Viewing entries tagged
Elia

«Ich bin die Provokateurin der Stadt»

Comment

«Ich bin die Provokateurin der Stadt»

Stella Palino ist eine Transfrau aus Baden im Aargau. Sie lebt für das Szenische und Dramatische und besitzt deshalb auch ein Theater, in dem sie selbst auch auftritt. Neben ihrem Theater hat sie eine eigene Bar, die UnvermeidBar.

Elia, 16  Schülerin aus Gossau

Elia, 16

Schülerin aus Gossau

Stella Palino studierte in Paris an einer Theater- und Zirkusschule. Seit bald 40 Jahren spielt sie Theater. Ihre Rollen waren schon immer sowohl weiblich als auch männlich, bis eine Rolle im Jahr 1997 einfach blieb. Sie habe es schon immer irgendwie gewusst und auf ihre Transition haben ihre Kolleg_innen gut reagiert. Nicht alle in Baden akzeptieren Stella. So erzählt sie mir von Jugendlichen, die ihr dumme Sprüche zurufen. Sie reagiere nicht immer gut und würde eher kontern als die Sprüche auf sich sitzen zu lassen. In den letzten Jahren seien solche Situationen aber seltener geworden.

Stella: die Seiltänzerin. Als Marilyn Monroe verkleidet, hoch über der Zürcher Altstadt, sorgte sie schon für Aufsehen. Das balancieren auf den Seilen sei wie ein Ausgleich des Lebens. Natürlich habe sie Angst gehabt, antwortete sie mir schmunzelnd auf meine Frage. Zwar sei sie schon lange nicht mehr auf einem Hochseil gewesen, aber sie könne es nicht ausschliessen, wieder einmal über unsere Köpfe zu steigen.

Wir hatten es uns an diesem strahlend schönen Sonntag vor der UnvermeidBar gemütlich gemacht. Ob sie schon immer davon geträumt habe, eine Bar zu besitzen? Nein, keineswegs. Ihr Theater hatte kein Foyer, in dem man es sich vor und nach einer Aufführung gemütlich machen, das Stück bereden oder einfach ein Bier trinken konnte. Das Haus gegenüber stand dann irgendwann zum Verkauf und Stella ergriff die Gelegenheit. Heute ist die UnvermeidBar ein fixer Bestandteil von Baden. Mit Holzbar und klassischen Möbeln, die allesamt nicht so richtig und genau darum so gut zusammenpassen, protzt das Etablissement mit Queerness, Eleganz und Charakter. Und so füllte sich die UnvermeidBar auch während unserem Gespräch mit Badener_innen, welche die Nachmittagssonne bei einem Kaffee oder einem Bier geniessen wollten.

Von der Suche nach dem Selbst

Während wir diese allgemeinen, aber teils auch sehr persönlichen Dinge besprechen, fragt sie mich irgendwann, wer denn dieses «Ich» sei, nach dem ich immer frage. Sie meint: Sich selbst findet mensch vielleicht nie. Heute suche sie nicht mehr danach, sondern lebe, wie es ihr gerade passe. Sie schliesst es auch nicht aus, sich doch wieder mal als Mann auf der Strasse blicken zu lassen. Deshalb sehen manche Transmenschen sie auch nicht als «richtige Transfrau».

Stella will kein ruhiges oder harmonisches Leben: «Ich bin die Provokateurin der Stadt.» Die Hälfte der Bewohner_innen mag oder akzeptiert das, der Rest nicht. Ihr Drang zur Philosophie spiegelte sich stets im Gespräch wieder: Nichts könne mensch richtig erklären, immer findet mensch neue Antworten. Als ich sie zum Schluss frage, was sie den Leser_innen als Rat mitgeben würde, antwortet sie mit langen Umschweifen, wie sie es gerne tut, schliesslich mit der schönen Aussage: «In den Widersprüchen, im Paradoxen, gibt es so viel ‘Wahrheit’, doch man hat Angst vor dem Widerspruch.»

Probiert euch aus!

Stella hat mir mit ihrer philosophischen, aufbrausenden, provozierenden und liebevollen Art im Gespräch eine neue Perspektive gezeigt: Lasst euch nicht unterkriegen. Versteif dich niemals auf nur eine Rolle, probier vieles aus. Lebe deine Träume und lass sie dir nicht nehmen. Sei stolz darauf, wer du bist und was du kannst. Wage auch mal etwas, du wirst nicht immer alles perfekt machen können.

 

Wer jetzt Lust hat die Unvermeidbar zu besuchen, hier noch die Adresse und die Öffnungszeiten

Rathausgasse 22, 5400 Baden

Mittwoch/Donnerstag 17 – 24 Uhr

Freitag 17 – 1 Uhr

Samstag 9 – 1 Uhr, mit Frühstück

Sonntag 13 – 22 Uhr

Comment