weil wir beide sowieso schon eng befreundet waren. Als wir dann bei mir zuhause ankamen, haben wir uns gemeinsam auf Entdeckungsreise begeben. Und schliesslich miteinander geschlafen. Es fühlte sich überhaupt nicht so an, wie ich mir Sex zwischen einem Mann und einer Frau immer vorgestellt habe – sondern eher irgendwie queer. Wir haben seither noch ein paar Male miteinander geschlafen. Es blieb immer sehr freundschaftlich. Auch danach. Es gab keine seltsame Stille und auch keine unangenehmen Momente. Es hat viel mehr unsere Freundschaft vertieft. Mich verwundert unsere Nähe manchmal immer noch, auf eine schöne Art und Weise. Sex mit meiner besten Freundin ist nicht wie der Sex, den ich mit Männern, mit Affären und One-Night- Stands habe. Sondern anders. Nicht besser oder schlechter. Aber schön. Nichtsdestotrotz bezeichne ich mich weiterhin als schwuler Mann. Denn schwul sein ist so viel mehr, als mit Männern zu schlafen, da steckt eine ganze Kultur dahinter. Aber ich glaube, dass wir uns viel zu oft eigene Grenzen setzen, um uns in Sicherheit über unsere Identität zu wiegen, anstatt mit Neugier Dinge auszuprobieren, die eigentlich so gar nicht zu dem Bild passen, das wir von uns selber haben. Und ich bin froh, habe ich die Grenzen meines Schwulseins ein wenig gedehnt – das hat mir neue Sichtweisen eröffnet.

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