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Buchtipp

Carol

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Carol

Ein intensives, fast beklemmendes Buch über eine Frauenliebe im Amerika der 50er.

Emma, 24   Studentin aus Bern

Emma, 24

Studentin aus Bern

Carol – das ist die elegante, mysteriöse Frau, die eines Tages in der Spielwarenabteilung eines grossen New Yorker Warenhauses auftaucht und Therese ab dem ersten Blickkontakt völlig in ihren Bann zieht. Patricia Highsmiths Roman, ursprünglich unter einem anderen Titel herausgegeben und auch unter einem Pseudonym, beginnt ein paar Tage vor diesem ominösen Treffen, an einem der ersten Arbeitstage von Therese in ebenbesagtem Warenhaus. So kennen wir die Protagonistin bereits ein wenig – Therese, nicht Carol, ist diejenige, der wir im Verlauf der Geschichte folgen. Therese ist eine 19-jährige angehende Bühnenbildnerin, die aber noch keinen guten Praktikumsplatz gefunden hat und sich mit kleinen Jobs über die Runden schlägt. Sie ist in einer Beziehung mit einem Kunststudenten, den sie zwar mag, aber nicht liebt. Sie wirkt ein wenig verloren – und dann trifft sie Carol.

Therese verhält sich wie eine typische Frischverliebte: Sie will Carol unbedingt wiedersehen, kann ihre Augen und ihre Gedanken nicht von ihr lassen, findet Gefallen an den unscheinbarsten Gesten Carols. Trotz der Tatsache, dass die Liebe zwischen Frauen im New York der 1950er Jahre als etwas Unsittliches und Amoralisches galt, wird sich Therese ziemlich rasch bewusst, dass es das ist, was sie für Carol empfindet. Mit einem sachlichen aber vorantreibenden Erzählstil gelingt es der Autorin gut, Thereses starke Gefühle und damit verbundene Verwirrung aufzuzeigen, ohne dabei sentimental zu werden.

In mancherlei Hinsicht ist der Roman ein Vorreiter: Zumindest in der amerikanischen Literatur ist es das erste Mal, dass eine lesbische Liebesbeziehung so seriös und ohne zu viele Klischees erzählt wurde, dazu mit einem recht optimistischen Ende (lesbische Charaktere in Bücher, Filmen etc. endeten lange und manchmal sogar heute noch in Tod, Bitterkeit oder gar Heterosexualität...). Wer nicht so gern liest, kann sich übrigens auch die hübsche Filmadaption ansehen, die 2015 erschienen ist.

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  STONE BUTCH BLUES

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STONE BUTCH BLUES

EINE NOVELLE VON LESLIE FEINBERG

Sabrina, 21   Studentin aus Nussbaumen

Sabrina, 21

Studentin aus Nussbaumen

«Bist du ein Junge oder ein Mädchen?» Um diese Frage dreht sich das Leben von Jess Goldberg, der Protagonistin der Novelle «Stone Butch Blues» von Transgenderaktivist_in Leslie Feinberg. Die Handlung spielt in den 60er Jahren in im Bundesstaat New York. Bei der Geburt wird Jess das Geschlecht «weiblich» zugeschrieben, doch damit kann sie sich nie wirklich identifizieren. Bereits in der Schule wird sie wegen ihrem maskulinen Auftreten gehänselt und auch physisch angegriffen. Die Eltern erwarten von ihr, dass sie sich ihrer gesellschaftlichen Rolle als Mädchen entsprechend verhält, da die Familie aufgrund ihrer jüdischen Religion ohnehin schon ausgegrenzt wird. Noch vor ihrem 16. Geburtstag kehrt Jess ihrer Heimat den Rücken, weil sie es nicht mehr aushält. Es verschlägt sie nach Buffalo in die Schwulen- und Lesbenszene. In den Szenebars ist sie fasziniert von den Frauen, die selbstbewusst sehr männlich auftreten und die umgangssprachlich «Butch» genannt werden – daneben die sehr femininen Frauen, die «Femmes». An diesem Punkt ist zu erwähnen, dass zu jener Zeit das Ausleben von Homosexualität in den USA noch verboten ware, ganz zu schweigen von Travestie und Transsexualität. Die Barbesucher_innen lebten in ständiger Angst, in eine Polizeirazzia zu geraten. Auch Jess muss dies mehrmals erleben. Die Polizist_innen verprügeln und vergewaltigen die dort Anwesenden. Oft werden sie über Nacht ins Gefängnis gebracht, wo sie misshandelt und am nächsten Morgen wieder entlassen werden. Jess lässt sich davon aber nicht unterkriegen, sie nimmt sich ein Vorbild an den «Stone Butches», die sich nach aussen hart und unverletzlich geben. In den folgenden Jahren versteckt sich Jess hinter einer solchen Stone Butch Identität, im verzweifelten Versuch, sich so vor den Misshandlungen und den daraus resultierenden Traumata zu schützen. Sie geht Beziehungen mit Femmes ein, welche häufig als Prostituierte arbeiten. Sie schliesst sich der Arbeiterbewegung und dem Stonewall-Aufstand an. Um sich vor Übergriffen und der verhassten Frauenrolle zu schützen, beginnt sie Hormone zu nehmen und lässt sich schliesslich auch die Brüste operativ entfernen. Obwohl sie sich weder ganz als Mann, noch als Butch fühlt, bleibt sie weiterhin ihrer Aktivistenrolle treu und findet darin ihre Lebensaufgabe.

Obwohl Feinberg abstreitet, dass es sich bei dem Werk um eine Autobiografie handelt, sind etliche Gemeinsamkeiten der Protagonistin mit Feinbergs persönlichem Lebenslauf zu finden. Feinberg bezeichnete sich selbst als anti-rassistische_r, jüdische_r, lesbische_r, weibliche_r, transsexuelle_r Kommunist_in und Angehörige_r der Arbeiterklasse. Auf bestimmte Pronomen wollte Feinberg sich nie festlegen.

Feinbergs Werk ist meines Erachtens nach ein Kultexemplar, das die damalige Diskriminierung von Falschsexuellen unbeschönigt und wahrheitsgetreu widergibt. Es hat mich sehr geprägt, es erinnert mich daran, welch weiten Weg wir in den letzten Jahrzehnten zurückgelegt haben und auch, welch weiter Weg noch zu gehen ist. Ich empfehle es allen, die sich mit Themen wie Nicht-Binarität, Transgender oder Homosexualität auseinandersetzen wollen.

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